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Ausreise nach Syrien und zurück Wenn sich das eigene Kind radikalisiert

Mehr als 900 junge Menschen sind laut Bundeskriminalamt in den letzten Jahren von Deutschland nach Syrien oder in den Irak ausgereist, um sich dort einer Terrororganisation anzuschließen. Wer zurückkommt, dem droht eine Verhaftung. Und das stößt bei manchen Verwandten auf Unverständnis.

Von: Joseph Röhmel und Nina Landhofer

Stand: 01.02.2018

Im Raum Weiden in der Oberpfalz wird Ende Mai ein mutmaßlicher Dschihadist und Syrien-Rückkehrer verhaftet. Es finden mehrere Hausdurchsuchungen statt. Auch in Österreich, wo die 70-jährige Mutter des Verhafteten lebt. Die Aufregung im Umfeld des Verhafteten ist groß. Die Mutter beklagt öffentlich in einem Facebook-Video die schlechte Behandlung durch die Beamten.

"Als hätten wir jemanden ermordet oder eine Bombe gebaut. Sie haben alles auseinandergenommen. Ich habe gesagt, dass mein Sohn ein Braver ist."

Mutter eines mutmaßlichen Dschihadisten

Standbild aus einem Video der Islamistengruppierung Junud al-Sham. Führer Shishani mit Kindern.

Der mutmaßliche Dschihadist soll für die Al-Kaida-nahe Gruppe "Junud al-Sham" in Syrien gekämpft haben. Freunde und Verwandte fragen: Ist er wirklich ein Dschihadist? Die Gruppe bekämpfe doch den Machthaber Assad und die Terrormiliz IS. Aus ihrer Sicht wollen das die Sicherheitsbehörden nicht erkennen.

Die Familie fühlt sich ganz offensichtlich von Politik und Justiz verraten. Auch weil Innenminister Joachim Herrmann sich öffentlich zur Verhaftung äußert und von einem Erfolg der Sicherheitsbehörden spricht. So schreibt der Neffe der Mutter des Verhafteten auf Facebook: "Die Wohnung der 70-jährigen schwer behinderten Mutter des angeblichen Dschihadisten wurde von schwer bewaffneten Beamten gestürmt. Die arme alte Frau wurde gedemütigt und liegt jetzt im Krankenhaus."

Nicht der erste Fall

Imam Ibrahim, Mehmets Schwager, liest aus dem Koran

Eine Handvoll junger Männer aus Neustadt an der Waldnaab und dem nahegelegenen Weiden sind in den letzten Jahren nach Syrien gegangen. Die muslimisch geprägten Familien kennen sich teilweise untereinander, sind teilweise miteinander verwandt.

Aus diesem Umfeld kam auch Mehmet – ein junger Mann, der 2014 als Kämpfer der Junud-al-Sham getötet wurde. Ein Treffen mit seinem Schwager zeigt: Mehmet war ein netter junger Mann. Trotzdem ist er in den Dschihad gezogen.   

"Wir hätten ihm klarer machen müssen, dass seine Familie ihn braucht. Und dass es viel wichtiger ist, als zu versuchen, die Welt am anderen Ende der Welt zu verbessern."

Schwager von Mehmet

Fragen nach Deradikalisierung

Thomas Mücke von der Stelle "Violence Prevention Network".

Thomas Mücke leitet das sogenannte Violence Prevention Network. Das ist ein ziviler Träger, der sich in ganz Deutschland um radikalisierte, meist junge Männer und Frauen kümmert, in Bayern sogar im Auftrag des Freistaats. Mücke weiß, wie schwer man an Familien herankommt, die ein kritisches Verhältnis zum Staat und seinen Sicherheitsbehörden haben: 

"Im Vollzug gibt es ja dann auch die sogenannten Angehörigentage, wo wir das genau betrachten. Sind Eltern diejenigen, die man als Bündnispartner, Kooperationspartner sehen kann? Nicht die Schuldfrage, die bringt uns hier nicht weiter. Sondern Verantwortung an dem Punkt, was bin ich bereit zu ändern, damit das Problem mit meinem Kind gelöst werden kann."

Thomas Mücke, Violence Prevention Network

Corinnas Geschichte ...

Diese kugelsichere Weste trug Corinna während ihrer Zeugenaussage, da sie sich von ihrem Schwiegersohn bedroht fühlte.

Wie schwierig es für Beratungsstellen sein kann, mit Eltern in Kontakt zu kommen, zeigt der Fall einer besorgten Mutter aus Schwaben. Sie hat vor Gericht gegen den Partner ihrer Tochter ausgesagt, weil er für den IS kämpfen wollte.

Ihre 27-jährige Tochter ist vor ein paar Jahren vom Christentum zum Islam konvertiert. Und sie hat Hüsrev nach islamischem Recht geheiratet, einen Sympathisanten der Terrormiliz IS. Er sitzt momentan im Gefängnis – wegen Passfälschung und versuchter Ausreise in ein Terrorcamp:

"Die haben ihr das Hirn gewaschen, die haben sie verdreht, verpolt. Die war vorher anders, meine Tochter."

Corinna, deren Schwiegersohn ein IS-Sympthisant ist

"Ich möchte meine Kinder nur beschützen"

Auszug aus dem Artikel

Corinna kämpft um ihre Tochter. Da scheint ihr fast jedes Mittel recht. Seit einigen Monaten fühlt sich Corinna als Teil einer deutschlandweit vernetzten Gruppe. Diese leiste Widerstand gegen den Islam. "Die Gruppe unterstützt mich seelisch, moralisch und psychisch", sagt Corinna. Sogar ein Interview mit einem Monatsmagazin habe sie ihr organisiert. Das Magazin gilt als Sprachrohr rechtspopulistischer Bewegungen in Deutschland. Es verbreitet Verschwörungstheorien und verteufelt den Islam. Der Artikel über Corinna ist offensichtlich ein alarmistischer Text. Gezeichnet wird das Bild einer Frau, die sich vor den bösen IS-Sympathisanten verstecken muss. Die nicht mehr in Ruhe leben kann und aus ihrer Heimat vertrieben wurde:

"Ein Hotelzimmer irgendwo in Deutschland. Das Treffen mit Corinna kann nur unter strikter Geheimhaltung stattfinden. Seit vor etwa fünf Jahren ihr Kampf um die eigene Familie begann, lebt sie in Angst. Ihrer bayerischen Heimatstadt musste die fünffache Mutter den Rücken kehren, ihren Freunden, ihrer Familie Lebewohl sagen."

Auszug aus dem Artikel

Die Tochter ist sauer auf ihre Mutter, dass sie an die Öffentlichkeit gegangen ist. Corinna wirkt verzweifelt: "Ich liebe meine Kinder über alles. Ich möchte sie doch nur beschützen."

Monatelange BR-Recherche

Joseph Röhmel hat für die B5-Reportage monatelang in der Salafistenszene recherchiert und Kontakt zu den Angehörigen aufgenommen. Wie erklären sie sich, dass ihr Verwandter in den Dschihad gezogen ist? Welche Verantwortung schreiben sie sich selbst dafür zu? Welchen Rat geben spezialisierte Beratungsstellen Eltern und anderen Angehörigen? "Wenn der Dschihad ruft. Wie gehen Eltern mit Radikalisierung um?"


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Emma D., Sonntag, 25.Juni, 23:25 Uhr

13. Abriss der Tradition

Die Eltern oder Großeltern sind oft aus finanziellen Motiven nach Deutschland gekommen. Aber Geld ist nicht alles im Leben. Die Kinder spüren es. Die Kinder halten diese fade Arbeits- und Konsumtrottelei aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht aus. Die Kinder, hiesige wie türkische, spüren, dass das jeweilige alte Ahnenerbe besser war, gesamtheitlicher, als das Zweitautomobil, der Drittstaubsauger und die Viertglotze. Ob mittelalterliche Lehren einen sicheren Boden bieten, ist nicht sicher und sogar zweifelhaft; weniger umweltzerstörerisch und weniger stressig sind sie allemal. Die Flucht dorthin ist allein schon psychologisch als generatives Ablöseverhalten Jugendlicher von ihren Eltern natürlich und verständlich; hinzu kommt das kulturelle Unbehagen, das auch deutsche Aussteiger und Systemkritiker kennen. Das Heiligen von Naturkreisläufen, heimatlichen Lebensräumen und je vertraut tragenden Sippengemeinschaften bedarf einer Neustiftung.

Selim, Sonntag, 25.Juni, 19:43 Uhr

12. viel Geschriebenes mit was?

....."die sich vor den bösen IS-Sympathisanten verstecken muss."
seltsame Formulierungen, können ja nicht so schlimm sein, diese IS-Sympatisanten.....?

seltsamer Artikel insgesamt: was soll dieser Auszug aus einer hetzerischen "islamverteufelnden" Zeitschrift, deren Aussage im Dickgedruckten unter der Überschrift stecken bleibt?

S. Horst, Sonntag, 25.Juni, 15:01 Uhr

11. Alle sind zu wenig verwurzelt

"Wachstum, Wachstum über alles!": Kann das einen Menschen glücklich machen oder wenigstens zufrieden? Kann solches öffentlich propagiertes Denken für Jugendliche interessant sein? Wer sich in "Wachstum-Wachstum-über-alles" verwurzelt (lateinisch: "radikalisiert"), dürfte unter Selbstausbeutung und Erdausbeutung eine schnelle Karriere vom Workoholic über den Burn-Out zum Frührentner oder Jungtoten machen. Eine "Radix", eine "Wurzel" braucht der Mensch, u.z. eine irgendwie gesunde Wurzel in irgendwie gesundem Boden.

Europäer hierzulande sind hier örtlich verwurzelt, aber oft von ortsfremder, orient-globalistisch-übergeschäftiger Ideologie entwurzelt; Menschen aus dem Orient sind in einer anderen Orient-Ideologie verwurzelt, aber hierzulande ortsmäßig entwurzelt. Geistige und lebensräumliche Heimat klaffen unterschiedlich auseinander; ob Europäer oder Orientale: fast niemand ist hier voll daheim, voll verwurzelt und stabil genug, um gut zu wachsen und existenziell schön zu erblühen.

Dieter, Sonntag, 25.Juni, 14:08 Uhr

10. Radikalisierung

Wenn unsere" Kinder" mehr die neutraleren Medien, wie Achgut.com oder Tichys Einblicke ect. und nicht die öffentlichen Meinungsmonopolisten und die Zwangsgebühren – Medien, deren Brot ich Esse deren Lied ich Singe, konsumieren würden, diese Radikalisierung wäre überhaupt kein Thema.
M.f.G.

Cosi , Sonntag, 25.Juni, 12:40 Uhr

9. Erziehung fehlgeschlagen!

In muslimischen Familien gibt es immer ein männliches Oberhaupt und nach dem muss sich alles richten.
Gleichberechtigung und Demokratie sind dem Glauben untergeordnet , besonders ausgeprägt in Familien aus Türkei, Afghanistan. Pakistan, Iran.
Die weiblichen Kinder haben sich dem kleineren Bruder unterzuordnen.
Es gibt auch keine Konsequenz in der Erziehung.
Normalerweise wenn die Mutter/Vater etwas sagt
zieht es eine Konsequenz oder eine Sanktion nach sich.Dort aber haben nur die Männer das Sagen.Deshalb ist ja auch die Wertschätzung einer Frau geringer,und das Wort weniger wert.
Genau das ist ja das Problem. Ohne Grenzen müssen sich diese grenzenlosen Kinder /Jugendlichen irgendwo anders ihre Grenzen suchen.(Das mit den Grenzen bezieht sich auch auf Deutsche und andere Kulturen.)
Sei es der IS oder der Islam oder die Rechten.
Erziehung findet am meisten statt durch Vorleben. Die Worte verfehlen ihre Wirkung ohne das Modell des Vorlebens.

  • Antwort von Selim, Sonntag, 25.Juni, 19:51 Uhr

    Die Schilderungen einer Mittagsbetreuerin in einer Landshuter Schule gibt Ihnen Recht.

  • Antwort von Britta, Dienstag, 27.Juni, 09:30 Uhr

    Also selten so einen Unsinn gelesen. Wie kann man derart dumm pauschalisieren ?
    Mag sein dass es solche Haushalte gibt. Die sind aber mit Nichten an den Islam oder an die Nationalität gebunden.