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Die Preise lügen Die "wahren" Kosten der Lebensmittel

Wer denkt beim Kauf des Schweineschnitzels schon an das Wasser, das aus dem Wasserhahn kommt? Doch beides hat miteinander zu tun. Da ist zum Beispiel die Gülle, die bei der Schweinemast anfällt und die der Bauer loswerden muss. Eigentlich ist Gülle ein prima Dünger, "allein die Dosis macht das Gift", wie Paracelsus sagt. Überdüngung belastet unser Grundwasser, unsere Atemluft. Den Preis für diese Schädigung zahlt die Allgemeinheit, etwa weil der örtliche Wasserversorger wieder mehr Geld will.

Von: Jutta Schilcher, Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 23.02.2018

Rund um Hohenthann in Niederbayern zum Beispiel gibt es seit Jahren Probleme mit erhöhten Nitratwerten und auch mit Rückständen von Pflanzenschutzmitteln im Grundwasser. Der zuständige Wasserzweckverband Rottenburg an der Laaber muss immer mehr investieren, damit aus den Wasserhähnen in der Gegend trotzdem sauberes Trinkwasser kommt. Eine Aufbereitungsanlage, in der das Wasser mit Aktivkohle gereinigt wird, hat rund 1,5 Millionen Euro gekostet. Solche Investitionen zahlen aber nicht die Grundwasserverschmutzer, sondern alle Verbraucher: über die Erhöhung der Wasserpreise.

Immer mehr und immer günstiger

Es wird gedüngt, gedüngt und gedüngt

Das Umweltbundesamt mahnt immer wieder, dass in vielen Regionen Deutschlands das Trinkwasser womöglich bald mehr kostet - wegen der hohen Nitratbelastung und des damit verbundenen Aufwands, das Wasser aufzubereiten. In einer Studie kam das Umweltbundesamt für eine vierköpfige Familie auf bis zu 134 Euro mehr pro Jahr. Am Beispiel Wasser wird vor allem ein Grundproblem deutlich: Die Folgen von umweltschädlichem Verhalten zahlt fast nie der Verursacher. Also zum Beispiel die Landwirte, die zu viel düngen und Pestizide einsetzen. Sie müssen nicht für die Wasser-Reinigung aufkommen. Die Kosten werden auch nicht eingerechnet in das Produkt, das die Bauern erzeugen.

"Wenn Verbraucher wüssten, welche Veränderungen sie durch ihr Einkaufsverhalten auslösen können, wäre das toll. Aber das Problem ist: sie wissen es nicht."

Volkert Engelsman, Geschäftsführer der Handelsfirma EOSTA

Schon ist das supergünstige Schweineschnitzel gar kein Schnäppchen mehr

Wer zahlt die Zeche?

Der Preis für das Fleisch von den Schweinen, die rund um Hohenthann, um beim Beispiel zu bleiben, gemästet werden und deren Gülle die Wasser-Probleme mitverursacht: er bleibt also niedrig.

Schon seit längerem versucht vor allem die Bio-Branche Rechenmodelle zu entwickeln, um die wahren Kosten von Lebensmitteln aufzuzeigen. Es gibt bereits Ansätze, um versteckte Umweltkosten auf Produkte, die auf den ersten Blick billig sind, draufzuschlagen. Wird beispielsweise der Ausstoß von Treibhausgasen mit einer konkreten Summe Geld verknüpft, lässt sich die Klimaschädlichkeit eines Produkts bewerten.

  • In Frankreich ergab 2011 eine Studie, dass die Kosten, um Schäden der Landwirtschaft aus dem Wasser zu beseitigen, fast so hoch sind wie der gesamte Lebensmittelumsatz in Frankreich.
  • In der der Schweiz haben Forscher herausgefunden, dass sich die volkswirtschaftlichen Kosten des Pestizideinsatzes im Jahr 2012 auf 50 bis 100 Millionen Schweizer Franken beliefen. Dem standen Ausgaben für Pflanzenschutzmittel in Höhe von 125 Millionen Franken gegenüber. In den volkswirtschaftlichen Kosten stecken die Ausgaben für Gesundheits- und Umweltschäden.

Was kostet ein Schnitzel wirklich?

Diese Frage hat die Organisation Foodwatch schon vor einigen Jahren untersucht. Im Kern ging es in der Studie darum, herauszufinden, warum Bio-Fleisch so viel teurer ist als konventionell erzeugtes.

Auszug aus der Foodwatch-Studie

Bei der Erzeugung von einem Kilogramm Ökoschnitzel werden im Vergleich zur konventionellen Produktion eingespart:

  • 1/4 Energie
  • 3/4 der Stickstoffbelastungen
  • 3/4 der Treibhausgasbelastungen
  • 100 Gramm Mineraldünger
  • 1,5 Gramm Pflanzenschutzmittel

Der Wermutstropfen: Dafür werden anderthalb mal so viel Futter-Anbaufläche und 40 bis 95 Prozent mehr Arbeitszeit benötigt.

Volkert Engelsman appelliert an die Verbraucher

Im Juni 2018 hat EOSTA, der Importeur zählt zu den größten Handelsfirmen für Bioobst und -gemüse, die Studie "True Cost Accounting in Food, Farming and Finance" vorgestellt. Darin wurde der "wahre" Preis von neun Produkten errechnet, unter anderem mit Hilfe von Rechenmodellen der Welternährungsorganisation FAO. 

Verglichen wurden zum Beispiel Bioäpfel aus Argentinien mit konventionell erzeugten. Berechnet wurde der Wasserverbrauch, Ausgaben für Dünger und Pflanzenschutz, die Bodenbelastung, der CO2-Ausstoß sowie die Gesundheitskosten, die durch Pestizideinsatz verursacht werden.

  • 3084 Euro im Jahr betrug demnach allein der berechnete Klimaschaden auf einem Hektar konventioneller Apfel-Anbaufläche.
  • 6259 Euro schlugen für die Gesundheitskosten zu Buche.

"Appelle sind gut, aber, sollen die Verbraucher überzeugt werden, brauchen wir auch Fakten. Und die haben wir auch zunehmend mit Berechnungen und Zahlen, die überzeugend sind."

Bernward Geier, ehemaliger Direktor des Weltbioverbandes IFOAM

Für eine heile Welt

Bernward Geier sieht den Gesetzgeber in der Pflicht

Viele Bausteine spielen bei der Berechnung der "wahren" Preise eine Rolle. Auch Aspekte wie Artenvielfalt, Bodenfruchtbarkeit und Soziales sind zu berücksichtigen. Das macht es so schwierig, die wahren Kosten von Lebensmitteln zu berechnen. Die Modelle sind noch unvollständig, und die Zahlen lassen sich international nur schwer vergleichen. Aber eines Tages steht vielleicht bei jedem Liter Milch, jedem Apfel und jedem Stück Fleisch genau darauf, welche "wahren" Kosten in ihm stecken. Die Supermarktrechnung fiele natürlich höher aus, weil externe Effekte wie etwa Umweltschäden zu Buche schlagen. Um die die Ausgaben für Lebensmittel trotzdem einigermaßen im Rahmen zu halten, müsste man auf Anbaumethoden setzen, die günstiger sind, nämlich für die Natur, die Umwelt und damit auch für den Menschen. Dafür stiegen am Ende die Preise fürs Wasser oder auch die Ausgaben im Gesundheitswesen weniger stark an.

Abstimmung

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Diese Abstimmung ist keine repräsentative Umfrage. Das Ergebnis ist ein Stimmungsbild der Nutzerinnen und Nutzer von BR.de, die sich an der Abstimmung beteiligt haben.

Linktipps

Foodwatch: "Was kostet ein Schnitzel wirklich?"
Link zum Artikel (pdf)

Fairtrade: Studie "Wer hat die Macht?"
Link zum Artikel (pdf)

Eosta: "True Cost Accounting in Food, Farming and Finance"
Link zur Studie (in Englisch, pdf)

Slow Food Deutschland: "Kommentar: Der wahre Preis der Lebensmittel"
Link zum Artikel

Bücher zum Thema

Die Preise lügen. Warum uns billige Lebensmittel teuer zu stehen kommen
Von Bernward Geier und Volkert Engelsman
oekom-Verlag München, 2018
Erscheinungstermin: 26.02.2018

Der Wert eines Vogels. Ein Fensterbilderbuch
Von Frederic Vester
Kösel-Verlag, 1983 (derzeit vergriffen)


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