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Kommentar Justiz erteilt Volkswagen-Konzern Quittung

Die Verhaftung von Audi-Chef Rupert Stadler wegen Verdunkelungsgefahr markiert den aktuellen Höhepunkt der Diesel-Betrugs-Affäre. Es ist das Ergebnis der beispiellosen Arroganz eines Konzerns, der sich für unantastbar hielt.

Von: Stephan Lina

Stand: 19.06.2018

Der verhaftete Vorstands-Vorsitzende von Audi | Bild: pa/dpa

Nun ist es also passiert. Nachdem Ermittler in den vergangenen Jahren und zuletzt vergangene Woche die Büros und dann das Wohnhaus von Rupert Stadler durchsucht hatten, wurde der Audi-Chef jetzt festgenommen und in Untersuchungshaft gesteckt. Erstmals musste damit der amtierende Vorstands-Vorsitzende eines großen deutschen Konzerns hinter Gitter. Die Vorwürfe sind gravierend: Es geht nicht mehr nur um den viel-tausendfachen Betrug an Behörden und Kunden. Es geht vielmehr um Dinge, wie man sie sonst aus Mafia-Filmen kennt.

Verhaftung wegen Verdunkelungsgefahr

Denn Stadler wurde wegen Verdunkelungsgefahr festgenommen. Das heißt konkret: Die Staatsanwaltschaft hatte nach eigenen Angaben starke Hinweise, nach denen der langjährige Audi-Boss zum Beispiel Einfluss auf Zeugen und deren Aussagen in der Diesel-Betrugs-Affäre nehmen wollte. Denn im Kern steht ja nach wie vor die Frage, seit wann Stadler über die Tricksereien in seinem Unternehmen informiert war.

Für Audi und damit auch die Konzernmutter Volkswagen ist die Verhaftung Stadlers ein Debakel. Aber keines, das vom Himmel fiel oder von dunklen Mächten inszeniert wurde. Dass es so weit kommen konnte, das ist vor allem der Arroganz in Wolfsburg und Ingolstadt geschuldet.

Abgekoppelt von den Kunden

Dort hat man bis heute offensichtlich nicht verstanden, dass es jenseits der Konzernzentralen noch eine Welt da draußen gibt. Und dort draußen, dort also wo die Kunden sitzen, die Behörden und auch die Politik, dort nimmt man die Dinge durchaus realistisch wahr. In der echten Welt reicht es eben nicht, ein paar wohlfeile Worthülsen abzusondern, von Ehrlichkeit und Anstand zu schwadronieren, während sich tatsächlich im Kern nichts im Unternehmen ändert. Dort draußen, in der realen Welt der Kunden, ärgert man sich darüber, dass das eigene Auto möglicherweise unverkäuflich wurde, während die Verantwortlichen nach wie vor auf ihren Vorstandssesseln sitzen. Dort draußen nimmt man es als Problem wahr, dass gerade derjenige unverdrossen den Aufklärer mimen durfte, der für das Debakel bei Audi letztendlich als Vorstandsvorsitzender verantwortlich war.

Quittung von der Justiz

Nun hat man von der Justiz wieder eine Quittung erhalten. Ob der Volkswagen-Konzern etwas daraus lernt? Das muss so lange bezweifelt werden, so lange beim Führungspersonal nicht endlich reiner Tisch gemacht wird. So lange keine Topmanager das Sagen haben, die ohne jeden Zweifel nichts mit dem Dieselbetrug zu tun hatten und haben. So lange man sich aber weiter durchwurstelt, so lange zerstört man weiter die Reputation einstiger Vorzeigekonzerne, so lange schürt man die Wut der Kunden, und so lange verliert man den Rückhalt der Politik, den man gerade in den Zeiten von Handelskonflikten und Fahrverbots-Debatten so dringend bräuchte.


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