4

Textilviertel Augsburg Heimfahrt ohne Lohn

Sie arbeiteten hart. Lohn sahen sie kaum. Am Ende plagte sie in ihren Bauhütten der Hunger. Der Fall von 36 rumänischen Arbeitern in Augsburg ist eine Geschichte über unzureichende Gesetze - und über Hilfsbereitschaft.

Stand: 27.07.2015

"Unvergleichlich. Unwiederbringlich. Unwiderstehlich.", so wird die "Wiederbelebung" des Augsburger Textilviertels vermarktet. "Neues Wohnen, Arbeiten und Genießen" wird hier in blumiger Werbesprache versprochen. Ganz anders sieht die Realität auf der Baustelle aus, mit der verglichen die Arbeitsverhältnisse der Weber und Färber, die hier im 19. Jahrhundert schafften, fortschrittlich wirken.

Anfang Juli traten 36 rumänische Arbeiter in den Ausstand. "Wir haben Hunger" stand auf einem Transparent. Seit Februar arbeiteten sie hier, hausten in Containern. Erst im Mai erhielten sie für die Monate Februar und März Lohn. April bis Juni: Fehlanzeige. Und Augsburg ist kein Einzelfall.

Die Situation in Augsburg

Generalunternehmer ist die Augsburger Artemis Projektgesellschaft. Der Bauherr, die Millenium Development in München-Grünwald, hat einen rumänischen Subunternehmer beschäftigt, der gegenüber "Kontrovers" über mangelnde Zahlungsmoral des Bauherrn klagte. Der Bauleiter - Angestellter des Bauherrn - stellte sich auf die Seite des Subunternehmers und wurde entlassen.

Immer öfter werden bei größeren Bauprojekten Arbeiter aus Osteuropa auf deutsche Baustellen gelockt. Das Versprechen: Gute Löhne. Die aber fließen nicht, und die Arbeiter, die oft kaum Deutsch sprechen, wissen nicht, beim wem sie ihre Ansprüche einfordern sollen. Denn Besitzer, Bauträger, General- und Subunternehmer sind Teil eines komplizierten rechtlichen Geflechts. Die IG Bau in Augsburg spricht von einer Gesetzeslücke.

Vorläufige Bilanz: Spenden ja, Lohn Nein

Mitte Juli wurden statt der Arbeitgeber die Gewerkschaften aktiv - und eine Reihe ehrenamtlicher Helfer. "Sozialpate" Ehrenfried Liske organisierte Lebensmittelspenden, um die Bauarbeiter, die ohne Essen und Trinken in ihren Wohncontainern saßen, zu versorgen. Ein Metzer spendete Fleisch- und Wurstwaren, ein Bäcker Brot und Semmeln, eine Brauerei Getränke. Ein Augsburger schenkte jedem Rumänen 50 Euro Taschengeld für die Heimreise.

Inzwischen sind die Arbeiter - mit einer Art Abschlagszahlung von 1.000 Euro - wieder daheim. Bayern-1-Hörer Arno Fottner hatte von der Misere der Bauarbeiter gehört und eine Hilfsaktion angestoßen. uch die Busfahrer Arno Fottner fährt gemeinsam mit einem Kollegen ohne Bezahlung nach Rumänien.

"Ich bin mit dem Auto auf dem Weg zur Arbeit gewesen und hab' diesen Aufruf im Radio gehört. Mittags hab' ich dann mit meinem Chef gesprochen. Der hat sich mit seinem Partner zusammen spontan entschieden, dass er die Fahrt finanziert."

Arno Fottner, Busfahrer

Wiedersehen vor Gericht

Inzwischen ist der Fall vor Gericht. Wie Betreuer Liske mitteilte, hat ein Anwalt für die 36 Rumänen beim Arbeitsgericht Augsburg Klage wegen Lohnnachzahlung eingereicht - es geht um rund 720.000 Euro. Fortsetzung folgt ...

"Wir haben einen Bauherren, wir haben einen Generalunternehmer, der den Auftrag vergeben hat an eine weitere GmbH. Die hat den Auftrag dann wiederum an eine rumänische Firma vergeben, die die Auftraggeberin der Bauarbeiter ist. Wir haben also vier Teile in dieser Kette und dann kann man sich das eigentlich ganz gut vorstellen, dass, wenn die Preise knapp kalkuliert sind, unten einfach nichts ankommt."

Michael Fröschl, Anwalt der Bauarbeiter


4