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Holocaust-Gedenktag Ist der Pflichtbesuch in einer KZ-Gedenkstätte sinnvoll?

Wie lässt sich NS-Geschichte sinnvoll vermitteln? In KZ-Gedenkstätten wird Geschichte begreifbar - unmittelbarer und eindrücklicher als in Büchern oder Filmen.

Von: Antje Dechert

Stand: 26.01.2018

KZ-Gedenkstätte Dachau | Bild: BR

KZ-Gedenkstätten, ob nun im polnischen Auschwitz oder in Dachau und Flossenbürg in Bayern – sind Orte, die an das Verbrechen des Holocaust erinnern. Lernorte, wo Geschichte begreifbar wird.

"Besucher und Besucherinnen sind emotional berührt, aufgewühlt, sind aber teils auch mit einem gewissen Abstand unterwegs, um aus der Distanz die Auseinandersetzung zu suchen."

 Ulrich Unseld, pädagogischer Mitarbeiter an der KZ-Gedenkstätte in Dachau

Ulrich Unseld ist pädagogischer Mitarbeiter an der KZ-Gedenkstätte in Dachau und zuständig für die Bildungsprogramme dort. Ob nun emotional oder distanziert – ein Besuch im ehemaligen KZ Dachau gehe an den meisten Besuchern nicht spurlos vorbei, sagt Unseld. Auch er selbst erinnert sich noch gut an seinen ersten Besuch dort als Schüler.

Pflichtbesuch verstärkt Abwehrreaktionen

Von Pflichtbesuchen in KZ-Gedenkstätten hält der Historiker dennoch nichts. Denn die meisten Menschen fühlten sich auch auf freiwilliger Basis dazu verpflichtet, solche Erinnerungsorte zu besuchen. In den bayerischen Lehrplänen für den Geschichtsunterricht ist die NS-Zeit Pflichtthema. Eine Exkursion in eine KZ-Gedenkstätte wird Lehrern empfohlen. Und die nähmen ihre Verantwortung ernst, sagt Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau.

"Von dem Wort Pflicht halte ich wenig. Ich glaube auch, dass es bei sehr vielen Schulen und Lehrern Standard ist, in die Gedenkstätten zu kommen, einmal in der Schullaufbahn."

Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Und diejenigen, die sich nicht mit der NS-Geschichte nicht auseinandersetzen wollen? Die seien durch einen Pflichtbesuch allein wohl auch nicht zu läutern.

"Ich glaube, dass Orte wie diese schon einen Beitrag zur Demokratieerziehung und zur Verhinderung von Rechtsextremismus und extremistischen Grundhaltungen allgemein bieten können. Aber das ist nur möglich in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft, der Politik. Das ist ein Thema, was uns alle angeht. Wir können einen Beitrag leisten, aber ein Besuch allein, ist sicher nicht ausreichend, um für immer gegen extremistische Haltungen zu imprägnieren."

Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Ein Pflichtbesuch im KZ – wie er etwa in der DDR Usus war – würde nur Abwehrreaktionen nähren, warnten manche Historiker in der Diskussion der vergangenen Wochen.

Deutsche Philologen pochen auf Pflichtbesuch

Dagegen hatte der deutsche Philologenverband, also die Vertretung der Gymnasiallehrer, und auch der Zentralrat der Juden in Deutschland dennoch auf einen verpflichtenden Besuch für Schüler gepocht. Gerade für solche mit Migrationshintergrund, so der Zentralratsvorsitzende Josef Schuster, sei das sinnvoll. Der Historiker und Leiter der bayerischen KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Jörg Skribeleit, meint dazu:

"KZ-Gedenkstätten könnten für alle Menschen, egal welcher Herkunft, eine Plattform sein, um grundsätzliche, Menschen bewegende Fragen zu stellen - nach dem Wert von Leben, nach eigenen Werten, nach Humanismus."

Jörg Skribeleit, Leiter der bayerischen KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Teils negative Israelbilder bei muslimischen Einwanderern

Über das Thema Holocaust kommt man auf Themen wie Ausgrenzung, Flucht und Krieg. Gerade Flüchtlinge bekommen so Geschichte hautnah vermittelt. Die große Mehrheit von ihnen zeige großes Interesse, sagt Skribeleit. Antisemitische Ressentiments seien die Ausnahme.  

"Natürlich merken wir, dass wir in einer jüngeren Einwanderungsgesellschaft aus muslimischen oder islamischen Ländern, dass es Israel-Bilder gibt, die auch Juden-Bilder sind. Die werden bei uns nicht in Abwehr negativ artikuliert, aber wir merken auch, dass diese Stereotypen da sind. Wir versuchen, wenn so etwas artikuliert wird, die Menschen da abzuholen und mit ihnen darüber ins Gespräch zu kommen."

Jörg Skribeleit, Leiter der bayerischen KZ-Gedenkstätte Flossenbürg

Gesamtdeutsche Entsolidarisierung gegenüber Juden und Israel

Pflichtbesuche in ehemaligen Konzentrationslagern: Wie sinnvoll wäre das? Bei dieser Frage sollte die Debatte um unsere Erinnerungskultur künftig nicht stehen bleiben, meint Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums in München. Auch er hält eine Verpflichtung für schwierig. In seinen Augen wäre es wichtiger, jüdisches Leben und jüdische Geschichte in Deutschland nicht auf zwölf Jahre zu reduzieren, sondern zu zeigen, wie Juden davor und danach gelebt haben.

"Man spricht in letzter Zeit viel darüber, welche Folgen die Zuwanderung aus muslimischen Ländern hat. Ich sehe das gar nicht – auch zahlenmäßig – dramatisch. Was ich und die jüdische Gemeinschaft in Deutschland die letzten Jahre sehr stark erleben, ist in der gesamtdeutschen Gesellschaft eine Entsolidarisierung mit Juden und mit Israel. Das ist eine schleichende Geschichte, die mir eigentlich viel größere Sorgen macht."

Bernhard Purin, Direktor des Jüdischen Museums in München


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