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#Faktenfuchs: Mülltrennung Wo landet der deutsche Plastikabfall?

Das deutsche Recyclingsystem gilt weltweit als Vorzeigemodell. Doch Kritiker bemängeln die offiziellen Zahlen zu den wiederverwerteten Rohstoffen. Dazu zähle nämlich auch Abfall, der später verbrannt oder nach China verschifft werde.

Von: Jenny Stern

Stand: 03.01.2018

Ein Radlader fährt in einer Halle einer Sortieranlage für Verpackungsabfälle. | Bild: dpa/Gregor Fischer

Deutschland recycelt mehr als jedes andere Land auf der Erde: Wie das Weltwirtschaftsforum in einem Video darstellt, werden dort 56 Prozent aller Abfälle entweder wiederverwertet oder kompostiert - so viel wie nirgends sonst. Den Post für den Recycling-Weltmeister veröffentlichte die Stiftung aus der Schweiz auf Facebook.

Die Kommentare einiger Nutzer fielen dann allerdings skeptischer aus als der Beitrag selbst. Sie befürchteten, dass der meiste Müll gar nicht im Recycling, sondern in Verbrennungsanlagen lande oder das Plastik gleich nach China exportiert werde. In Wirklichkeit sei die Recyclingquote also sehr viel geringer. Was ist dran an solchen Behauptungen?

Mülltrennung in Deutschland: der Grüne Punkt

Seit 1991 können die Deutschen gebrauchte Verpackungen, die den Grünen Punkt tragen, abgeben und hoffen, dass sie als neue Rohstoffe aufbereitet werden. Über 1,7 Millionen Tonnen benutzte Verkaufsverpackungen kamen so im Jahr 2016 zusammen.

Wie viel dem Wertstoff-Kreislauf zurückgegeben werden soll, legt dabei eine gesetzliche Quote fest - sie ist je nach Material unterschiedlich. Bei Kunststoffen müssen mindestens 36 Prozent verwertet werden, bis zum Jahr 2022 soll der Wert dann auf 63 Prozent angehoben werden. Laut dem Statistischen Amt der Europäischen Union lag 2015 die Recyclingquote für Kunststoffe in Deutschland bei 48,8 Prozent. Die andere Hälfte wurde zur Energiegewinnung verbrannt. Besser als Plastik lassen sich Glas und Papier recyceln. Für sie visiert die Bundesregierung eine zukünftige Quote von 90 Prozent an.

Streitpunkt Recyclingquote

Die von den Facebook-Nutzern genannte Kritik an der Recyclingquote ist nicht neu: Als recycelt gilt derzeit nämlich alles, was in eine Recyclinganlage hineingeht. Fremdstoffe oder nicht recyclingfähiges Material würden dadurch zu Unrecht als recycelt gewertet, und das verzerre die Quoten, sagt Philipp Sommer von der Deutschen Umwelthilfe. Zudem spiele es auch keine Rolle, was am Ende aus dem Recyclingmaterial hergestellt oder ob es eben nach China exportiert werde. Als häufiges Problem nennt Sommer das sogenannte Downcycling: Aus Abfallstoffen werden minderwertige Produkte oder Verpackungen hergestellt.

Der Verband kommunaler Unternehmen geht in eine ähnliche Richtung, wenn er sagt, dass die Recyclingquoten jahrelang mit Exporten nach Asien schöngerechnet wurden.

"Die jetzigen Probleme machen deutlich, dass so manche deutsche 'Recyclingerfolge' mit dem Export minderwertiger Mischkunststoffe nach China erkauft wurden. Dieser Schwindel fliegt jetzt auf, weil die Chinesen diese Stoffe nicht mehr haben wollen."

Verband kommunaler Unternehmen e.V.

Wende in Chinas Importpolitik

Über Jahrzehnte importierte China Müll aus aller Welt, um daraus Rohstoffe zu ziehen und neue Produkte herzustellen. Beim Plastikmüll waren es im vergangenen Jahr allein 7,3 Millionen Tonnen. Aus Deutschland gelangten 2015 laut Außenhandelsstatistik 600.000 Tonnen Kunststoffabfälle in die Volksrepublik.

Mit dem neuen Jahr wird sich das jedoch ändern, weil China nun seine Einfuhrbestimmungen für Abfall zum Rohstoff-Recycling verschärft. Bestimmte Abfallarten wie verschiedene Plastiksorten, Metall- oder Elektroschrott können dann nicht mehr eingeführt werden. "Ein Problem war, dass der Müll aus dem Westen oft eine mangelnde Qualität aufwies. Es waren zu häufig große Mengen Fremd- oder Schadstoffe enthalten, die das Recycling erschwerten", erklärt Sommer von der Deutschen Umwelthilfe. Im Zuge eines gestiegenen Umweltbewusstseins fordere die Regierung in Peking deshalb, dass der Müll von nun an besser sortiert und weniger verunreinigt in China ankommen solle. Zum anderen würden in China immer mehr eigene Abfälle anfallen und diese besser erfasst werden, sagt Sommer. Der massive Import könne deshalb eingeschränkt werden.

Verschiedene Szenarien für den Plastikabfall

Was also wird sich durch die chinesischen Importrestriktionen verändern? Fachleute zweifeln kaum daran, dass sich die Menge an Plastikabfall in Deutschland zusätzlich erhöhen und die Preise deshalb fallen werden. Mehr recyceln könne Deutschland zurzeit wegen fehlender Kapazitäten nicht, sagt Thomas Probst vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung.

Er geht davon aus, dass stattdessen ein Teil der Kunststoffabfälle in Deutschland nachsortiert werde, um die Qualität zu verbessern. So könne das Plastik weiterhin nach China verkauft werden. Außerdem, so vermutet Probst, würden Kunststoffabfälle in Zukunft vermehrt verbrannt werden, um Energie zu erzeugen. Sommer von der Deutschen Umwelthilfe befürchtet ein weiteres Szenario: Im schlimmsten Fall, so sagt er, könne sich die Entsorgung von qualitativ minderwertigen Plastikabfällen von China in benachbarte Länder wie Taiwan oder Indien verlagern.

Fazit: Deutscher Plastikabfall landete bisher zum Teil tatsächlich in China. Er wurde dorthin mit großen Containerschiffen transportiert. Von dem Deal profitierten beide Seiten: Die Chinesen erzeugten aus den gewonnenen Rohstoffen neue Produkte und Deutschland war seinen Müll los. Mit Beginn des Jahres 2018 ändert sich diese Entwicklung wegen Chinas Importrestriktionen aber. Mit welchen Folgen für den deutschen Plastikmüll, ist bisher noch kaum abzusehen.


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Simon Hablowetz, Sonntag, 07.Januar, 16:00 Uhr

2. Müllvermeidung!?!?!?

Die Lösung fürs Problem is ganz einfach: Müllvermeidung. Wenn ich und viele weitere engagierte Umweltschützer das in Deutschland hinbekommen, sollte das der Staat doch auch in Erwägung ziehen!
Besser die Ursache bekämpfen, als das Symptom!
Für Leute, die sagen, dass das nicht geht, einfach mal nach Müllvermeidung oder Zero Waste in Youtube googeln.

T3-fan, Mittwoch, 03.Januar, 20:13 Uhr

1. DUH, die Chinaversteher

Schon toll,dass die "DUH" endlich offen für China spricht. Beim Diesel war das noch etwas anderes...