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Linksextremismus Geschichte

Von: Jürgen P. Lang

Stand: 19.08.2014 | Archiv

Über die Jahrhunderte hinweg fassten nur wenige den Traum der Menschheit von einer Gesellschaft der Gleichen in konkrete Entwürfe. Wies Thomas Morus‘ fiktionaler Staat Utopia (1516) demokratische Grundzüge auf, lieferte der Sonnenstaat Tommaso Campanellas aus dem Jahr 1602 die autoritäre Antwort. In den antidemokratischen Vorstellungen des italienischen Mönches bedeutete die „Gattung“ alles, das Individuum nichts. Im Sonnenstaat lag die Macht nicht beim Volk, sondern in Händen einer absolutistischen Priesterkaste – der Prototyp einer Diktatur.

"Sündenfall Pluralismus"

Jean-Jacques Rousseau

Als Pate linksextremistischen Denkens fungiert gleichwohl der französische Sozialphilosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-1778). Er betrachtete jede Art von Pluralismus und Individualismus als Sündenfall und Ursprung von Willkürherrschaft. Gewaltenteilung und Parlamentarismus verwarf er als despotisch. Stattdessen verfocht er die utopische Vorstellung, dass jeder Einzelne vollkommen in einer sozialen Gemeinschaft aufgeht, indem er sich einem unabänderlichen Gemeinwillen (volonté générale) unterordnet. Die Interessen der Regierten und des Volkes haben demnach dieselben zu sein.

"Rousseau glaubte einen neuen Menschen herbeizwingen zu können."

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens

Doch wer definiert den Gemeinwillen und wer kontrolliert und garantiert seine Einhaltung? Darauf gab Rousseau keine genaue Antwort. Hätte er es versucht, wäre er wohl darauf gekommen, dass nur eine Diktatur imstande ist, dies zu leisten.

Am Anfang war die Demokratie

Trotz seiner Vorläufer beginnt die Geschichte des Linksextremismus, verstanden als Ablehnung der Werte und Prinzipien des freiheitlichen Verfassungsstaates durch radikal-egalitäre Ideologien, erst mit der Entstehung der Demokratie, anfangs als Idee und politische Strömung, dann - zuerst in den USA (1776) und Frankreich (1789) – als staatliches Prinzip. Zusammen mit einer Gesellschaft der Freien, der Etablierung der Marktwirtschaft und dem Aufstieg des Bürgertums zur neuen, mächtigen Klasse bildet Linksextremismus ein spannungsgeladenes Viereck.

Ideale auf dem Schaffott

Verhaftung des Robespierre

Die Geschichte des Linksextremismus war von Anfang an nicht nur eine Geistesgeschichte, sondern wesentlich auch eine Geschichte autoritärer Herrschaft. Schon bald nach der Französischen Revolution endeten die Ideale der ultralinken Jakobiner im antidemokratischen Schreckensregime Robespierres. Die sozialrevolutionären Vorstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts waren indes vielfältig, seien es die harmonischen, von den menschlichen Verwerfungen des Kapitalismus befreiten Gesellschaften eines Sait-Simon oder Fourier, seien es die gewalttätigen, umstürzlerischen Konzepte eines Babeuf oder Blanqui. Weniger theoretisch abgehoben gerierte sich die proletarische Chartistenbewegung in England, die in Wort und Tat gegen das “räuberische System“ (James Leach) der Fabrikbesitzer agitierte.


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