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Schweres Erdbeben in Italien "Es gleicht einer Bombardierung"

Die Zahl der Todesopfer bei dem schweren Erdbeben in Mittelitalien ist auf 73 gestiegen. Das teilte der Zivilschutz des Landes mit. Rettungskräfte suchen weiter nach Überlebenden in den Trümmern. Mehrere Dörfer wurden teilweise verwüstet.

Von: Peter Solfrank, Max Muth

Stand: 24.08.2016

Erdbeben in Italien | Bild: Reuters (RNSP)

Mitten in der Nacht hat ein schweres Erdbeben die Menschen in Mittelitalien aus dem Schlaf gerissen. Betroffen sind die Regionen Umbrien, Latium und Marken. Der italienische Zivilschutz geht mittlerweile von mindestens 73 Toten aus, die Zahl könnte jedoch noch steigen - viele Menschen gelten noch als vermisst. Schwer getroffen wurden die beiden Orte Amatrice und Accumoli. 53 der Opfer kamen in diesen beiden Orten ums Leben.

Viele dicht besiedelte Gebiete scheinen jedoch verschont geblieben zu sein, das Beben traf eine Bergregion, in der mehrere Nationalparks liegen. Die Rettungsdienste konnten einige Orte in der bergigen Gegend bislang nur schwer erreichen. Ministerpräsident Matteo Renzi twitterte, schweres Gerät sei auf dem Weg in das Erdbebengebiet.

"Das halbe Dorf ist verschwunden, Viele sind noch unter den Trümmern. Wir bereiten einen Ort für die Leichen vor."

Der Bürgermeister des Urlaubsorts Amatrice, Sergio Pirozzi

Eine Verletzte wird aus ihrem Haus in Amatrice geborgen

Zwei Tote in dem Ort Pescara del Tronto hatte die Polizei bereits am frühen Morgen bestätigt. Es handelt sich um ein älteres Paar, das in seinem Zimmer starb. Außerdem sei eine Familie mit zwei kleinen Kindern unter den Trümmern, und es gebe kein Lebenszeichen, sagte der Bürgermeister von Accumoli, Stefano Petrucci. Es sei eine Tragödie, sagte er. Sein Dorf sei zu einem beträchtlichen Teil zerstört.

"Hier gibt es nichts mehr. Nur Trümmer. Es gleicht einer Bombardierung."

Laura Boldrini, itlaienische Parlamentspräsidentin

Zeltstädte für Obdachlose

Rettungskräfte suchen in den Trümmern nach Überlebenden

Tausende Menschen wissen nicht, wo sie die Nacht verbringen sollen, weil ihre Häuser eingestürzt sind oder vom Einsturz bedroht sind. Allein der Bürgermeister des Ortes Accumoli, Stefano Petrucci, sprach von 2500 Menschen ohne Dach über dem Kopf. Unter ihnen seien allerdings wohl etwa 2000 Menschen, die in dem Ort Urlaub machten. Es sei kein einziges Haus mehr bewohnbar, sagte Petrucci. Zelte seien dringend nötig. "Obwohl August ist, herrschen hier nachts zehn Grad." Der italienische Zivilschutz will für die Menschen in der Orten Pescara und Arquata del Tronto Zeltstädte errichten. Weitere Betroffene sollen in Sporthallen in der Region untergebracht werden.

Epizentrum in 10 km Tiefe

Das Beben hatte nach Angaben des Geophysischen Instituts Potsdam eine Stärke von 6,1, das Zentrum lag in zehn Kilometern Tiefe. Auch in der rund 150 Kilometer vom Epizentrum entfernten Hauptstadt Rom war es noch deutlich zu spüren.

"Dieses Erdbeben scheint völlig aus dem Nichts gekommen zu sein."

Geologe David Rothery

Nun wird auch das Kolosseum in Rom auf mögliche Schäden überprüft. Ein Krisenstab der archäologischen Aufsichtsbehörde kontrolliere, ob es an dem meistbesuchte Monument in Italien Schäden gebe, die man nicht auf den ersten Blick sehen könne Das berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Das Kolosseum wurde am Mittwoch ganz normal für Besucher geöffnet. Noch näher liegen jedoch die Städte Perugia und Assisi. An der berühmten Wallfahrtskirche in Assisi hat es nach bisherigen Erkenntnissen jedoch keine Schäden gegeben.

Zufahrten teilweise verschüttet

Das Abschätzen der Schäden gestaltete sich schwierig, die betroffene Bergregion war zum Teil von der Außenwelt abgeschnitten. Amatrices Bürgermeister Sergio Pirozzi sagte, die Zufahrt zum Ort sei verschüttet.

"Auf der einen Seite gibt es einen Erdrutsch auf der Straße, auf der anderen Seite steht die Brücke kurz vor dem Einsturz."

Der Bürgermeister des Urlaubsorts Amatrice, Sergio Pirozzi

Amatrice ist zur derzeitigen Sommersaison voller Urlauber. Der malerische Ort ist ein beliebtes Ausflugsziel, er wird vornehmlich von Bewohnern der Hauptstadt besucht, die im August der Hitze Roms entfliehen. Amatrice liegt in den Bergen, rund 50 Kilometer von L'Aquila entfernt, wo 2009 mehr als 300 Menschen bei einem Erdbeben starben.

Papst betet für Opfer

Ministerpräsident Matteo Renzi sagte eine für Donnerstag geplante Reise nach Paris ab, wo er an einem Treffen der europäischen Sozialisten teilnehmen wollte. Papst Franziskus unterbrach seine wöchentliche Generalaudienz und drückte seinen "großen Schmerz" und seine "Solidarität" mit allen Betroffenen aus. Er schließe "alle Menschen ein, die ihre Angehörigen verloren haben und jene, die noch unter dem Schock des Bebens und seiner Schrecken leiden", sagte Franziskus in Rom. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundespräsident Joachim Gauck sprachen den Betroffenen ihre Anteilnahme aus.

Warnstufe rot

Auch das Krankenhaus in Amatrice wurde getroffen, die Patienten ins Freie gebracht

Der Chef des italienischen Zivilschutzes, Fabrizio Curcio, sprach von einem "schweren Beben". Die Stärke der Erschütterungen entspricht in etwa jener des Erdbebens im Jahr 2009 im zentralitalienischen L'Aquila: Damals waren bei einem Beben der Stärke 6,3 mehr als 300 Menschen ums Leben gekommen. Das jetzige Beben aber sei vermutlich weniger fatal, so der Chef des Zivilschutzes, weil die Gegend nicht so stark bevölkert sei.

Das schwere Erdbeben von L'Aquila

Demonstranten fordern nach dem Erdbeben von L'Auquila den Wiederaufbau der Stadt

Am 6. April 2009 um 3.32 Uhr verwüstet ein schweres Erdbeben die mittelitalienische Stadt L'Aquila. Es sterben insgesamt 309 Menschen, Tausende Häuser der Abruzzen-Stadt werden beschädigt, rund 70 000 Menschen obdachlos. Nach unterschiedlichen Messungen liegt die Stärke des Bebens zwischen 5,8 und 6,3. In der 70 000-Einwohner-Stadt, etwas mehr als 100 Kilometer von Rom entfernt, stürzen ganze Wohnblocks ein.

Regierungschef Silvio Berlusconi ruft den Notstand aus. Im historischen Stadtkern mit seinen barocken Palazzi und Kirchen bleiben von vielen Bauten nur Trümmerberge. Für wütende Proteste der Betroffenen sorgt Berlusconi bei einem Besuch in der Region. Er gibt den in Zelten untergebrachten Opfern den Rat: "Man muss es eben nehmen wie ein Camping-Wochenende."


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