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Ideologien Antiimperialisten und Antideutsche

Von: Jürgen P. Lang

Stand: 15.08.2014 | Archiv

Antiimperialisten demonstrieren gegen Antideutsche

Zwei einander bekämpfende Strömungen kennzeichnen den modernen deutschen Linksextremismus, die Antiimperialisten und die Antideutschen. Auch wenn der Antiimperialismus im Werk von Marx und Engels wurzelt, war es doch Lenins 1916 publizierte Schrift Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, die ihn fest in der ML-Dogmatik verschraubte. Seit dem Ersten Weltkrieg gab es kaum eine linksextremistische Organisation, die den antiimperialistischen Kampf nicht als Teil des antikapitalistischen ansah – die Ausbeutung fand schließlich im Weltmaßstab statt.

Stamokap und der Antisemitismus

Lenin: Der Imperialismus

Bis in die 1980er Jahre war bei der deutschen extremen Linken die Theorie des staatsmonopolitischen Kapitalismus (Stamokap) en vogue, der die angeblichen Expansionsgelüste transnationaler Trusts mit den imperialistischen Interessen kapitalistischer Staaten identifizierte. Die Agitation gegen die „Monopole“ stand nunmehr auf der kommunistischen Agenda. Sie implizierte die Solidarität mit (linken) Befreiungsbewegungen und deren Kampf gegen den „US-Imperialismus“. Antiimperialismus ging nach 1948 einher mit der Delegitimierung des Staates Israel, den man als imperialistische Dependance im Nahen Osten verurteilte.

Linker Antizionismus

Dieser linke Antizionismus ist – blickt man auf die jüngsten Auseinandersetzungen in der Partei Die Linke – durchaus keine Seltenheit und kann in manifesten Antisemitismus umschlagen. Er geht einher mit offener Sympathie nicht nur für die Palästinenser, sondern für israel- und judenfeindliche, islamistische Organisationen wie die Hamasoder die Hisbollah. Das ist der Grund, warum der Holocaust in weiten Teilen der extremen Linken eine Leerstelle geblieben ist – trotz der „antifaschistischen“ Propaganda. Um einen Widerspruch zu umgehen, verstrickt man sich in einen anderen.

"Nieder mit Deutschland"

Dem stehen diametral Auffassungen der sogenannten Antideutschen gegenüber. Man stößt darauf, wenn man die Zeitschriften Bahamas, konkret oder Jungle World liest. Diese skurrile, weder einflusslose noch einheitliche Tendenz im deutschen Linksextremismus war im Zuge der Revolution in der DDR entstanden, als Reste der K-Gruppe Kommunistischer Bund (KB), Teile der Grünen, der Autonomen und anderen Linksradikalen eine Kampagne gegen die Wiedervereinigung starteten. Als Wortführer trat damals konkret-Autor Jürgen Elsässer auf. Die Antideutschen vertreten den Standpunkt, Deutschland sei nach 1990 noch faschistischer, nationalistischer und imperialistischer geworden – vom „Vierten Reich“ ist die Rede. Auf Demonstrationen fallen sie mit Transparenten auf, auf denen etwa „Nieder mit Deutschland“ steht. Unter anderem rechtfertigten die Antideutschen etwa die Bombardierung Dresdens gegen Ende des Zweiten Weltkriegs.

Pro-Israel, Pro-USA

Motiv der Antideutschen: Solidarität mit Israel

Dies mündet – durchaus konsequent – in eine unbedingte Parteinahme gegen Palästina und für Israel, für die USA als dessen Schutzmacht und für einen ebenso strikten Antiislamismus. So unterstützten Vertreter dieser Richtung zum Beispiel den zweiten Irak-Krieg. Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 schrieben sie denjenigen, die vor Gegenschlägen der USA gewarnt hatten, ins Stammbuch:

"Die üblichen Orientalisten diverser deutscher Hochschulen im Verbund mit den einschlägigen Vorzeigepalästinensern – Terrorismusexperten im doppelten Sinne des Wortes – traten zur Vorwärtsverteidigung an, die hierzulande Besonnenheit heißt: Von vorschneller Verurteilung der ach so friedliebenden ‚islamischen Welt‘ war da die Rede."

Erklärung der Redaktion, in: Bahamas, 36/2001

Sakrileg

Die Wiedervereining: Für die Antideutschen der Beginn eines "Vierten Reichs"

Den vor allem instrumentellen linksextremistischen Antifaschismus griffen die Antideutschen direkt an. Insbesondere in der Frage, wogegen sich der Antifaschismus zu richten habe und  wofür er eintreten soll, wichen sie von der üblichen kommunistischen Lesart ab. Die Antideutschen bezogen ihren durchaus authentisch und gesinnungsethisch wirkenden Antifaschismus auf den historischen, spezifisch deutschen Nationalsozialismus, den Rassismus und den Holocaust. Die daraus abgeleitete moralische Rechtfertigung der israelischen Politik wirkt in der „Szene“ wie ein Sakrileg, zumal die Antideutschen nicht vor deutlichen Worten zurückschrecken.

"Täter von Auschwitz"

So bezeichneten sie die traditionell pro-palästinensische Friedensbewegung als „antisemitisches Unternehmen der Täter von Auschwitz“. Trotz ihres ideologischen Wahngebildes haben die Antideutschen immerhin eines zu Wege gebracht: Sie haben den klassischen linksextremen Antifaschismus als ideologisches Kampfinstrument mit anti-westlicher Stoßrichtung enttarnt. Gleichwohl ist der ausufernde Antifaschismus der Antideutschen ein ebenfalls ein solches Instrument, stellt er doch in der Konsequenz alle Deutschen pauschal unter Faschismusverdacht.


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