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Asylbewerber in Bayern Willkommen im "Jahrhundert der Flucht"

Nie zuvor waren weltweit so viele Menschen gleichzeitig auf der Flucht wie heute. Nach Bayern könnten bis Ende des Jahres 60.000 Asylbewerber kommen. Zahlen, Gesichter und Schicksale in unserem Schwerpunkt.

Von: Michael Kubitza

Stand: 08.05.2015 | Archiv

Afghanische Flüchtlingskinder warten bei extremen Winterbedingungen auf Hilfgüter der Vereinten Nationen | Bild: picture-alliance/dpa

4 - 3 - 2 - 1: ein neuer Flüchtling. Alle vier Sekunden sieht irgendwo auf der Welt ein Mensch keine andere Chance, als seine Heimat zu verlassen und ins Ungewisse zu ziehen. 51,2 Millionen Menschen waren 2013 auf der Flucht vor Verfolgung, Gewalt oder Menschenrechtsverletzungen - mehr als je zuvor seit Beginn der Datenerfassung durch das Flüchtlingshilfswerk UNHCR.

Der größte Teil - 33 Millionen - sind sogenannte Binnenvertriebene, die aus ihrem Heimatort verjagt wurden und nun im eigenen Land umherirren. Den offiziellen Flüchtlingsstatus der UN haben 11,7 Millionen Menschen. Die meisten schaffen es nur bis in ein Nachbarland - überwiegend im Nahen oder Mittleren Osten oder in Afrika. Jahrelang war Afghanistan das Auswanderungsland Nummer Eins, heute eskaliert die Situation rund um Syrien.

In fünf Jahren hat sich der Bürgerkriegsstaat vom zweitgrößten Aufnahmeland für Flüchtlinge zum Ausgangspunkt eines Massenexodus gewandelt. Über 850.000 der insgesamt 2,2 Millionen Flüchtlinge haben sich über die Grenze in den Libanon aufgemacht - ein Land, in dem sich auf rund einem Siebtel der Fläche Bayerns schon vorher 4,5 Millionen Einwohner ballten.

Europa bekommt von all dem eher wenig mit. Von Millionen auf der Flucht streben nur einige Hunderttausend hierher - dass die EU-Grenztruppe Frontex den Zugang über das Mittelmeer seit 2005 rigoros abriegelt, hat sich auch unter den Flüchtlingen herumgesprochen. Dennoch setzen immer wieder Verzweifelte ihr letztes Hab und Gut ein, um bei dubiosen Schleusern einen Platz in oft hochseeuntauglichen Booten zu buchen. Tausende sind bereits ertrunken. Die Glücklicheren stranden in Zwischenzonen wie der Insel Lampedusa - und werden, wie Menschenrechtsorganisationen kritisieren, von Frontex oft ohne ordentliches Asylverfahren zurückgeschickt.

Die Lage in Bayern

In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 202.834 Asylanträge gestellt, rund ein Drittel wurde bisher abgelehnt. Bayern wurden 25.667 Asylbewerber zugeteilt; 2015 könnten es mehr als doppelt so viele werden. Noch 2006 lag die Zahl unter 3.000.

Viele Erstaufnahmelager sind überfüllt, die Praxis, Unterkünfte auf dem flachen Land einzurichten, überfordert die Verantwortlichen vor Ort oft. Und: Hinter der Zahl 25.667 stecken 25.667 oft erschütternde Einzelschicksale. "Jeder Flüchtling hat eine Geschichte" - so das Motto des Weltflüchtlingstages 2014. Einige davon hat der Bayerische Rundfunk aufgezeichnet.

Gerettet. Und jetzt?

Die Situation in den Aufnahmelagern ist oft prekär -auch wenn die Unterkunft nicht so trostlos ist wie die Münchner Bayernkaserne, wo es lange nur eine funktionierende Toilette für 100 Menschen gab. Oft stoßen Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen aufeinander, die sich kaum verständigen können. Viele sind traumatisiert durch Kriegs- und Gewalterfahrung. Auch ein Ferienidyll wie der Auerberg im Allgäu hat seine Tücken: Auf 1.000 Metern Höhe gibt es weder Infrastruktur noch Verkehrsmittel; die Asylbewerber sind völlig isoliert.

Christen, Sunniten und Schiiten, Bauern, Physikprofessoren und Kindersoldaten: Unter dem Sammelbegriff "Asylbewerber" finden sich die unterschiedlichsten Menschen. Flüchtlinge aus Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina werden künftig seltener darunter sein: Die im Juni 2014 beschlossene Reform des Asylrechts definiert die Balkanstaaten als sichere Herkunftsländer.

Hungerstreiks und Protestcamps

Sie sollen nicht auffallen - und tun es doch. Der Hungerstreik von Flüchtlingen auf dem Münchner Rindermarkt sorgte über Bayern hinaus für Aufsehen. "Die erfolgreichste Aktion der letzten zehn Jahre", beurteilt ein Menschenrechtsaktivist im "Zündfunk" den Münchner Protest. War er das?

Das Protestcamp war Vorbild für ein halbes Dutzend ähnlicher Aktionen in Dingolfing, Amberg, Würzburg, Bayreuth und Nürnberg. Erreicht haben die Demonstanten immerhin, dass die Staatsregierung die umstrittenen Essenspakete abgeschafft hat. Zudem gibt es seit 2013 staatlich finanzierte Deutschkurse. Andere Regelungen haben Bestand: Asylbewerber werden prinzipiell in Sammelunterkünften untergebracht, dürfen sich nur innerhalb ihres Regierungsbezirks bewegen - die sogenannte "Residenzpflicht" - und neun Monate lang keine Arbeit annehmen.

Chronik: Flüchtlingsproteste in Bayern

Flucht als Dauerzustand

Für Migrationsexperten ist das auf Dauer keine Lösung. Selbst wenn sämtliche weltweiten Konflikte befriedet und die Folgen beseitigt werden könnten, würde das die Flüchtlingsprobleme nur kurzfristig lösen: Die Folgen des Klimawandels dürften weitere Millionen Menschen ihrer Heimat berauben.

Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon erwartet, dass die Dublin III-Regelung der EU, die dem Ankunftsland die alleinige Verantwortung für Flüchtlinge aufbürdet, über kurz oder lang einer Aufnahmequote weichen wird - mit neuen Integrationsaufgaben für Deutschland: "Residenzpflicht und Einschränkungen bei der Arbeitsaufnahme helfen da nicht."

"Wir haben das vergangene Jahrhundert mit 80 Millionen Flüchtlingen das 'Jahrhundert der Flucht' genannt, doch wir haben zu Beginn des 21. Jahrhunderts bereits mehr als 50 Millionen Flüchtlinge. Wenn das so weitergeht - was zu befürchten ist -, wird das 21. Jahrhundert weitaus mehr ein Jahrhundert der Flucht. Und darauf müssen wir uns einstellen."

Martin Bröckelmann-Simon im KNA-Interview


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