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Demjanjuks Biografie Von Iwan zu John

Als Iwan Demjanjuk 1920 in der Ukraine geboren, wurde er als Rotarmist von der Wehrmacht festgenommen. 1952 wanderte er in die USA aus, wo er sich fortan John nannte. 1988 wurde er in Israel als NS-Kriegsverbrecher zum Tod verurteilt. Das Urteil wurde 1993 aber aufgehoben.

Stand: 17.03.2012 | Archiv

John Demjanjuk (links) 1993 nach seiner Freilassung aus israelischer Haft | Bild: picture-alliance/dpa

John heißt er erst seit seiner Übersiedelung in die USA. Seine Eltern hatten Demjanjuk die Vornamen Iwan Mykolajowytsch gegeben. Geboren wurde er am 3. April 1920 in einem Dorf im Westen der Ukraine, die damals zur Sowjetunion gehörte. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Traktorist 1940 in die Rote Armee eingezogen. 1942 nahm ihn die Wehrmacht gefangen und brachte ihn ins Kriegsgefangenenlager Chełm nahe der polnischen Stadt Lublin.

Ausbildung zum Trawniki

Was dann bis Kriegsende folgte, ist der umstrittene Teil in der Biografie von Demjanjuk, den er leugnet. Den Ermittlern zufolge entschied er sich in Chełm für die Kooperation mit den Nazis. Sie sollen ihn nach Trawniki gebracht haben, einem SS-Lager ebenfalls nahe Lublin. Dort sei er als einer der einheimischen "Hilfswilligen", so der SS-Jargon, ausgebildet worden, die man nach dem Ort nannte: Trawniki. Von dort sei er im März 1943 nach Sobibor überstellt worden. Laut Anklage war er in diesem Vernichtungslager als Aufseher für den Tod von etwa 28.000 Juden mitverantwortlich. Im Oktober 1943 sei er ins oberpfälzische Konzentrationslager Flossenbürg kommandiert worden, wo er nach Angaben der KZ-Gedenkstätte Wachmann mit SS-Dienstausweis der Nummer 1393 war. Gegen Kriegsende schloss er sich angeblich der Wlassow-Armee an, einer Truppe aus ehemaligen sowjetischen Rotarmisten, die für Hitler kämpften.

1952 Auswanderung in die USA

Rechts: Dokument, das Demjanjuk als "Diplaced Person", als einen von den Nazis Verfolgten ausweist.

Demjanjuks Spur findet sich erst wieder nach Kriegsende - und zwar in Bayern: zunächst in einem Flüchtlingslager für Displaced Persons (heimatlose Kriegsflüchtlinge) in Landshut. Über sechs Jahre lang hielt er sich in verschiedenen süddeutschen Orten auf. Er heiratete, eine Tochter wurde geboren. 1952 emigrierte er mit Familie von Bremerhaven per Schiff in die USA.

Automechaniker in Ohio

Dort änderte Demjanjuk seinen Vornamen Iwan in die englische Entsprechung John. 1958 erhielt er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Wenn er denn tatsächlich ein Kriegsverbrecher gewesen sein sollte, führte er fortan zunächst ein Leben, das kennzeichnend für viele von ihnen war: unauffällig, guter Familienvater, netter Nachbar. Demjanjuk wohnte in dem kleinen Ort Seven Hills bei Cleveland im US-Bundesstaat Ohio, arbeitete als Automechaniker bei Ford, war angesehenes Mitglied einer ukrainisch-orthodoxen Kirchengemeinde.

"Iwan der Schreckliche"? Demjanjuk im Visier der Ermittler

Das Idyll bekam Mitte der 1970er-Jahre seinen ersten Riss, als Sowjetbehörden an die USA eine Liste mit den Namen von 70 angeblich in den Vereinigten Staaten lebenden mutmaßlichen NS-Verbrechern schickte, darunter auch der Demjanjuks.

1986: Demjanjuk nach Israel ausgeliefert

Bei nachfolgenden Recherchen glaubten Überlebende des Todeslagers Treblinka, in ihm den Gaskammerwärter "Iwan den Schrecklichen" wiederzuerkennen. Wegen falscher Angaben über seine Vergangenheit bei der Einreise wurde ihm 1981 die widerrechtlich "erschlichene" US-Staatsbürgerschaft aberkannt.

Todesurteil in Israel ...

Nachdem Israel Demjanjuks Auslieferung beantragt hatte, schob ihn die US-Regierung 1986 ab. Ein Jahr später begann in Jerusalem ein Prozess, der durch die Weltpresse ging.

16. Februar 1987: Prozessbeginn in Jerusalem

Am 25. April 1988 endete er mit einem Todesurteil. Das Sondergericht sprach Demjanjuk wegen der Beihilfe zum Mord an mehr als 800.000 Juden sowie wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und gegen das jüdische Volk schuldig. Er bestritt bis zuletzt, jemals KZ-Wächter gewesen zu sein und bezeichnete sich als Opfer einer Verwechslung.

... und dann die Aufhebung

Nach der Verurteilung tauchten jedoch neue Beweise auf, die den Zweifel an der Identität Demjanjuks erhärteten. Am 29. Juli 1993 hob das Oberste Gericht Israels daher das Todesurteil auf. Er kehrte in die USA zurück und lebte als Staatenloser wieder bei seiner Familie in Seven Hills. 1998 bekam er die US-Staatsbürgerschaft wieder zurück, um sie schon 2004 durch ein Urteil des Obersten Gerichtshofes wieder zu verlieren.

Fall landet 2008 bei Münchner Gericht

Der Fall Demjanjuk beschäftigte jedoch auch die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. Sie sammelte neue Beweise und übergab das Material im November 2008 der Münchner Staatsanwaltschaft. Im Dezember übertrug der Bundesgerichtshof (BGH) dem Landgericht München II die Zuständigkeit für das Verfahren.

Haftbefehl und Auslieferung nach Deutschland

Einlieferung in die Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim

Nachdem ein Gutachten des Bayerischen Landeskriminalamtes die Echtheit seines SS-Dienstausweises bestätigt hatte, erließ das Amtsgericht München am 11. März 2009 Haftbefehl gegen Demjanjuk. Nach wochenlangem Tauziehen wurde er am 11. Mai von den USA nach Deutschland abgeschoben. Per Sondermaschine traf er am 12. Mai in München ein.

Anklage am 13. Juli 2009

Demjanjuk wurde in die Krankenabteilung der Justizvollzugsanstalt Stadelheim gebracht. Einem ärztlichen Gutachten zufolge litt er an einer Knochenmarkserkrankung. Dennoch wurde attestiert, dass er verhandlungsfähig sei. Die Mediziner schränkten aber ein, dass gegen ihn je Prozesstag nicht länger als zweimal 90 Minuten verhandelt werden durfte - insgesamt also nicht mehr als drei Stunden. Am 13. Juli erhob die Staatsanwaltschaft München I Anklage gegen Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord in rund 28.000 Fällen. Am 1. Oktober 2009 ließ das Landgericht München II die Anklage zur Hauptverhandlung zu. Am 12. Mai 2011 wurde Demjanjuk zu fünf Jahren Haft verurteilt, wobei diese ausgesetzt wurde. Danach lebte er in einem oberbayerischen Pflegeheim, in dem er am 17. März 2012 starb.


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