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Angebot für alle Tafeln in Bayern: Essen für Bedürftige jeden Alters und jeder Hautfarbe

Seit fast zwei Wochen wird über Tafeln diskutiert, die kostenlos Lebensmittel an Bedürftige geben. Anlass ist eine Entscheidung der Essener Tafel, die vorübergehend keine weiteren Ausländer mehr aufnehmen wollte. Auch in Bayern sind Tafeln oft Vereine, die ihren Abnehmerkreis selbst festlegen können.

Von: Patrizia Kramliczek

Stand: 06.03.2018

Die Tafeln, die kostenlos Lebensmittel an Bedürftige geben, sind in der Diskussion. Denn die Essener Tafel wollten vorübergehend keine weiteren Ausländer mehr aufnehmen. Auch Bayerns Tafeln können ihren Abnehmerkreis selbst festlegen.

Grundsätzlich sollte jeder genug Geld haben, um sich Essen kaufen zu können. Dafür gibt es in Deutschland gegebenenfalls Sozialleistungen. Auch wenn daher niemand lebensbedrohlichen Hunger leiden muss, fehlt vielen das Geld für frische Lebensmittel. Hier können die Tafeln helfen. Deren Prinzip: Ehrenamtliche sammeln bei Geschäften und Herstellern überschüssige, aber einwandfreie Lebensmittel ein und geben sie in ihren Läden kostenlos an Bedürftige weiter. In erster Linie sind das Obst, Gemüse, Brot, andere Backwaren und Milchprodukte - also Lebensmittel, die nur begrenzt haltbar sind.

Arbeitslose, Kinder, Rentner, Migranten

Die Tafeln unterstützen Menschen, die zumeist bereits auf staatliche Hilfe angewiesen sind: Langzeitarbeitslose, Rentner mit wenig Geld, Jugendliche und Kinder in Armut, Asylbewerber, Bafög-Empfänger, Menschen in vorübergehenden Notlagen. Welchem Personenkreis genau sie einen Berechtigungsschein für ihre Lebensmittel ausstellen, können die örtlichen Tafeln in der Regel selbst entscheiden. Denn sie sind als eigenständige Vereine organisiert.

Derzeit in der Diskussion stehen die Lebensmittelgaben an Migranten. "Im Jahr 2016 sind wir auch an unsere Grenzen gestoßen", sagte Gertrud Morgenstern von der Tafel Schweinfurt gegenüber dem BR. "Und natürlich merken wir auch heute noch, dass der Bedarf an Lebensmitteln für Familien ohne Geld durch die Flüchtenden größer geworden ist." Dennoch stünden hinter den Abholern oft Familien mit Kindern.

Vergraulen Flüchtlinge Senioren?

Die Tafel in Essen hatte zu Beginn des Jahres einen Anteil an Ausländern von 75 Prozent und Mitarbeiter beklagten, dass sie beschimpft wurden, wenn kein Geflügel oder Rindfleisch vorhanden war, dass die Ausländer drängelten und pöbelten. Viele Ältere sollen gar nicht mehr zur Tafel gekommen sein, weil sie sich in der Minderheit fühlten.

Edeltraud Rager, Projektleiterin der Nürnberger Tafel, kann diese Erfahrungen nicht teilen. Im "Tagesgespräch" des BR sagte sie: "Bei mir ist nichts angekommen in der Richtung, dass jemand aus diesem Grund nicht mehr kommen würde." Wie hoch der Ausländeranteil bei den Kunden der Nürnberger Tafel ist, weiß Rager nicht: "Wir können das sicher auswerten über EDV-Programme. Aber ich kann es aus dem Stegreif nicht sagen, weil es für uns unerheblich ist." Bei der Lebensmittelausgabe sehe man die Nürnberger Seniorin neben der allein erziehenden Mutter aus dem Irak oder einem anderen Land. "Es ist uns völlig egal, wo die Kunden her sind", so Rager.

Kurzer Blick nach Baden-Württemberg

In Ulm im benachbarten Baden-Württemberg sind die Erinnerungen an die Flüchtlingswelle 2015 noch präsent. Immer mehr Flüchtlinge ohne Deutschkenntnisse drängten in die Tafelläden. "Die verstanden das nicht und wollten einfach nur zugreifen", sagte Claudia Steinhauer, die beim Deutschen Roten Kreuz für sechs Tafelläden in Ulm und Umgebung zuständig ist. So manchen deutschen "Stammkunden" habe das verstört, ältere Frauen etwa. Nicht wenige seien weggeblieben, einige bis heute. Doch die Lage normalisierte sich. Flüchtlinge selbst haben dazu beigetragen - zum Beispiel, indem sie die Regeln für ihre Landsleute übersetzten.

Zugewiesene Einkaufszeiten entzerren die Lage

Die Nürnberger Projektleiterin Rager wendete ein, dass die Organisation vermutlich anders sei als in Essen. "Bei uns bekommen die Kunden feste Zeiten, zu denen sie die Ware abholen können. Lange Warteschlangen wie auf den Bildern aus Essen gibt es bei uns nicht."

Auch in Neu-Ulm gibt es einen festen Zeitplan. "So ist jeder mal der Erste und kann aus dem Vollen schöpfen", sagte Jürgen-Helmut Liebhart vom dortigen Tafelladen des Bayerischen Roten Kreuzes. "Aber jeder ist auch mal der Letzte und muss dann zufrieden sein mit dem, was noch übrig ist." Weil das System fair sei, sagte Liebhart, werde es akzeptiert.

Örtliche Vereine

Etwa 40 Prozent der Tafeln in Bayern sind in eigenständigen Vereinen organisiert, wie zum Beispiel die "Schweinfurter Tafel e.V.". Für die anderen etwa 60 Prozent haben gemeinnützige Organisationen, wie zum Beispiel die Diakonie, Caritas, das Rote Kreuz oder die Arbeiterwohlfahrt die Trägerschaft übernommen. Rund 930 Tafeln gibt es deutschlandweit. In Bayern sind es 169. Der Dachverband "Tafel Deutschland e.V." wurde 1995 gegründet und vertritt die lokalen Tafeln gegenüber der Politik, der Gesellschaft und den Medien.

Finanzierung aus Spenden

In der Regel sind die Mitarbeiter bei den Tafeln Ehrenamtliche und die Lebensmittel werden gespendet. Die hauptsächliche Finanzquelle für alles, was sonst noch anfällt - vom Kühlwagen für die verderblichen Lebensmittel bis zum Computer im Büro - sind nach eigener Auskunft des Vereins Spenden. In München zum Beispiel werden die Tafeln auch von der Stadt unterstützt, wie Hedwig Thomalla, Pressesprecherin des Sozialreferates München bestätigt.

Weitere soziale Angebote

In München sind die insgesamt 27 Tafeln ein weit verzweigtes Angebot für kostenlose oder kostengünstige Lebensmittel. Daneben gibt es aber auch den Verein "Essenshilfe München", der ähnlich wie die Tafel Lebensmittel bei Geschäften einsammelt und - allerdings gegen einen kleinen Beitrag - an Bedürftige abgibt. Wie bei den Tafeln dürften hier Menschen angesprochen werden, die sich Lebensmittel für zu Hause holen und selber kochen oder sich ihr Essen selber zubereiten. Andere Einrichtungen bieten warmes Essen an. In München etwa die Heilsarmee oder St. Bonifaz. Wieder andere Angebote haben direkt das Ziel, Obdachlose zu versorgen - zum Beispiel die "Möwe Jonathan", die mit einem Bus auf der Straße unterwegs ist und Tee und Brotzeit an Obdachlose verteilt.

Zunehmende Altersarmut

Die Tafel Bayern sorgt sich "um die weiterhin hohe Anzahl der bedürftigen Kinder und Jugendlichen". Ihr Vorsitzender Reiner Haupka kritisiert an den sozialpolitischen Entwicklungen die zunehmende Altersarmut und die Politik, die das nicht verhindert.

Edeltraud Rager aus Nürnberg ist da zurückhaltender: "Was die Tafeln machen, ist eine ergänzende Geschichte. Wir können nicht die Probleme lösen, die Politik oder Staat lösen muss. Wir versuchen, Lebensmittel vor der Vernichtung zu retten und führen sie einfach Bedürftigen zu." Man könne hiermit Not lindern. Die bayersichen Tafeln können auch nicht, wie sie selbst betonen, die komplette Ernährung der Bedürftigen stellen, sondern den Speiseplan mit den meist nicht lange haltbaren Lebensmitteln verbessern.

Verknüpfungen zur Politik sind jedenfalls vorhanden: Helmut Brunner, der bayerische Landwirtschaftsminister, ist Schirmherr der Tafel Bayern. In seinem Geleitwort lobt er das Vorgehen gegen Lebensmittelverschwendung, die Armutsbekämpfung und "gelebte Solidarität und Menschlichkeit".

7.000 Ehrenamtliche

In Bayern engagieren sich rund 7.000 Ehrenamtliche bei den Tafeln und ermöglichen, dass etwa 200.000 Menschen im Jahr besser versorgt werden.

Der Zuspruch zu den Tafeln steigt auf beiden Seiten. "Die Menge der gespendeten Lebensmittel ist tendenziell steigend", so der Landesverband Bayern, "aber nicht in der Geschwindigkeit, in der die Nachfrage steigt."


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