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In Flüchtlingsunterkünften Sexuelle Übergriffe auf Frauen und Kinder

Geflüchtete Frauen sind in Gemeinschaftsunterkünften sexuellen Belästigungen ausgesetzt. Für bayerische Behörden und Politik ist dieses Risiko kein Anlass, Frauen und Kinder gesondert unterzubringen – dabei stehen inzwischen viele Unterkünfte leer.

Von: Lisa Weiß

Stand: 05.06.2016

 Eine Frau steht am 09.02.2016 in Berlin in der Flüchtlingsnotunterkunft im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf im Treppenhaus.  | Bild: picture-alliance/dpa/ Kay Nietfeld

Sie müssen Belästigungen fürchten bis hin zur Vergewaltigung: Nach Deutschland geflüchtete Frauen werden in der Regel in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, in denen überwiegend Männer leben.

Was das bedeutet, erzählt die Nigerianierin Abebi (Name geändert) dem Funkstreifzug. Die Frau ist allein mit ihrem kleinen Sohn nach Deutschland geflüchtet und wurde in einer oberbayerischen Gemeinschaftsunterkunft von einem Mitbewohner belästigt. Ihre Anzeige bei der Polizei zog sie zurück - auf Druck, wie sie sagt.

"Immer wenn er mich in der Küche sieht, fasst er mich am ganzen Körper an. Ich habe ihm gesagt, dass ich das nicht mag, ich habe mich gewehrt.  Ich schäme mich, wenn er mich so belästigt. Als ich ihm gesagt habe, dass ich das nicht will, hat er mich beleidigt, mich mit Schimpfworten belegt."

belästigte Nigerianerin in einer bayerischen Flüchtlingsunterkunft

Frauen erhöhen die Akzeptanz von Flüchtlingsheimen in der Bevölkerung

Dass Frauen in gemischten Unterkünften wohnen müssen, hat meist praktische Gründe, aber auch politische. Die Akzeptanz von Flüchtlingsheimen in der Bevölkerung ist höher, wenn darin wenigstens auch ein paar Familien und Frauen wohnen. Die Betroffenen leiden darunter.

Übergriffe auf Frauen und Kinder nehmen zu

"Es mehren sich Fälle, dass Kinder und Frauen in Flüchtlingsunterkünften Übergriffe erleben, das berichten uns Beratungsstellen vor Ort, das berichtet der unabhängige Beauftragte der Bundesregierung. Wir wissen, die Dunkelziffer ist viel höher."

Familienministerin Manuela Schwesig, SPD

Das Problem ist im Bundesfamilienministerium bekannt. Man habe bereits Geld für die Kommunen bereitgestellt, damit diese Frauen und Kinder leichter gesondert unterbringen können, heißt es aus Berlin. In Bayern aber müssen allein geflüchtete Frauen und Kinder trotzdem in der Regel in gemischten Unterkünften wohnen.

"Generell würde ich keine Geschlechtertrennung machen, ich glaube, dass die Menschen, die zu uns kommen und hier bleiben wollen, schnell lernen müssen, wie man mit Männern und Frauen umgeht."

Kerstin Schreyer-Stäblein, CSU-Landtagsabgeordnete

Kerstin Schreyer-Stäblein, Fraktionsvize der CSU im Landtag und selbst Sozialpädagogin, räumt zwar ein, dass von Übergriffen betroffene Frauen nicht immer den Kontakt zu Menschen finden, die ihnen helfen können. Sie betont dabei aber: Bayern habe überall Ansprechpartner, auch Frauenhäuser seien grundsätzlich offen für Flüchtlinge. Außerdem spricht sie sich für psychotherapeutische Hilfen aus.

Bayern zentralisiert Unterbringung von Flüchtlingen

Bayerische Sozialministerin Emilia Müller

Viele Frauen dürften jetzt noch länger als bisher unter diesen Zuständen leben müssen: Das bayerische Kabinett hat Ende April beschlossen, dass Asylbewerber länger in Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht werden - bis zu einem halben Jahr. Außerdem setzt die bayerische Sozialministerin Emilia Müller jetzt auch bei der Unterbringung nach der Erstaufnahme bis zum Abschluss des Asylverfahrens mehr auf große Gemeinschaftsunterkünfte als auf dezentrale Unterbringung in Wohnungen.

Dabei stehen viele Unterkünfte momentan leer und es gäbe genügend Platz, um mehr Frauen gesondert unterzubringen. Warum also nutzt Bayern das nicht, um den vielfach schon von der Flucht traumatisierten Frauen und Kindern zu helfen?

Der Hintergrund: Für die kleinen dezentralen Unterkünfte sind in Bayern die Städte, Gemeinden und Landkreise zuständig. Der Freistaat möchte offenbar die Kommunen, die sich in der Flüchtlingsfrage oft ziemlich allein gelassen vorkommen, bei Laune halten. Nur: Bleiben da nicht die traumatisierten Frauen auf der Strecke? Das Sozialministerium widerspricht.

"Die Umsteuerung der Asylbewerberunterbringung dient der Entlastung der Kommunen, nicht der Beseitigung von speziellen Schutzangeboten für Frauen. Bayern wird auch im Rahmen der Umsteuerung den Schutz von Frauen in Unterkünften sicherstellen."

Stellungnahme des bayerischen Sozialministeriums an den Funkstreifzug

Allein unter Männern: Frau mit Kindern in Flüchtlingsunterkunft

Es gebe weibliches Wachpersonal in allen Erstaufnahmeeinrichtungen, es gebe 54 Unterbringungsmöglichkeiten für allein reisende Frauen mit oder ohne Kinder in Bayern, heißt es in der Stellungnahme des Ministeriums. Allerdings sind das keine reinen Frauenunterkünfte - oft sind es einfach nur spezielle Bereiche in einer Unterkunft, in der auch Männer leben. 

Bund dringt auf mehr Schutz für Frauen und Kinder

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig von der SPD dringt dennoch auf mehr Schutz für die Frauen.

"Wir diskutieren seit langem mit den Ländern, ob es gesetzliche Maßnahmen braucht, wir haben das auch in der Bundesregierung lange diskutiert, es steht fest: Wir wollen gesetzliche Regelungen machen."

Familienministerin Manuela Schwesig, SPD

Manuela Schwesig, Bundesfamilienministerin, SPD

Doch die wird es so schnell nicht geben. Bis Freitag hat die Familienministerkonferenz auch zu diesem Thema getagt, herausgekommen ist wenig Konkretes. Offenbar stellen sich die unionsgeführten Länder quer. Die Stellungnahme von Ministerin Schwesig nach der Konferenz klingt mehr nach Appell als nach einem Durchbruch.

"Wir müssen Kinder und Frauen in Flüchtlingsunterkünften besser schützen. Die Länder und der Bund haben bereits Maßnahmen ergriffen. Allerdings brauchen wir auch eine gesetzliche Regelung für Schutzkonzepte. Dazu bedarf es aber der Zustimmung der Länder. Deshalb begrüße ich den Beschluss der Länder jetzt endlich gemeinsam schnell zu prüfen, inwieweit hierfür auch eine bundesgesetzliche Maßnahme notwendig ist."

Familienministerin Manuela Schwesig, SPD

Bund und Länder sind also uneinig - Flüchtlingsfrauen müssen warten.

EU-Parlament kann Verbesserungen nicht durchsetzen

Doch umfassende Verbesserungen für die Lage von Flüchtlingsfrauen sind eigentlich schon längst im Europäischen Parlament besprochen und beschlossen worden. Zum Beispiel sollen traumatisierte Frauen in allen Phasen ihres Asylverfahrens Zugang zu Beratung und psychosozialer Betreuung bekommen. Die SPD-Europaabgeordnete Maria Noichl beklagt allerdings, dass diese Pläne in den Mitgliedsländern "schlichtweg nicht umgesetzt werden".

"Es ist also ein Problem, wie geht man damit um, dass es Beschlüsse im Parlament gibt, dass auch die Kommission großteils hinter den Beschlüssen des Parlaments steht, aber dass die Mitgliedsländer sagen, ist uns grad egal."

Maria Noichl, SPD-Abgeordnete im Europaparlament


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