262

Gerüchte über Asylbewerber Das Märchen von den Dieben

In Friedberg klauen Flüchtlinge regelmäßig einen Edeka leer. Dieses Gerücht verbreitet sich in der schwäbischen Kleinstadt - bis es dem Inhaber des Supermarktes selbst zu Ohren kommt.

Von: Andreas Herz

Stand: 02.10.2015 | Archiv

Souleymane, Mor, Alioune, Achmad | Bild: BR/Andreas Herz

Friedberg, eine gutbürgerliche Kleinstadt bei Augsburg. Im Osten der Stadt gehen vier junge Flüchtlinge in einen Edeka einkaufen. Ihnen auf den Fersen: Ein böses Gerücht. Die in der Nähe untergebrachten Asylbewerber klauen den Laden leer – so erzählt man. Und die Medien dürften nicht darüber berichten, damit keine Unruhe aufkommt.

Michael Wollny, der Inhaber des Edeka-Marktes, ist ein drahtiger Mann. Er scherzt mit Kunden. Man kennt sich. Von dem Gerücht hat er lange nichts gehört – bis eine Kundin ihn darauf ansprach. Zunächst ist Wollny sprachlos. Doch ein paar Stunden später findet er auf Facebook deutliche Worte:

"Wer dieses Märchen unreflektiert aufnimmt und weiter erzählt, der erzählt absoluten Bullshit!"

Michael Wollny, Inhaber des Edeka-Marktes

Die Asylbewerber, die er im Laden kennengelernt habe, erlebe er als kultivierte und größtenteils gebildete Menschen. Sie seien dankbar, wenn sie ein paar Tipps oder Hilfe bei der Aktivierung ihrer Simkarten bekommen – und wenn ihnen jemand wohlwollend begegne.

"Normal bekomme ich zwei, drei Likes, wenn ich etwas poste", erzählt Wollny. Doch diesmal ist alles anders: 21.671 Menschen gefällt inzwischen der Beitrag, 1.153 haben ihn kommentiert und  11.725 Mal wurde er geteilt. Bundesweites Interesse, auch der Medien.

Edeka Wollny in Friedberg

Wollny hat nun auf Facebook eine Initiative gestartet: Die „Aktion leise Stimme“ soll zum Nachdenken anregen, jeder soll seine Erfahrungen teilen können. Die Stadt Friedberg will ihn unterstützen. Mit den insgesamt rund 150 Flüchtlingen habe es nie einen Fall von Diebstahl oder Gewalt gegeben.

Die vier jungen Männer haben von Wollnys Einsatz noch nichts mitbekommen, erzählt Souleyman. Er ist einer von ihnen, stammt aus Mali und hat dort Literatur studiert. Lieblingslektüre: Andromache von Jean Racine.

Von den Kunden weiß dagegen fast jeder von der Geschichte. Eine Frau aus einem kleinen Nachbarort sagt, sie stehe den Flüchtlingen neutral gegenüber. Später erzählt sie, dass auch in ihrer Nähe bald einige Asylbewerber untergebracht würden. Ihr Haus werde sie dann absichern: "Man muss halt aufpassen, dass nicht doch jemand einbricht."


262