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Wacken Open Air Hörnergruß und Totenschädel: Die Rituale der Metal-Fans

Mehr als 75.000 Metal-Fans pilgern jedes Jahr zum Wacken Open Air nach Schleswig-Holstein. Sie schätzen nicht nur martialische Bühnenshows und schnelle Riffs. Sie pflegen auch einen speziellen Dresscode und ungewöhnliche Rituale.

Von: Mechthild Klein, Markus Kaiser

Stand: 02.08.2018

ARCHIV - 02.08.2013, Schleswig-Holstein, Wacken: Ein Festivalbesucher zeigt auf dem Festivalgelände in Wacken das Zeichen der Heavy-Metal-Fans, die «Pommesgabel». Das WOA öffnet wieder seine Tore für die ersten Besucher. Auf dem Gelände bei dem schleswig-holsteinischen Dorf werden wieder zehntausende Metal-Fans erwartet. Die ersten Konzerte sollen am 01.08.2018 beginnen. Foto: Carsten Rehder/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Carsten Rehder

Auf der Bühne lodern meterhohe Flammen auf, die Band ist ganz in schwarz gekleidet, die Musiker tragen Totenkopf-Masken und der Leadsänger hat sein Gesicht weiß grundiert und eine schwarze Augenmaske aufgemalt. Tausende Fans recken die Hand zum "Hörnergruß" in den Himmel. Unter den Metal-Fans auf dem Wacken Open Air ist die Geste, bei der man Zeigefinger und kleinen Finger von der Faust abspreizt ein festes Begrüßungsritual.

Teufelsgruß oder Pommesgabel?

Von der Seite betrachtet bilden die Finger eine dreifache Ziffer Sechs. Ein Anklang an die biblische Apokalypse, in der die 666 als „Zahl des Tieres“ gedeutet wird? Die Religionswissenschaftlerin Anna-Katharina Höpflinger von der Ludwig Maximilians Universität München sieht den Hörnergruß vor allem als Identifikationsmerkmal: "eine affirmative Gestik, also quasi für Satan. Es ist auch eine Abwehrgestik. Weil es sich doch mehr um eine Art Spiel handelt, nicht um totalen Ernst." Der Gruß wird schließlich auch ironisch als "Pommesgabel" bezeichnet. Woher die gehörnte Hand ursprünglich stammt ist unklar. In Italien gilt das Zeichen als Abwehrgeste gegen das Böse.

"Metal beschäftigt sich vor allem mit Dingen, die als negativ gewertet werden. Tod ist natürlich ein großes Thema. Aber auch die dunkle Seite von Religionen, Gewalt, Folter solche Dinge. Die Leute selber sagen immer, sie beschäftigen sich mit negativen Aspekten der Kultur."

Anna-Katharina Höpflinger, Religionswissenschaftlerin an der LMU München

Wacken ist die Kunst der ikonenhaften Inszenierung. Die häufigsten T-Shirt-Motive: Totenköpfe, umgedrehte Kreuze und Bandnamen, oft verziert mit keltischen Schnörkeln, oder eben der Wacken-Rinderschädel, das Emblem des Festivals. Auch Ekstase und Entgrenzung gehört zum Metal-Kult, und wilde Tänze: Mitten in der Zuschauermasse beim Konzert bildet sich ein kleiner Kreis, der sogenannte "Mosh Pit". Dort können die Fans beim „violent dancing“ ihre Aggressionen rauslassen.

Der wilde Tanz der Metal-Fans

"Da wird sich angerempelt und sehr ausladende Bewegungen gemacht. Das Headbangen gehört sowieso dazu.", erklärt der Musikwissenschaftler Florian Heesch. Blessuren werden dabei in Kauf genommen, aber es gibt auch Regeln, sagt Heesch: "Wenn zum Beispiel jemand hinfällt in so einem Mosh Pit, dass andere Personen dem wieder aufhelfen. Das heißt, man achtet da schon drauf, dass da nichts wirklich Schlimmes passiert." Harmonie und Zusammenhalt – die Heavy Metal Gemeinde, die sich doch nach außen so spröde und fast schon martialisch präsentiert, pflegt im Innern ein starkes Gemeinschaftsgefühl, eine Rücksicht, eine Wir-Verbundenheit – wie eine brave Gemeinde eben.

Die Wackener haben mit ihrer Festival-Erfahrung schon lange erkannt, dass die Metal-Anhänger und ihre Totenköpfe reine Inszenierung sind. Ihre pure Lust am Verkleiden und das Spiel mit martialischen Symbolen ist von außen nicht immer leicht zu verstehen. In der Metal-Kultur steckt viel Ritualhaftes, aber auch oft ein Augenzwinkern. Denn, fragt man die Metal Heads selbst nach ihren Ritualen, denken die meisten nur an das eine: "Unser Ritual ist, dass wir solange Bier trinken, bis einer aus der Gruppe nicht mehr hinterher kommt", erzählt einer der Wacken-Gäste.


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