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Einkommen so ungleich wie vor 100 Jahren? Verflixte Kluft zwischen Arm und Reich

Ist die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland wirklich so groß wie seit hundert Jahren nicht? Das kommt auf die Zahlen an, auf die man sich stützt.

Von: Patrizia Kramliczek

Stand: 09.01.2018

Als im Dezember der "Bericht zur weltweiten Ungleichheit" erschienen ist, wurde in Agenturmeldungen und Medien das Fazit gezogen: Die soziale Kluft in Deutschland ist so groß wie zuletzt vor etwa 100 Jahren. Der Beleg aus der Studie: Die oberen zehn Prozent der Haushalte verfügen über ca. 40 Prozent der Einkommen, die untere Hälfte zusammen nur über 17 Prozent. Das sei ähnlich wie 1913.

Wichtige Faktoren ausgeblendet

Der Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München, Clemens Fuest, wollte das so nicht stehen lassen und holte in einem Gastbeitrag in der "Zeit" zur Demontage des "Märchens von der Jahrhundertungleichheit" aus. Diese These beruhe auf "selektiver Wahrnehmung" und blende wichtige Faktoren aus. So werde zum Beispiel das Bruttoeinkommen zugrunde gelegt, aber es komme auf das Nettoeinkommen an. Denn das Steuersystem verteile heutzutage deutlich mehr als zu Zeiten des Kaiserreiches. "Schaut man nach Deutschland und konzentriert sich auf die letzten zehn Jahre", schreibt Fuest in dem Artikel, "dann stellt sich heraus, dass die Einkommensungleichheit sich nicht verändert hat." Auch dass absolute Armut global abgenommen habe, werde nicht in Betracht gezogen.

Drei verschiedene Arten von Armut

Den Begriff der absoluten Armut benutzt die Weltbank und meint damit Menschen, die 1,90 US-Dollar und weniger am Tag zur Verfügung haben. Prognosen zufolge betrifft das weltweit etwa 700 Millionen Menschen, also etwa jeden Zehnten. Die absolute Armut hat sich laut Weltbank seit den 1990er Jahren deutlich verringert. Neben der absoluten spricht man allgemein auch noch von der relativen und gefühlten Armut. Relative Armut findet sich meist in Wohlstandsgesellschaften, in denen kaum absolute Armut existiert. Als relativ arm gelten Menschen, die weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommen eines Landes verdienen. In Deutschland sind das als Single weniger als etwa 1.000 Euro. Die dritte Art, die gefühlte Armut, lässt sich nicht durch das Einkommen definieren. Gefühlt arm ist vielmehr jemand, der aus der Gesellschaft ausgegrenzt wird oder Angst hat, in relative Armut abzurutschen.

Komplexe Berechnungen

Soziale Ungleichheit an der Verteilung der Bruttoeinkommen zu messen, greift also zu kurz. Aber auch die Verteilung der Einkommen könne wiederum "nicht mit einer einzigen Maßzahl vollständig beschrieben werden". Darauf verweist die Bundesregierung in ihrem Armuts- und Reichtumsbericht von 2017 und nennt drei wesentliche Kennzahlen, die sie in ihrer Erhebung einbezieht. Hinter diesen Werten stecken wissenschaftliche Berechnungen, die zum Teil recht komplex sind:

  • Gegenüberstellung dessen, wie viel vom gesamten Einkommen auf die obere und wie viel auf die untere Hälfte der Verdiener entfällt. In Deutschland bestehe seit 2005 ein stabiles Verhältnis von 70:30.
  • Berechnung des sogenannten Gini-Koeffizienten, der auf einer Skala von 0 bis 1 die Ungleichheit einer Verteilung beschreibt. Je näher an 1, umso ungleicher die Verteilung. In Deutschland liege der Wert bei rund 0,3.
  • Palma-Ratio: Dieser Wert setzt das, was die obersten zehn Prozent verdienen in Beziehung zu der Summe dessen, was die untersten 40 Prozent verdienen. In Deutschland bewegt sich der Wert zwischen 1,0 und 1,1. Das heißt: Die oberen zehn Prozent verfügen über genauso viel Einkommen wie die unteren 40 Prozent zusammen. Auf die oberen zehn Prozent entfällt - wenn der Wert genau 1,0 ist - das vierfache Pro-Kopf-Einkommen. Die Palma-Ratio beruht auf der Beobachtung, dass die obersten zehn und die unteren 40 Prozent zusammengefasst immer über die Hälfte des Einkommens verfügen.

Wenn man nur einen dieser Werte herausgreift, wird also ein verzerrtes und unvollständiges Bild entstehen. Die Bundesregierung kommt mit ihren Berechnungen zu dem Ergebnis, dass die Verteilung der Einkommen in Deutschland in den vergangenen Jahren relativ konstant geblieben ist, in den Jahren zuvor - zwischen 1999 und 2005 - aber deutlich auseinandergegangen ist. Von 1994 bis 1998 ist die Ungleichheit demnach gesunken.

Nicht vergleichbar

Auf Grundlage dieser komplexen Berechnungen, die zudem um die Inflation bereinigt sind, ergibt sich für Bayern: Die obersten zehn Prozent der Bevölkerung erzielen 22,8 Prozent des gesamten Einkommens im Freistaat, die untere Hälfte 30,1 Prozent. Das entspricht in etwa den deutschlandweiten Zahlen. Vergleichen mit den Werten des "Berichts zur weltweiten Ungleichheit" lässt sich das nicht, weil diese weltweite Erhebung Bruttoeinkommen für ihre Statistik verwendet.


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