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Die Pelz-Story Auf der Spur eines blutigen Modetrends

Echter Pelz hat als Mützenbommel oder Jackenkragen den Massenmarkt erobert. Ein Blick hinter die Kulissen der Pelzbranche schockiert. Es ist ein Geschäft mit Verbrauchertäuschung und grausamem Tierleid.

Von: Vanessa Lünenschloß und Jan Zimmermann

Stand: 28.12.2017

Seit über drei Jahren beobachten wir einen zweifelhaften Modetrend. Unsere Recherche beginnt 2015. Die Laufstege, Schaufenster und Fußgängerzonen sind voller Pelz. Als Mützenbesatz oder flauschiger Jackenkragen ist echter Pelz für jeden bezahlbar.

Die Branche meldet Rekorde. Innerhalb von zehn Jahren explodieren die Umsätze, weltweit auf über 13 Milliarden Euro. Die meisten Designer verarbeiten Echtpelz in ihren Kollektionen, nur wenige wie Harald Glööckler verwenden keinen Pelz.

"Das hat für mich nichts mit kreativer Mode zu tun, sondern eher mit Leichenteilen. Das ist ja eigentlich eine Beerdigung, was da vorgeführt wird, und keine Modenschau."

Harald Glööckler, Modedesigner

Einer der größten Pelzproduzenten ist China. Tierschutz spielt dort keine Rolle. Die Tiere werden in winzigen Käfigen gehalten und grausam getötet. Einige Tiere leben sogar noch, wenn ihnen das Fell abgezogen wird, dokumentierten Tierschützer. Asien produziert solche Mengen, dass Kunst- und Echtpelz oft nahezu gleich viel kosten.

Doch industrieeigene Label wie „origin assured“ versprechen den Kunden eine tierfreundliche Produktion von Pelz. Sie verweisen auf europäische Farmen und damit auf Produktionsstandorte, für die Tierschutzbestimmungen gelten. Ist Pelz aus Europa wirklich besser?

Tierleid in Deutschland

Auch in Deutschland gibt es sogenannte Pelztierfarmen. Meist handelt es sich um große Anlagen, in denen zehntausende Tiere gezüchtet, getötet und gehäutet werden. 2015 sind neun Nerzfarmen in Betrieb, vor allem im Norden und Osten. Hierzulande gelten strenge Vorgaben für die Haltung. Die Nerze sollen tiergerecht leben können, etwa genügend Platz und Spielmöglichkeiten haben. Mindestens drei Quadratmeter muss jeder Käfige groß sein, mit mindestens einem Quadratmeter Platz pro Tier.

"Es muss ein Schwimmbecken angeboten werden, fester Boden, auch ein Podest, dass das Tier sich mehr bewegen und beschäftigen kann."

Frank Schmidt, PETA Deutschland

Mehrfach begleiten wir Tierschützer bei Undercover-Recherchen zu deutschen Pelztierfarmen. Sie dokumentieren, dass die Farmer den Vorgaben und behördlichen Auflagen nicht nachkommen. Die Tiere vegetieren in viel zu kleinen Käfigen vor sich hin, haben nur Draht unter den Pfoten. Tiermedizinern und Wissenschaftlern, denen wir Videoaufnahmen aus den Pelztierfarmen zeigen, beobachten bei den Tieren Verhaltenstörungen und sprechen von Tierquälerei. Im Landkreis Ammerland in Niedersachsen produzierte bis vor kurzem sogar eine Farm ohne irgendeine Zulassung der Behörden.

Union blockiert Verbot

Was tut die Politik gegen solche Zustände? Der Bundestag hat in diesem Jahr über ein Verbot von Pelztierfarmen diskutiert. Die Mehrheit der Abgeordneten ist dafür. Doch CDU und CSU blockieren. Veränderungen lassen sich im Laufe der vergangenen Jahre nur bei der Anzahl der Pelztierfarmen beobachten: Statt neun gibt es inzwischen nur noch vier Farmen in Deutschland.

Verletzte Tiere in Käfigen

Doch nicht nur in Deutschland - auch in anderen europäischen Länden beobachten wir großes Tierleid auf Pelztierfarmen. Vor allem Osteuropa hat in der Pelzproduktion im Laufe der Jahre an Bedeutung gewonnen. Polen ist ein wichtiger Wachstumsmarkt und mittlerweile Europas zweitgrößter Produzent nach Dänemark. Etwa 800 Farmen werden hier gezählt.

Wir begleiten Tierschützer zu Fuchsfarmen. Die großen Tiere haben in schmalen Käfigen kaum Platz, sich umzudrehen. Im Winter sind Futter und Wasser oft eingefroren. Die Pfoten der Tiere stehen auch hier nur auf Drahtgittern. Einige Füchse drehen in der Enge durch, andere sind völlig lethargisch oder gar verletzt. Auf Nerzfarmen haben die Tierschützer neben verletzten auch tote Tiere in den Käfigen und Kannibalismus dokumentiert. Manche Mitarbeiter prügeln die Nerze tot.

"Für den Eigentümer der Farm ist das einfach in Käfigen eingeschlossenes Geld, das nur geerntet werden muss."

Pawel Rawicki, Open Cages International

Die Regierungspartei will jetzt den Tierschutz in Polen verbessern. Seit kurzem liegt dem polnischen Parlament ein Gesetzesentwurf für ein Pelztierfarmverbot vor. In vielen anderen Ländern verbessert sich hingegen nichts - im Gegenteil. Aus Skandinavien bekommen wir mehrfach grausames Bild- und Videomaterial aus Pelztierfarmen zugespielt. Erst vor wenigen Wochen erfahren wir von Füchsen, die extrem gemästet werden, um mehr Pelz zu gewinnen. Die Tiere sind so schwer, dass sie sich kaum bewegen können. Sie leiden unter Gelenkschmerzen. Die Augen entzünden sich unter den dicken Hautfalten, durch die sie kaum mehr etwas sehen können.

Kritik an Pelzindustrie

Wir konfrontieren die europäische Pelzindustrie mit unseren Erkenntnissen. Aber wir bekommen keine konkreten Antworten auf unsere Fragen. Stattdessen bezweifelt sie unsere Recherchen. Für Tierschützer sind Versprechen wie 'Pelz aus Europa sei besser', eine Farce.

"Es ist egal, ob sie nach Deutschland, in die USA oder nach China gucken - überall sind die Haltungsvorgaben ähnlich und die Tierhaltung ähnlich und immer ist sie mit Tierquälerei verbunden."

Thomas Pietsch, Vier Pfoten Deutschland

Verbrauchertäuschung im Handel

Trotz der Berichte über schlimmes Tierleid und schockierender Bilder von gequälten Tieren tragen viele Menschen echten Pelz an der Kleidung. Immer wieder haben wir in den vergangenen Jahren mit Echtpelz-Käufern gesprochen. Viele sagten uns, dass sie Kunstpelz kaufen wollten. Eigentlich sollte man an einem Etikett in der Kleidung erkennen können, ob es sich um echten Pelz handelt. Laut EU-Textilkennzeichnungsverordnung müssen Textilien mit Leder, Fell oder Horn den Hinweis tragen: "Enthält nichttextile Teile tierischen Ursprungs".

Mehrfach finden wir bei Stichproben in Geschäften in verschiedenen Städten Verstöße gegen die EU-Verordnung. Viele Bommelmützen mit echtem Pelz und Jacken mit Fellkragen sind nicht gekennzeichnet. In einer Jacke mit Pelzkragen der Kette "subdued" ist ein Schild mit dem Hinweis „fake fur“, also Kunstpelz, angebracht. Die Tierartbestimmung im Labor aber beweist: Es ist echter Pelz vom Marderhund. In manchen Etiketten finden sich seltsame Namen wie „Murmasky“. Was heißt das? Verbraucherschützer Ingmar Streese erklärt, was sich hinter diesen Bezeichnungen verbirgt.

"Das sind oftmals Tarnnamen, Fakenamen, um ganz bewusst zu verschleiern. Da stehen zum Beispiel Namen wie Genotte für das Fell von einer Hauskatze oder Sobalski für das Eichhörnchen. Das heißt für die Verbraucher, die werden für dumm verkauft."

Ingmar Streese Verbraucherzentrale Bundesverband 

Obwohl die Händler eine bessere Kennzeichnung versprechen, ändert sich über die Jahre in den Läden nichts. Bis heute gibt es Echtpelz-Artikel ohne Informationen in den Etiketten. Kontrollen durch Tierschutzorganisationen kommen zum gleichen Ergebnis.

"Bundesweit haben wir die Möglichkeit gehabt, mehrere hundert Geschäfte zu überprüfen über unsere Volontiers und das Ergebnis war wirklich katastrophal. Ich bin seit 20 Jahren in dem Bereich tätig, so schlimm war es mit Pelz noch nie wie dieses Jahr."

Friedrich Mülln, Soko Tierschutz

Fehlende Kontrollen

Wir recherchieren, wer die Kennzeichnung im Einzelhandel kontrolliert und fragen in allen Bundesländern nach. Das Ergebnis: In Baden-Württemberg, Hessen, Sachsen, Brandenburg und Schleswig-Holstein gibt es keine Kontrolle, die von den Behörden ausgeht. In manchen Bundesländern finden lediglich vereinzelt Prüfungen statt. Teils ist die Kontrolle Aufgabe der Landkreise und Städte. Eine Stichprobe zeigt, dass keine von sich aus in den Geschäften kontrolliert. Juristen und Verbraucherschützer sprechen von einem Versagen der Kontrollbehörden. Die Einzelhändler haben offenbar keine Sanktionen zu befürchten.

Warum kaufen viele Pelz?

Liegt es nur an den Tricks der Einzelhändler, dass so viele Leute mit echtem Pelz an ihrer Kleidung herumlaufen? Oder warum kaufen so viele Pelz - trotz der Proteste von Tierschützern und der kritischen Berichte in den Medien? Das lassen wir wissenschaftlich von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Ravensburg untersuchen. Studenten starten eine bundesweite Befragung. Professor Bodo Möslein-Tröppner leitet die Studie.

"Die wichtigsten Gründe für den Kauf sind Aussehen, Tragekomfort, wie es sich anfühlt, und das Preis-Leistungs-Verhältnis. 80 Prozent derer, die sich bewusst für Echtpelz entschieden haben, kennen die Medienberichterstattung zu der Tierhaltung. Die Skandale spielen keine Rolle."

Bodo Möslein-Tröppner, Duale Hochschule Baden Württemberg, Ravensburg

Beim Kauf wird also nicht auf den Tierschutz geachtet. Nach über drei Jahren Recherche zum Milliardengeschäft Pelz ziehen wir eine traurige Bilanz: Der Einzelhandel trickst und täuscht weiterhin. Die schlimme Situation der Tiere hat sich über die Jahre nicht verbessert. Die Politik schaut tatenlos zu. Und obwohl zahlreiche Verbraucher beispielsweise Hunde- oder Katzenbesitzer sind, blenden viele beim Einkauf den Tierschutz aus.


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