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Beschuldigter Regisseur Fall Wedel: So ist die Rechtslage bei Verjährung

Die Verjährungsfristen und die juristische Beurteilung der von mehreren Frauen erhobenen Vorwürfe gegen Regisseur Dieter Wedel sind kompliziert. Eine Gesetzesänderung aus dem Jahr 2015 änderte die Rechtslage – und macht nun eine Anklage möglich.

Von: Simon Emmerlich

Stand: 26.01.2018

Dieter Wedel spricht am 21.11.2017 bei der Programmvorstellung der Festspiele in Bad Hersfeld (Hessen). | Bild: dpa-Bildfunk/Swen Pförtner

Aktuell ermittelt die Staatsanwaltschaft München gegen den 75-Jährigen wegen einer mutmaßlichen Vergewaltigung der Schauspielerin Jany Tempel, die sich im Münchner Hotel "Vier Jahreszeiten" im Jahr 1996 abgespielt haben soll. Der Münchner Anwalt Alexander Stevens, spezialisiert auf Sexualstrafrecht, erläutert die juristischen Schwierigkeiten bei der Strafverfolgung solch lange zurückliegender Fälle.

Bei Vergewaltigung beträgt die Verjährungsfrist 20 Jahre, anders als bei anderen Straftaten sei aber nicht der Tatzeitpunkt ausschlaggebend, sondern das Alter des Opfers zum Tatzeitpunkt, sagt Stevens. Bei Sexualdelikten beginnt die Verjährung frühestens mit Vollendung des 30. Lebensjahres des Opfers, um traumatisierten Menschen auch später noch die Möglichkeit zu geben, Sexualverbrechen im Erwachsenenalter anzuzeigen. Diese neue Rechtslage gilt seit 2015. Das bedeutet, wer unter 30 missbraucht oder vergewaltigt wurde, kann bis zum 50. Geburtstag Anzeige erstatten oder - wie jetzt im Fall Wedel - die Staatsanwaltschaft ermittelt von sich aus.

Kein Rückwirkungsverbot bei Verjährung

Die mutmaßlich von Wedel vergewaltigte Schauspielerin war zum Tatzeitpunkt 27, heute ist sie 48. Das bedeutet, dass ihr Fall eigentlich 2016 (Tatzeitpunkt 1996) verjährt wäre. Durch die Gesetzesänderung 2015 verschob sich aber die Verjährung um drei Jahre. Weil die Verjährung also erst an ihrem 30. Geburtstag im Jahr 1999 begann, könnte der Fall bis 2019 verfolgt werden.

Strafrechtsexperte Alexander Stevens

Grundsätzlich gelte im Strafrecht ein sogenanntes Rückwirkungsverbot, erklärt Strafrechtsexperte Stevens. Das heißt, vor Gericht gilt immer die Gesetzeslage, die zum Zeitpunkt der Tat aktuell war. Bei der Verjährung ist das anders, hier gilt das Rückwirkungsverbot nicht, das heißt die Verjährungsfristen können sich in bestimmten Fällen rückwirkend verlängern. Außer die Straftat war bereits vor der Ausweitung einer Frist endgültig verjährt. Das ist bei Jany Tempel aber nicht der Fall.

Unterscheidung schwierig

Für die Vorwürfe gegen Wedel sei nicht nur entscheidend, wann eine Tat stattgefunden hat, sondern auch um was für eine Tat es sich juristisch gehandelt hat - Vergewaltigung oder "nur" sexuelle Nötigung, so Stevens. Denn nur bei Vergewaltigung gilt die 20-jährige Verjährungsfrist, die sogenannte "einfache sexuelle Nötigung" hat nur eine Verjährungsfrist von 10 Jahren.

Juristisch sei diese Unterscheidung auch deshalb schwierig, meint Stevens, weil der Tatbestand der Vergewaltigung mehrfach geändert wurde, zuletzt im November 2016. Vor der aktuellen "Nein heißt Nein"-Gesetzesreform musste der Geschlechtsverkehr mit Gewalt, einer Gewaltandrohung oder durch das Ausnutzen einer schutzlosen Lage erzwungen werden, damit es sich juristisch um eine Vergewaltigung handelte. Vor 1998 waren die Gesetze sogar noch laxer, betont Stevens. Damals seien weder das Ausnutzen einer schutzlosen Lage noch die Vergewaltigung in der Ehe strafbar gewesen. Für mögliche Taten, die sich vor 1998 abgespielt haben, bedeutet das: "Wenn eines der mutmaßlichen Wedel-Opfer schildert, von ihm an einen entlegenen Waldrand gefahren worden zu sein und nur deshalb mit Wedel Sex gehabt zu haben, weil es sich ihm ob des düsteren Ambientes schutzlos ausgeliefert fühlte, war das damals gar nicht erst strafbar, ungeachtet der Verjährung", sagt Stevens.


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Hannah, Samstag, 27.Januar, 13:35 Uhr

4. ein gesellschaftliches Desaster.........

Wir haben eine sehr offene sexualisierte Gesellschaft die sich den ganzen Tag über in den Medien oder in der Öffentlichkeit ohne Scham darstellt. Frau geht jetzt davon aus dass Mann genauso tickt wie sie selbst, dem ist einfach nicht so. Der Umgang mit sich selbst, zeigt auf wie Narzisstisch und Selbstverliebt unsere Gesellschaft ist, es werden in allen Situationen Selfis oder die intimsten Dinge von sich in die Welt hinaus geschickt.
Was Vergewaltigung oder Missbrauch heißt das wissen bestimmt mehr Erwachsene, Kinder, Jugendliche , weiblich so wie männlich, als man denkt. Nur werden diese Menschen nicht wahrgenommen, weil es bisher nie jemanden interessiert hat.
Man weiß bei den Promis nicht so richtig, was ist wahr, wer lag alles auf der Besetzungscouch. Es springen jetzt viele auf den MeeToo Zug auf und das ist das traurige für die wirklichen Opfer.
Warum haben die Stars ihre Nachfolgerinnen nicht gewarnt, man setzte sie bewusst diesen Männern aus, Berühmt sein??

  • Antwort von Wolf, Samstag, 27.Januar, 17:38 Uhr

    Also ich empfehle ihnen dringenst die Rede von Ophra Winfrey zur mee-too Debatte anzuhören,anschließend sollten sie ein paar Stunden im Keller verbringen und sich schämen.....

Realistin1, Samstag, 27.Januar, 09:52 Uhr

3. MeeToo ist ein Karriereschub für Stars und Sternchen.....sonst nichts....

Jetzt geht es nur um die Stars und Sternchen die in der Filmszene weltberühmt geworden sind. Die wirklichen Opfer sind die Frauen und auch jungen Männer die nie gehört werden, die keine Lobby haben und die den Tatbestand beweisen müssten und nicht wie Hollywood's und andere weltweiten Filmsternchen, die sich teilweise mit Pornos hochgeschlafen haben. MeeToo, die einzigen die durch diese Kampagne auch noch Erfolg haben werden und ihre Karieren aufputschen können sind genau diese alternden Stars, die man mit 40 ausgetauscht hätte.
Man muss aber auch davor warnen dass jetzt nicht alte Rechnungen oder verletzte Gefühle abgerechnet werden und unschuldige in Verruf kommen, denn man muss ja nichts mehr beweisen!

  • Antwort von Kats, Samstag, 27.Januar, 11:42 Uhr

    Und wieder Realistin !
    Das sexuelle Übergriffe schwer zu beweisen sind, steht ausser Frage.
    Aber generell eine ganze Branche zu verunglimpfen geht entschieden
    zu weit ! Nein heisst nein, egal wo !
    Generalverdacht, nur weil es um die Filmbranche geht ? Da könnten Sie jetzt noch nachlegen
    und behaupten, Frauen in Miniröcken sind auch selbst schuld.
    Und auch Pornostars können vergewaltigt werden. Es müssen immer beide ja sagen.

  • Antwort von Gretchen, Samstag, 27.Januar, 11:45 Uhr

    Meetoo war überfällig. Natürlich wird es auch Missbrauch dieser Welle geben, wo gibts das nicht? Aber ich denke, dass die wenigsten zu Unrecht beschuldigt werden. Und vor allem kann sich jetzt kein Täter mehr so sicher sein wie bisher.

    Ich befürchte, dass die Meetoo Kampagne von interessierten Kreisen verunglipft wird. Da ist doch in der gesamten Unterhaltungsindutrie was schief gelaufen. Wo es ging, wurde vertuscht.

    Gerade über Wedel kommen ja unglaubliche Dinge ans Licht. Der war wohl weithin bekannt für das, was er tat.

Hrdlicka, Samstag, 27.Januar, 00:10 Uhr

2. Waldrand

Also soweit mir bekannt lag das Hotel "Vier Jahreszeiten" zu München auch im Jahr 1996 an keinem Waldrand, sondern bereits mitten in der Innenstadt der Landeshauptsatdt München , ja sogar innerhalb der alten historichen Stadtmauer !

Gretchen, Freitag, 26.Januar, 21:37 Uhr

1. Schweigekartell

Da hat die ARD sich ja wieder mal was geleistet. Alle Hinweise wurden ignoriert. Und solche Hinweise gab es reichlich und seit Jahren. Besonders der Saarländische Rundfunk hat sich hervorgetan.