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Wissenschaft im Training Von Waldläufen und Gummitwist

"Übung macht den Meister", das gilt auch im Fußball. Und weil Fußball nicht nur Ballgeschiebe ist, muss der Spieler fit sein. Und das heute noch mehr als früher. Von individuellen Trainingsplänen, Lactattests und Medizinbällen.

Stand: 04.04.2017

Fußballtraining | Bild: BR/ Max Hofstetter

Was macht einen guten Fußballspieler aus? Im Jahr 1978 fasste Professor Wildor Hollmann von der Deutschen Sporthochschule Köln anlässlich der Fußball-WM die körperlichen Anforderungen so zusammen: Dynamische Kraft, Gelenkigkeit, Schnelligkeit, Ausdauer und Technik. Im Jahr 2012 lautete die Definition so:

"Man benötigt eine gut ausgeprägte spezifische Ausdauer, ein hohes Explosiv- und Schnellkraftvermögen gepaart damit, diese schnellen und explosiven Aktionen auch über 90 Minuten immer wieder bringen zu können, und einen stabilen Körperbau. Wer bei den ganzen Tacklings im Spiel körperlich nicht grundsätzlich mithalten kann, wird trotz des Talents nicht erfolgreich sein."

Andreas Beck, Reha- und Athletiktrainer, Borussia Dortmund

Der Ursprung für den "Gummitwist": Der Einsatz vom Theraband im Training

Andreas Beck war Reha- und Athletiktrainer beim 1. FC Nürnberg und ist seit Juli 2012 bei der ersten Mannschaft von Borussia Dortmund im Einsatz. Reha- und Atheltiktrainer – ein Job, der erst seit der zweiten Hälfte der 2000er-Jahre aus vielen Bundesligavereinen nicht mehr wegzudenken ist. Vorher hatten nur wenige Klubs extra Fitnessprofis. Es ist eine Entwicklung, die laut Andreas Beck auch indirekt Jürgen Klinsmann zu verdanken ist. Der engagierte 2005 zum ersten Mal mit Mark Verstegen einen Fitnessprofi aus den USA für die Vorbereitung der DFB-Elf und brachte das Thema Fitness in die Öffentlichkeit. Individualisierung, neue Trainingsmethoden und Tempotraining machten das Team für die WM 2006 fit. Der Erfolg gab dem Fitnessguru Recht, auch wenn das Training zuvor als "Gummitwist" belächelt wurde.

Tempofußball statt Rasenschach

Fitness scheint noch wichtiger geworden zu sein als noch im Jahr 2000, um im Profibereich mitzuhalten. Denn das, was heute auf dem Fußallplatz geschieht, wirkt bei Bundesliga- und Länderspielen schneller und dynamischer – und dadurch auch anstrengender. Viele sprechen vom Tempofußball, niemand mehr vom Rasenschach. Auch der Sportmediziner Tim Meyer, Leiter des Instituts für Sport- und Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes und Arzt der DFB-Elf denkt, dass das Spiel für die Spitzenspieler seit damals anstrengender geworden ist.

"Nach meiner Auffassung haben sich in zwölf Jahren, von 2000 bis 2012, sowohl die Anforderungen an die Spitzenspieler, insbesondere der Anteil intensiver Wettkampfphasen, erhöht als auch die konditionellen Voraussetzungen verbessert."

Tim Meyer, Leiter des Instituts für Sport- und Präventivmedizin an der Universität des Saarlandes

Andreas Beck bei einer Übung mit Hanno Balitsch

Für die Veränderungen der Anforderungen gebe es Zahlen aus dem Ausland. Und noch etwas hat sich geändert: Für die Fitness wird der Spieler noch stärker durchleuchtet. Wie fit er ist und welches Potenzial er hat, kann man inzwischen auf verschiedenste Weisen messen. Bis zu drei Mal im Jahr testete Andreas Beck bei den Nürnberger Spielern die Leistungsgrenzen und Pufferkapazität im Ausdauerbereich, die Explosivkraft und Daten zur Schnellkraft.

So wird Leistung getestet

Das Training wird zudem immer stärker auch in Echtzeit kontrolliert, so Beck: "Wenn man einen Trend festmachen will, dann geht es mehr in die Kontrolle von physischen Leistungsfaktoren. So dass man beispielsweise mit Herzfrequenzmonitoring und GPS-Systemen auch im Training arbeitet, um einfach die Belastung und dann das Training besser kontrollieren zu können."

Training mit dem Athletiktrainer Andreas Beck

Die Winterpause

Früher dauerte die Winterpause zwischenzeitlich sechseinhalb Wochen, seit der Saison 2009/2010 bleiben den Profis der Ersten Liga rund dreieinhalb Wochen. Für die Stammspieler steht laut Athletiktrainer Andreas Beck dann eher die körperliche und psychische Erholung im Vordergrund. "Was aber nicht heißt, dass die Spieler gar nichts mitbekommen. Sie haben dann lockere Läufe und ihre Übungen, die sie machen, um drin zu bleiben." Bei fast allen Klubs folgt ein Trainingslager.

Nürnbergs Profis und das individuelle Training

Nicht jeder sollte das Gleiche machen und jeder sollte topfit sein. "Ziel ist es, das Gesamtniveau der Mannschaft anzuheben. Und da geht es darum, den Einzelnen zu fördern, damit er wettkampffähig ist", sagt Athletiktrainer Beck. Was der Einzelne zusätzlich macht, findet hauptsächlich abseits vom Mannschaftstraining statt. "Die individuellen Möglichkeiten beschränken sich auf das Training vor dem Mannschaftstraining oder danach," sagt Andreas Beck. "Zum Beispiel, dass ein Spieler, sollte eine Trainingseinheit im Ausdauerbereich nicht so belastend gewesen sein und er dort Defizite hat, gegebenenfalls noch einmal laufen geht. Oder, dass er eine Stunde vorher da ist und an seinen Defizit was motorische Kontrolle und Kraft angeht arbeitet."

Das Ende der Saison

Ausdauertraining, Konditionsaufbau - das passiert in der Vorbereitung der Bundsligaklubs. An den letzten Spieltagen steht laut Beck etwas Anderes im Vordergrund: "Gegen Ende der Saison versuchen wir die Spieler auf dem Stand zu halten, auf dem sie sind und mehr regeniereren zu lassen. Da muss man wirklich versuchen, dass sie die letzten Spieltage noch frisch sind."

Echtzeitbeobachtung mit Brustgurten

Überwachung mit Brustgurt

In Nürnberg trugen die Profis bei der Saisonvorbereitung Brustgurte, mit denen die Herzfrequenz gemessen wird. Auf dem Platz konnte man somit live sehen, wie hoch die Beanspruchung ist. Und das spielt laut Andreas Beck auch eine Rolle, wenn es darum geht, die Belastung individuell besser zu steuern. "Wenn man sieht, dass ein Spieler bei ähnlichen Trainingsformen deutlich höhere Herzfrequenzen hat als in den Wochen zuvor, sollte man dann schon die medizinische Abteilung kontaktieren, um zu sehen: Ist da ein Infekt im Anmarsch? Ist er vielleicht in einem Übertrainingsstatus? Auch wenn einem das persönlich nicht aufgefallen sein mag."

Alter der Bundesligaprofis

Nach Zahlen der DFL lag das Durchschnittsalter der Profis in der 1. Bundesliga in der Saison 2011/2012 bei 25,74 Jahren, 2015/16 bei 24,5 Jahren. In der Saison 2001/2002 waren es noch 27,09 Jahren. Seit 2002 sinkt der Altersdurchschnitt überwiegend.

Die Veränderung im Spiel hat nicht nur Folgen für das Training, sondern vielleicht auch Auswirkungen auf Spielerkarrieren. So kann man sich fragen, ob heute ein Enddreißiger in der Bundesliga noch ohne Weiteres als Stammkraft spielen kann: "Es wäre wesentlich unwahrscheinlicher, dass er sich halten könnte als noch vor 20 Jahren", sagt Tim Meyer. Er glaubt, dass das Höchstleistungsalter der Feldspieler ein bisschen nach unten gegangen sein könnte. Die Verbrauchserscheinungen durch den Tempofußball sind eine mögliche Erklärung dafür, die Vielzahl der Spiele für Spitzenclubs eine weitere. Laut Meyer gibt es noch eine andere: Durch die bessere Nachwuchsarbeit rutschen Spieler einfach früher in Leistungspositionen und erreichen so früher ihre Höchstleistung.

Training auf dem Prüfstand

Der Waldlauf für alle

Dieses Bild hat sich eingebrannt aus Vorbereitungsphasen von Bundesligamannschaften: die Mannschaft vereint im Waldlauf. Zu viel Gleichmacherei beim Ausdauertraining ist aber auch nicht gut. "Wenn man alle Spieler in eine Gruppe schmeißt und einen Waldlauf macht, dann wird der eine unterbelastet, der andere überbelastet und für einen kleinen Teil ist das Training richtig", sagt Tim Meyer, Arzt der Nationalmannschaft. Gruppeneinteilung nach Leistungsstand und Individualisierung bringe einen größeren Trainingseffekt. Auch der Waldlauf selbst ist eher out: "Dass man Konditionstraining nur mit Waldläufen bestreitet, ist nicht mehr modern", sagt Tim Meyer.

Fünf gegen Zwei

Beim Klassiker stehen fünf Spieler im Kreis und passen sich den Ball zu. Zwei Mitspieler in der Mitte versuchen, den Ball abzufangen. Der Dauerbrenner, auch als "Eck" bekannt, ist bis heute aus dem Aufwärmen vor dem Mannschaftstraining nicht wegzudenken. Modern ist das aber nicht mehr, laut Tim Meyer. "Ein modernes Aufwärmen hat eine enge Verbindung zum Trainingsinhalt", sagt er. Gezieltes Aufwärmen ist gefragt. Das Aufwärmen richte sich deswegen auch danach, welche Muskeln im späteren Training in welcher Weise beansprucht werden sollten. "Ein modernes Aufwärmen hat eher selten ein 5:2 als Trainingsinhalt", so Meyer.

Das Straftraining

Die Mannschaft hat beim letzten Spiel verloren, was folgt ist das noch härtere Straftraining am nächsten Tag. Für die Öffentlichkeit ist das der Beweis für die harte Trainerhand, sportmedizinisch aber sinnlos. "Das geht aus trainingswissenschaftlicher und sportmedizinischer Sicht gar nicht. Man plant das Training langfristig", sagt Meyer. Einen Effekt habe so eine kurzfristige, besonders harte Trainingseinheit nicht.


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