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Diskussion um Ankerzentren Erstaufnahmeeinrichtung Donauwörth: vom Brennpunkt zum Vorzeigeprojekt?

Noch im März herrscht gereizte Stimmung in Donauwörth. Die Polizei nimmt 30 randalierende Asylbewerber in der Erstaufnahmeeinrichtung fest. Die Situation hat sich deutlich gebessert. Was kann die Politik daraus für die geplanten Ankerzentren im Bund lernen? Exklusive Einblicke in eine Erstaufnahmeeinrichtung.

Von: Gloria Stenzel

Stand: 30.05.2018

Rund 550 Asylbewerber wohnen derzeit in der Erstaufnahmeeinrichtung Donauwörth, Platz wäre für 1.000 Menschen. Die mit Abstand größten Gruppen bestehen aus türkischen Kurden und Asylbewerbern aus Gambia. Immer wieder rückte die Polizei wegen Saufgelagen, Rangeleien und Pöbeleien einzelner Asylbewerber aus. Der letzte Einsatz war am vergangenen Samstag.

Insgesamt ist es ruhiger geworden in Donauwörth. Die Malteser haben einen großen Anteil daran. Anna Lobkowicz von den Maltesern führt durch die Einrichtung.

"Solche Sachen können immer wieder passieren und man versucht einfach so viel wie möglich präventiv zu machen, eben mit Aufklärung, mit Gesprächen mit Aktivitäten."

Anna Lobkowicz, Malteser Hilfsdienst

Neben Wohnen und Essen gibt es auch Freizeitangebote für die Asylbewerber auf dem Gelände wie Sportmöglichkeiten oder etwa das Café. Es gibt gesonderte Häuser für Familien und Frauen. Vor Ort wird Deutsch-Unterricht gegeben, regelmäßig ein Kurs namens "Wertvoller Raum" abgehalten, in dem Verhaltensweisen, Werte und Sitten, aber auch ein wenig Politik und Geschichte vermittelt werden.

Jobs sorgen für Ablenkung

Etwa 30 Jobs pro Tag gibt es in der Erstaufnahmeeinrichtung. Der Verdienst: 80 Cent die Stunde. In der Wäscherei, Schneiderei, Kleiderkammer, Kinderstube, Haustechnik, Kantine, für Fegen und Müllsammeln und als Übersetzungshilfe. Die Jobs sind begehrt. Sie geben den Bewohnern Struktur für den Tag und helfen, sich abzulenken.

Der Gambier Alcadi ist seit einem Monat hier. Er kümmert sich täglich um die Sauberkeit auf dem Gelände. Weil er sich gegen Genitalverstümmelung von Frauen stark gemacht hat, musste er aus Gambia fliehen, erzählt er. 

Gambier haben kaum Chance auf Asyl

Ein großer Teil der Bewohner hier kommen aus Gambia. Ihre Chance, ein Bleiberecht zu bekommen, ist sehr gering. Viele werden von hier wieder abgeschoben. Doch das kann dauern. Die Herausforderung ist ihnen dennoch eine Perspektive zu geben, um Frust und Unruhe zu vermeiden.

Außerhalb der Einrichtung dürfen die Flüchtlinge während ihrer Zeit in der Erstaufnahme nicht arbeiten. Monatelang warten sie, bis ihr Asylantrag bearbeitet ist. Viele würden gern selbst wieder ausreisen, aber das geht wegen mangelnder Papiere meist nicht. Die Enttäuschung darüber ist oft groß. Nicht zu wissen, wie es weitergeht, kann die Stimmung schnell kippen lassen. Die Malteser wollen dem vorbeugen mit viel sozialem Programm als Gegenpol zum Leben in der Stadt.

Vorbild für Ankerzentren?

Beschäftigung, Werte-Unterricht, regelmäßige Sicherheitstreffen mit Stadt und Polizei - alles Maßnahmen, die das Zusammenleben hier friedlicher gemacht haben. Stimmt das Konzept und ist genug Platz, sind auch große Ankerzentren wie sie die Bundesregierung plant, machbar, glaubt Anna Lobkowicz.

"Familien brauchen definitiv ihr eigenes Zimmer, man sollte bei den Männern schauen, dass es nicht mehr als sechs sind, wenn man weiß, die bleiben die vollen zwei Jahre, man kann mit vielen kleinen Schritten in der Privatsphäre ganz viel abfangen."

Anna Lobkowicz, Malteser

Das Beispiel Donauwörth zeigt: Wo große Einrichtungen für Flüchtlinge geplant sind, braucht es ein ausgefeiltes Konzept, viel Engagement und ausreichend Personal. 


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