47

Klinik-Datenanalyse Geburtsstationen nachts am Limit

Die Geburtshilfe in München leidet seit Jahren unter akutem Personalmangel. Eine Auswertung von BR Data zeigt, dass die Geburtsstationen der Kliniken vor allem nachts am Limit arbeiten. Eine der Folgen: Schwangere werden in andere Kliniken verlegt – manchmal sogar in andere Städte.

Von: Sabine Cygan und Niels Ringler (BR Data)

Stand: 05.07.2018

Update vom 11.07.2018: Nach dieser Veröffentlichung sperrt der Münchner Rettungszweckverband den öffentlichen Bereich des Ivena-Meldesystems. Wir berichten hier.

In den Wehen in eine andere Klinik verlegt werden – eine Horrorvorstellung für jede werdende Mutter. Doch das Problem betrifft jedes Jahr in München Hunderte Frauen, das zeigen Recherchen des Bayerischen Rundfunks. Rund 400 Frauen mussten 2017 in den Wehen verlegt werden – allein in den Kliniken Schwabing, Harlaching und Großhadern. Mehr Zahlen veröffentlicht die Stadt dazu nicht. Wenn eine Geburtsstation keine Frauen mehr annimmt, kann das verschiedene Gründe haben: Alle Kreißsäle sind belegt, die Station für Neugeborene ist voll, die Wochenbettstation kann niemanden mehr aufnehmen oder die personellen Kapazitäten sind erschöpft. „Das ist eine Kette. Und wenn eine Kette ein Glied verliert, ist die ganze Kette nichts mehr wert“, sagt Uwe Hasbargen, Leiter der Geburtshilfe am Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU).

In solchen Situationen loggen sich die Münchner Geburtsstationen in das elektronische Kommunikationssystem Ivena ein und melden sich dort ab. Damit kommunizieren sie mit der Rettungsleitstelle, die die Rettungswägen koordiniert: „Wenn die Leitstelle sieht, dass sich das Klinikum Großhadern abgemeldet hat, dann würde sie die nächste Patientin nicht zu uns schicken“, sagt Hasbargen. Außerdem nutzen die Kliniken das Ivena-System auch zur Kommunikation mit den anderen Kliniken der Stadt. „Damit signalisieren wir untereinander: Hört zu, wir arbeiten am Limit und ihr braucht uns nicht als erstes anrufen, wenn ihr jemanden verlegen wollt."

BR-Datenanalyse zeigt Problemzeiten

BR Data hat die Ivena-Meldungen zweieinhalb Jahre lang im zehn Minuten-Rhythmus gesammelt und ausgewertet. Die Analyse zeigt: Nachts ist die Auslastung der Kliniken am höchsten, zwischen drei und sieben Uhr gibt es die meisten Abmeldungen. Deshalb ist das Risiko für Schwangere, in eine andere Klinik verlegt zu werden, nachts am größten. Entspannter wird es, sobald die Frühschicht beginnt: Zwischen neun und elf Uhr morgens melden sich die Kliniken am seltensten ab. Die Gefahr einer spontanen Verlegung ist zu dieser Zeit also geringer.

Akute Überlastung in der Nacht

Alle 10 Minuten melden Geburtskliniken, ob sie Kapazitäten frei haben. Zwischen 3 und 7 Uhr sind 34% dieser Meldungen negativ. Das Risiko in eine andere Klinik verlegt zu werden, ist deutlich erhöht.

Nachts fehlen Betten und Mitarbeiter

Da über Nacht keine Patienten entlassen werden, gibt es in den Nachtstunden besonders häufig keine freien Betten mehr. Das größte Problem ist jedoch der Personalmangel: „Am Ende liegt es zu 90 bis 95 Prozent am Personal. In jeder Münchner Klinik“, sagt Hasbargen vom Klinikum Großhadern. Vor allem nachts gibt es Engpässe, denn tagsüber haben die Kliniken zusätzliche Mitarbeiter für geplante Eingriffe, die im Notfall auch abgezogen werden können, um bei Geburten zu helfen. Nachts gibt es die nicht. Auch Ausfälle wegen Krankheit könnten mit der dünnen Personaldecke nur schwer aufgefangen werden, betont Hasbargen.

Screenshot des Ivena-Systems: Ob ein Krankenhaus Kapazitäten frei hat, zeigt Ivena durch ein grünes oder rotes Feld an.

In der LMU-Klinik in der Maistraße sieht es ähnlich aus: „Man hat auch weniger Personal, mit dem man irgendwelche Lücken füllen kann“, sagt Oberärztin Irene Alba Alejandre. 2015 und 2016 waren hier teilweise sechs Planstellen unbesetzt, weil Hebammen auch wegen Burnout die Klinik verlassen hätten. In Großhadern sind derzeit vier Hebammenstellen vakant. Der bundesweite Hebammenmangel zeigt sich in München besonders deutlich. Aufgrund hoher Miet- und Lebenshaltungskosten ist die Stadt für soziale Berufe besonders unattraktiv.

Babyboom trifft auf Hebammenmangel

Mit den steigenden Geburtenraten verschärfte sich der Hebammenmangel noch. 2012 kamen in München erstmals über 20.000 Kinder zur Welt, 2017 waren es fast 23.000. Im Juli 2016 hielt der Gesundheitsausschuss des Referats für Gesundheit und Umwelt der Stadt München fest, dass die geburtshilfliche Versorgung in den Münchner Kliniken mit der Geburtenrate nicht Schritt gehalten habe. Das bestätigt auch Chefarzt Dieter Grab von den städtischen Kliniken Neuperlach und Harlaching: „Man hat natürlich über die Jahre mehr Stellen geschaffen. Aber nicht in dem Umfang, wie es notwendig gewesen wäre und was noch dazukommt: Man kann auch diese Stellen nicht mehr besetzen.“

Die Folge: 2014 wurden immer wieder Frauen an der Kreißsaaltür weitergeschickt und mussten sich selbst eine andere Klinik suchen. „Das war eine ungute Phase“, gibt Hasbargen vom Klinikum Großhadern zu. Heute hätten sich die Kliniken darauf geeinigt, einen freien Platz für die Patientin zu suchen und damit dieses „Maria-und-Joseph-Phänomen“ abgeschafft, sagt er. Dennoch müssen Frauen auch heute noch in Kauf nehmen, nicht in der Klinik zu entbinden, in der sie sich angemeldet haben, sogar Verlegungen nach Augsburg oder Starnberg kommen vor. „Das sind Einzelfälle. Aber es sind trotzdem Einzelfälle, die einem zu denken geben“, sagt Grab. Die BR Data-Analyse zeigt außerdem, dass es Schwangeren nichts nützt, abzuwarten, bis sich ihre Wunschklinik wieder bei Ivena anmeldet. In der Hälfte aller Fälle, wenn eine Klinik sich abgemeldet hatte, dauerte es neun Stunden oder mehr, bis sie sich wieder anmeldete. „Patientinnen bringen sich in Gefahr, wenn sie so lange warten“, sagt Oberärztin Alba Alejandre.

Lösungsversuche der Stadt München

Um den Hebammenmangel auf kommunaler Ebene anzugehen, gründete die Stadt München 2015 die Arbeitsgemeinschaft Geburtshilfe. Seitdem tauschen sich zehn Münchner Kliniken regelmäßig aus, einige Krankenhäuser haben Personal eingestellt, das Hebammen fachfremde Arbeit abnimmt und noch in diesem Jahr werden die Kliniken Schwabing und Großhadern auf ein Arbeitsmodell mit freiberuflichen Hebammen umstellen. So kommen die Klinikverwaltungen den Wünschen der Hebammen nach selbstbestimmter Arbeit nach und ermöglichen ihnen ein höheres Einkommen.

Der Engpass ist nicht behoben

Doch Chefarzt Hasbargen von der Klinik Großhadern glaubt, dass diese Maßnahmen noch nicht ausreichen: „Man muss da politisch ansetzen, indem man versteht, dass die Geburtshilfe eine Gesellschaft etwas kostet und dass sie mehr kostet, als die Summierung von Pflegeminuten, Sachkosten und Betreuungskosten. Diese mangelnde Wertschätzung und groteske Unterfinanzierung des Systems bewirkt in gleicher Weise, dass wir nicht genug Ressourcen in diesem Bereich haben.“

In den vergangenen Jahren mussten in Bayern dutzende Geburtsstationen vor allem auf dem Land schließen, weil sie nicht rentabel waren. Die Anzahl der Betten in der Geburtshilfe hat sich daher zwischen 2005 und 2015 halbiert. Dagegen will die bayerische Staatsregierung vorgehen und Städten und Landkreisen 40 Euro pro Geburt zahlen, damit diese in ihre Hebammenversorgung investieren können. Geplant ist außerdem, freiberufliche Hebammen in der Geburtshilfe mit einer Prämie von 1.000 Euro pro Jahr zu belohnen. Maßnahmen, die nicht von allen als ausreichend bewertet werden. „Da schwindelt man sich von politischer Seite so ein bisschen durch“, sagt Franz Kainer vom Klinikum Hallerwiese in Nürnberg. Er fordert Problemanalyse statt Gießkannenprinzip und schnelle Hilfe, damit nicht noch mehr Frauen in den Wehen verlegt werden müssen.

Das bayerische Gesundheitsministerium betont hingegen, dass "Kommunen mit der Förderung der Bayerischen Staatsregierung sehr individuell auf die Bedürfnisse vor Ort eingehen und passgenaue Lösungen entwickeln" könnten:

Reaktion des Gesundheitsministeriums

"Konkret werden mit der ersten Fördersäule des Förderprogramms Geburtshilfe Landkreise und kreisfreie Städte mit bis zu 40 Euro pro Neugeborenem unterstützt, wenn sie Maßnahmen zur Stärkung und Sicherung der Hebammenversorgung in Geburtshilfe und Wochenbettbetreuung fördern. In der zweiten Fördersäule erhalten die sicherstellungsverpflichteten Landkreise und kreisfreien Städte im ländlichen Raum bis zu 85 % des Betrags, mit dem sie das Defizit einer Geburtshilfestation in ihrem Gebiet ausgleichen (maximal 1 Mio. Euro pro Jahr). Voraussetzung ist, dass das betreffende Krankenhaus zwischen 300 und 800 Geburten im Jahr betreut und sich dabei gleichzeitig mit mindestens 50 % der Geburten der Kommune als Hauptversorger etabliert hat. Damit setzt der Freistaat Bayern ein kraftvolles Signal ganz im Sinne der Flächendeckung und der Unterstützung der Kommunen bei ihrer wichtigen Aufgabe der Daseinsvorsorge. Insgesamt hat das Förderprogramm des Freistaats Bayern ein Gesamtvolumen von 30 Mio. Euro pro Jahr." (Update vom 6.7.2018, 09:45 Uhr)

Was uns die Daten zeigen und was nicht:

BR Data hat die Abmeldungen aller Münchner Geburtshilfestationen für normale Geburten ab der 36. Schwangerschaftswoche bei Ivena von Dezember 2015 bis Mai 2018 im zehn-Minuten-Rhythmus gesammelt und ausgewertet. Als Abmeldung verstehen wir, wenn eine Klinik den Status bei Ivena auf rot gesetzt hat, wenn sie also keine Kapazitäten mehr frei hat. Zählt man über einen bestimmten Zeitraum die abgemeldeten Intervalle (rote Felder), kann man sie ins Verhältnis zum Gesamtzeitraum (alle Felder) setzen und somit den Anteil der Abmeldungen in Prozent berechnen. Eine detaillierte Darstellung der Analysen sowie der zugehörige Programm-Code sind hier verlinkt.

Die Meldungen der Kliniken betreffen normale Geburten ab der 36. Schwangerschaftswoche, die zur internen Kommunikation zwischen den Kliniken bestimmt sind. Da die Nutzung von Ivena freiwillig ist und nicht alle Kliniken ein Perinatalzentrum zur Versorgung von Frühgeborenen besitzen, können die Kliniken nicht untereinander verglichen werden. Die Abmeldungen spiegeln nicht die Qualität der medizinischen Versorgung wieder. In der Auswertung haben wir uns auf die fünf Kliniken mit den meisten Abmeldungen konzentriert, da man hier von einer guten Beteiligung am Ivena-System ausgehen kann.

Mitarbeit: Claudia Gürkov und Christiane Hawranek (BR Recherche)


47