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"Weltbierhauptstadt" München "Paris ist eine Frau. München ist Bier"

Rund 80 Brauereien gibt es um 1800 in München. Ein Jahrhundert später sind es kaum 20, aber die exportieren in die ganze Welt. Erfolgsgaranten: Cleveres Marketing, neueste Technik und ein gewaltiger Durst dahoam. Auf die Glanzzeit der Weltbierhauptstadt folgt der große braune Kater.

Von: Michael Kubitza

Stand: 13.04.2016 | Archiv

Brauereigeschichte München | Bild: Hofbräu München

Eigentümlich sei das schon, schrieb 1895 der Münchner Autor Michael Georg Conrad: eine Stadt, die zwei zu Riesentürmen ausgewachsene Maßkrüge als Wahrzeichen habe. So kann man den Frauendom auch sehen, nach einigen Halben. Zu Conrads Zeit dazumal: Die Landeshauptstadt war damals gefühlte Weltbierhauptstadt. Anfang des 20. Jahrhunderts stammte jeder zehnte weltweit getrunkene Liter Bier aus München.

In absoluten Zahlen ist die Produktion seither weiter gestiegen. Doch im Vergleich zur Weltbierproduktion muten die 2015 in Bayern gebrauten knapp 24 Millionen Hektoliter an wie die Lack'n vor einem Bierfass: Die USA produzieren die zehnfache Menge, in China sind es über 500 Millionen. Der Ruf des Münchner Bieres aber ist ungebrochen - woran der Werbeeffekt von Reinheitsgebot, Wiesn und Hofbräuhaus keinen geringen Anteil hat.

"Paris ist eine Frau, München ist Bier. Meiner Meinung nach ist München besser."

Fürst Alexei Schtscherbakow, russischer General, um 1850

Erfolgsgaranten: Der Durst ...

Mit reinem Stoff und geschicktem Marketing lässt sich der Aufstieg Bier-Münchens aber nur zum Teil erklären. Mindestens ebenso wichtig: ein glückliches Zusammenspiel technischer Neuerungen des 19. Jahrhunderts, die flottierenden, in neue "Actiengesellschaften" drängenden Finanzmitteln des Gründerzeitbooms - und ein gewaltiger Durst. Nicht nur in München ist Bier im 19. Jahrhundert Grundnahrungsmittel, eine preiswerte Ergänzung oder gar Alternative zum Brot. Aber hier, wo ein Anstieg der Bierpreise schon mehrfach zu Krawallen geführt hat, ist der Umsatz besonders groß. In den Jahrzehnten nach der Reichsgründung wächst Bayern von 170.000 auf 600.000 Einwohner an; der Pro-Kopf-Verbrauch ist mit bis zu 450 Litern pro Jahr größer als irgendwo sonst im Reich und gut dreimal so hoch wie heute.

... der Dampf und die Kälte

Holzgestell zur Erzeugung von Eiszapfen, im Volksmund auch "Eisgalgen" genannt

Was genau den Münchnern so mundete, war für Nicht-Münchner zunächst kaum zu schmecken. Der Bierexport in ferne Regionen war keine lohnende Sache - zu teuer der Transport per Bierkutsche, zu verderblich die Ware. Im Sommer mussten die Brauer das Bier ohnehin in ihren Kellern lagern und kühlen mit Eis, das sie winters aus Weihern schnitten oder auf Holzgestellen "wachsen ließen". Doch das änderte sich.

Vom fränkischen Pfarrerssohn zum Münchner Ingenieursgenie: Carl von Linde

Schon 1821 stellt Gabriel Sedlmayr in seiner Spatenbrauerei die erste Dampfmaschine auf und revolutioniert damit die Produktion. Doch wie soll man das viele Bier lagern und an den Mann bringen?

1871 veröffentlicht Carl von Linde - seit 1866 Professor für Maschinenbau am Vorläuferinstitut der TU - einen bahnbrechenden Aufsatz über Kältetechnik. Sechs Jahre später rüstet Spaten den Eiskeller mit Lindes Eismaschinen aus; die Konkurrenz zieht nach. Ab sofort kann ganzjährig gebraut werden.

Bierwaggons nach USA

Mit dem Bau von Kühlwaggons bricht eine neue Ära an. Auf einem rapide wachsenden Eisenbahnnetz transportieren immer mehr Züge mit immer mehr Waggons das Bier in immer kürzerer Zeit durch Deutschland und Europa - nach Berlin, Wien, Paris. Konzentrierten sich Brauereien und Bierlager zu Anfang des Jahrhunderts noch rechts der Isar im Dreieck Rosenheimer-, Wiener- und Keller(!)straße, ziehen sie bald in Richtung Hauptbahnhof, wo Löwenbräu, Spaten und Augustiner noch heute produziert werden. Die Weltausstellungen machen Münchens Biere bekannt; Schiffstransport nach Übersee folgt.

"Kein Erdteil ohne"

Zur Jahrhundertwende hat sich Bayerns Bierszene vollständig gewandelt. Aus Münchens Sudkesseln geht fünfmal mehr Bier in die Welt als aus alle anderen bayerischen Brauereien zusammen. Riesige Bierpaläste machen in der Landeshauptstadt und bald auch anderswo den kleinen Wirtschaften Konkurrenz. In Berlin entscheidet sich eine Großbrauerei, den ziemlich unberlinerischen Namen "Berliner Kindl" anzunehmen. In Luzern besucht man die "Bayerische Bierhalle Stadt München", in Stockholm floriert der Franziskaner, in New York der mit bayerischen Zapfhähnen bestückte Terrace Garden. Aus ehedem 60 Klein- und Kleinstproduzenten, die von der Welt unbemerkt vor sich hinbrauten, sind zwei Handvoll Braukonzerne geworden, darunter die bis heute aktiven "Global Player".

Bildergalerie: Bier, Schweiß und Visionen

Die Politik schwappt herüber

Bierpalast zwischen den Fronten: Der Mathäser Anfang Mai 1919

Mit dem 20. Jahrhundert bekommt die Erfolgsgeschichte Brüche. Im Ersten Weltkrieg bricht der Bierabsatz ein und und erholt sich im In- und Ausland nur langsam. Bier und Politik bilden ein trübes Gebräu. Die roten Revolutionäre von 1918/19 treffen sich im Mathäserbräu am Stachus (wo der Legende nach die "Russnmaß" erfunden wurde). Später schießt die rechte Gegenrevolution das Gebäude in Brand.

Zu viel Schaum vorm Mund

Der Historiker David Clay Large hat in "Hitlers München" den Alkoholkonsum der Stadt analysiert und sieht in ihm eine Triebfeder der politischen Radikalisierung. Der Aufstieg der Nazis lässt sich auch als Lokalrunde nachzeichnen: vom schäbigen NSDAP-Parteilokal im Sterneckerbräu ins Hofbräuhaus, den Kindlkeller und die anderen großen Bierpaläste.

November 1923 im Bürgerbräukeller

Geschichte macht der Haidhausener Bürgerbräu: Hier startet Hitler am 8. November 1923 seinen Putsch (der im Englischen als "Beer Hall Putsch" bekannt ist). Am gleichen Ort hätte 16 Jahre später die per Zeitzünder ausgelöste Bombe des Schreiners Georg Elser Millionen Menschenleben retten können - wenn Hitler 13 Minuten länger im Bierkeller geblieben wäre.

Der Nationalsozialismus reduziert die internationalen Absatzchancen. Ende der 1930er-Jahre kommt es vor amerikanischen Restaurants, die deutsches Bier ausschenken, zu Protesten.

"Miss Rheingold"

Ein Brauer aus der zur "Hauptstadt der Bewegung" verkommenen Kunst- und Bierstadt immerhin macht in den USA Furore: Hermann Schülein, Sohn einer jüdischen Bierdynastie ("Unionsbräu") und bis 1935 im Vorstand von Löwenbräu, macht nach seiner Emigration die New Yorker "Rheingold Breweries" zu einer der erfolgreichsten Brauereien Amerikas.

In München gehen wenig später erst die Lichter und dann das Bier aus.

Lesen Sie in Teil 2 über das Nachkriegswunder der Münchner Großbrauereien - und über ihre neue Konkurrenz.

Ausstellung

Das Münchner Stadtmuseum zeigt bis zum 8. Januar 2017 die Ausstellung BIER.MACHT.MÜNCHEN. Ein umfassendes Rahmenprogramm mit Vorträgen, Diskussionen und Bierfesten begleitet die Ausstellung.


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