4

Kampf gegen Aids Wirkungsvolles Medikament wäre auf dem Markt

Als die Immunschwächekrankheit Aids Anfang der 80er Jahre auftrat, gab es kein Medikament. Patienten waren praktisch dem Tod geweiht. Nun wird ein Medikament vorgestellt, das vor der Ansteckung mit HIV schützt. Bisher allerdings ist das sehr teuer.

Von: Jeanne Turczynski

Stand: 05.10.2016

An executive from South Africa's largest commercial bank, Standard Bank, undergoes an HIV test during an HIV/AIDS awareness drive on World AIDS Day in Johannesburg, South Africa | Bild: picture-alliance/dpa

Hätte es vor 30 Jahren ein Medikament gegeben, das vor einer HIV-Infektion schützt – es hätte wohl keine Diskussion darum gegeben, wer es bekommen und vor allem, wer es bezahlen soll. Doch inzwischen ist in der HIV-Forschung viel passiert deshalb liegen die Dinge im Jahr 2016 etwas anders.

Medikamente sind auf dem Markt

Aids-Medikament Truvada

Inzwischen gibt es wirksame Medikamente gegen HIV. Und eines dieser Mittel, das Aids-Medikament "Truvada“ schützt außerdem zu rund 90 Prozent davor, sich überhaupt mit HIV zu infizieren. Ein absoluter Segen, sagt der Münchner HIV-Arzt Johannes Bogner.

"Jede verhinderte HIV-Infektion ist natürlich, auch bezüglich der verhinderten Folgekosten und des verhinderten persönlichen Leids, das damit verbunden ist, ein großer Gewinn."

Johannes Bogner, LMU München

Johannes Bogner hat das Medikament bereits vorbeugend verschrieben, auf Privatrezept – und er würde das auch wieder tun.

"Wenn ich überzeugt bin davon, dass der Betroffene davon profitieren kann, also, wenn er genau in das Profil passt, in dem die Patienten sich befunden haben an denen das getestet wurde, nämlich häufige ungeschützte Sexualkontakte und dabei irgendwie nicht die Möglichkeit hat sich anders zu schützen, dann würde ich das auf alle Fälle verschreiben, insbesondere, weil da die Datenlage so ist, dass man ganz klar bewiesen hat, Menschen die PreP nehmen profitieren in dem Sinn, dass sie sich vor Ansteckung schützen."

Johannes Bogner, LMU München

Senkung der Ansteckungsgefahr möglich - für teueres Geld

Truvada heißt das Medikament, das nun auch in Deutschland zugelassen wird zur sogenannten Prä-Expositionsprophylaxe, kurz PreP. Interessant ist die PreP in Deutschland vor allem für eine kleine Gruppe von Risikopatienten. Immer noch infizieren sich hierzulande jedes Jahr rund 3.000 Menschen neu mit HIV. Die meisten sind homosexuell, Informationskampagnen erreichen sie entweder nicht oder sie nehmen das Ansteckungsrisiko in Kauf und verzichten auf Kondome. Nun könnte es mit der PreP also ein Möglichkeit geben, die Infektionszahlen nochmal zu senken. Das Problem ist allerdings: Truvada ist ein teures Medikament. Eine Monatsration liegt bei über 800 Euro. Das können sich nur die wenigstens leisten.

"Es bringt nichts einfach nur die Zulassung zu haben und dann bei den derzeitigen Medikamentenpreisen, die sind einfach so hoch, das kann sich niemand leisten."

Nicholas Feustel, Hamburger Filmemacher

Nachahmermedikamente sind bereits im Ausland auf dem Markt

Klagt Nicholas Feustel, Filmemacher aus Hamburg. Er ist schwul, HIV-negativ und er engagiert sich seit Jahren dafür, dass alle das Medikament bekommen, die es brauchen. Er weiß, dass viele sich das Medikament längst anderswo beschaffen und dafür einige Mühen auf sich nehmen. In Indien beispielsweise gibt es bereits Nachahmermedikamente, Generika, die nur einen Bruchteil kosten. Dort bekommt man eine Monatspackung schon für 30 Euro.

"In England ist es legal sich für den Eigenbedarf und das wird definiert mit einem Vorrat für drei Monate sich solche Generika aus Indien über eine Online-Apotheke schicken zu lassen. Nach Deutschland darf man sich das nicht schicken lassen, das verbietet das deutsche Arzneimittelgesetz und dann ist es legal sich von England die Medikamente im Reisegepäck mit nach Deutschland zu bringen. D.h., dass was jetzt viele Leute tun, sie lassen sich die Medikamente nach England schicken und bringen sie sich dann eben von England nach Deutschland mit."

Nicholas Feustel, Hamburger Filmemacher

Keine Kostenübernahme

Das ist kompliziert und aufwendig, kein Weg für jeden. Deshalb fordert Nicholas Feustel, dass Truvada für die Risikopatienten von den Krankenkassen gezahlt werden sollte, so wie in Frankreich. Der GKV-Spitzenverband hat das bereits abgelehnt. Für Präventionsmedikamente sehe man keine Rechtsgrundlage für eine Kostenübernahme. Allerdings hat der GKV das gar nicht zu entscheiden. Damit muss sich nun der Gemeinsame Bundesausschuss G-BA befassen. Silke Klumb von der Deutschen Aidshilfe:

"Das heißt irgendjemand, anderes aus der PreP-Benutzer selber, muss für die Kosten aufkommen, sonst haben wir keine PreP."

Nicholas Feustel, Hamburger Filmemacher

Beim G-BA hat man sich darüber aber noch keine Gedanken gemacht, jedenfalls gibt es offiziell keinen Zeitplan für eine Entscheidung. Und der GKV bleibt dabei, dass jeder durch "gesundheitsbewusste Lebensführung“ verantwortlich für seine Gesundheit sei. Will heißen: Nehmt bitte Kondome, wenn ihr euch nicht anstecken wollt. Und ein bisschen schwingt dabei auch mit, wer sich nicht schützt, ist selber schuld. Dieser moralische Unterton jedoch nervt sowohl den PreP-Aktivisten Nicholas Feustel als auch den Arzt Johannes Bogner.


4