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Technikkompetenz gefragt Lehrer und die Digitalisierung an der Schule

Die digitale Ära ist auch in den Schulen angekommen: Lehrer können auf Whiteboards Filmausschnitte zeigen, mathematische Gleichungen optisch berechnen und darstellen, mal schnell Infos aus dem Internet holen, über Objektkameras in kleine Gegenstände hineinzoomen. Oder sie können nichts von alledem, weil die Kompetenz fehlt. Von Gerhard Brack

Von: Gerhard Brack

Stand: 16.02.2017

Fast jeder dritte bayerische Lehrer gibt an, er nutze täglich digitale Medien im Unterricht. Doch die Fülle der Möglichkeiten wird selten ausgeschöpft. Viele Lehrer etwa nutzen bei ihrem Whiteboard nur die Dokumentenkamera, erzählt Georg Schlagbauer von der Lehrerakademie Dillingen. Er schult Lehrkräfte in Sachen digitale Bildung. Doch für manchen sind die digitalen Hürden einfach zu hoch:                                             

"Wir können nicht von einem Lehrer hier erwarten, dass er sich sehr intensiv darauf vorbereitet, nur dass er digitale Geräte einsetzen kann."

Georg Schlagbauer, Lehrerakademie Dillingen

Sicherheit als Hürde

Die Dokumentenkamera funktioniert wie früher der Overheadprojektor. Der Lehrer kann dabei direkt auf ein Blatt Papier schreiben, er braucht - anders als früher - keine Folie mehr. Schwierig wird es aber, wenn die digitalen Barrieren wachsen. Vorgaben zur IT-Sicherheit etwa können den gesamten digitalen Unterricht lahmlegen. Georg Schlagbauer erinnert sich, dass eine Schule ihr Computernetz zu streng absicherte:

"Es war Bedingung, dass Schüler Paswörter nach den Komplexitätsrichtlinien eingeben. Das bedeutet mindestens acht Zeichen, Großbuchstaben, Kleinbuchstaben, Ziffern und Sonderzeichen - alles muss enthalten sein. Diese Passwörter müssen regelmäßig geändert werden, nach drei Fehlversuchen wird der Benutzer ausgesperrt und kann nicht mehr am Unterricht teilnehmen. Und das Ganze kann nur von einer einzigen Lehrkraft freigeschaltet werden."

Georg Schlagbauer, Lehrerakademie Dillingen

Viele Computer - zu wenig Know-how

Wichtig ist, dass an den Schulen Systembetreuer ihre Kollegen unterstützen und ihnen die Möglichkeiten der digitalen Bildung zeigen. 369.000 Schul-Computer gibt es mittlerweile in Bayern, aber es hapert oft am Knowhow der Lehrer.

Das Kultusministerium betont, Lehrer seien dazu verpflichtet, regelmäßig an Fortbildungen teilzunehmen. Schulleiter geraten dabei in ein Dilemma, weiß Susanne Arndt, Vorsitzende der Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern:

"Für diese Fortbildung brauchen sie Freistellungen vom Unterricht, Unterricht soll nicht ausfallen und eine der alten Forderungen der LEV - 10 Prozent integrierte Lehrerreserve an jeder Schule - zeigt sich wieder, wie wichtig das eigentlich wäre."

Susanne Arndt, Vorsitzende der Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern

Nur ein funktionierender Computer ist ein guter Computer

Experten für digitale Bildung wie Michael Kirch von der LMU warnen derweil vor unprofessionellem Einsatz digitaler Geräte im Unterricht:

"Also solche Geräte werden zu Qualitätsbehinderungsgeräten, wenn sie nicht funktionieren, so einfach ist das. Oder wenn sie nicht zuverlässig sind, das heißt, wenn ich als Lehrer oder Schüler mich nicht darauf verlassen kann, dass sie auch funktionieren, wenn ich sie brauche."

Michael Kirch, LMU München

Um zu erreichen, dass jeder Schüler sein Gerät kennt und pflegt, wäre es sinnvoll, es wäre sein eigenes. Notebooks also als öffentliche Lehrmittel für alle? Das können sich klamme Kommunen kaum leisten. Schon die Anbindung der Schulen ans Internet ist oft Glückssache, kritisiert Susanne Arndt:

"Es gibt Schulen, die sind wunderbar ans Netz angebunden und es gibt Schulen, die arbeiten noch mit Telefon-Modem, wo man sich fragt, kann das sein. Aber es stimmt. Die sind von WLAN und ähnlichen Dingen noch ganz weit entfernt."

Susanne Arndt, Vorsitzende der Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern

Das Whiteboard - ein Renner

Manche Gemeinden investieren viel in die digitale Bildung und bestellen zum Beispiel Whiteboards für jedes Klassenzimmer. Im Durchschnitt hat jede öffentliche Schule in Bayern drei Whiteboards. Der Bayerische Städtetag sieht den Freistaat in der Pflicht, im Sinne von Bildungsgerechtigkeit für gleiche Lernbedingungen überall im Land zu sorgen. Bildungsreferent Manfred Riederle:

"Da muss der Freistaat das anpassen an die heutigen Herausforderungen und sagen wir beteiligen uns adäquat an den Kosten, wir setzen auch entsprechende Standads. Das heißt, der Freistaat legt auch fest: Was ist denn überhaupt erforderlich, um die Schulen auszustatten, was ist unser Ziel, wo wollen wir hin und was kostet das, und wenn man dann sieht, was für ein Betrag da rauskommt, dann sollte sich der Freistaat ebenso finanziell beteiligen, wie es jetzt der Bund mit seinem 5-Milliarden-Programm angekündigt hat."

Manfred Riederle, Bildungsreferent Bayerischer Städtetag

Anhörung zur Digitaliserung

Auch der Bayerische Lehrerverband BLLV kümmert sich um die Digitalisierung im Unterricht. Diese Woche hat er dazu eine Anhörungsreihe mit Experten gestartet. Informationen dazu finden Sie hier.

Bis sich Länder und Kommunen einigen, gibt es immer wieder andere kreative Lösungen vor Ort, wie etwa an der Comenius-Grundschule im schwäbischen Buchloe. Hier bezahlen die Eltern jeden Monat zwölf Euro für das Notebook, das ihre Sprösslinge im Unterricht nutzen. Und am Ende der Grundschulzeit gehört das Gerät den Familien. Wenn die Eltern den vollen Betrag nicht aufbringen können, hilft ein Förderverein.


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Emil Cronauer, Donnerstag, 16.Februar 2017, 17:49 Uhr

1. Digitale? Bildung

Was bedeutet eigentlich digitale Bildung? Dieser Begriff passt in die Reihe der "Parks": Solarpark, Windpark. Diese Begriffe werden rein propagandistisch eingesetzt. Bei Bildung steht der Mensch im Mittelpunkt. Digitale Medien können das Faktenwissen vermehren, aber nur soweit, wie das der entprechende Programmierer gestattet. Bildung soll helfen, dass sich die jungen Menschen in einer immer komplexerer Welt zurechtfinden. Bildung hat nichts mit "googeln" zu tun.
Was sich zur Zeit auf dem Bildungssektor abspielt, zeigt, dass die Politiker das Heft des Handelns aus der Hand gegeben haben und es der Bertelsmann Stiftung, der OECD, Microsoft und Facebook überlassen haben.