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Deutsche Einheit Wie einig ist Deutschland im Jahr 2017?

Die Bundestagswahl zeigte, dass sich Menschen in Ost und West in ihrer Wahlentscheidung wieder weiter voneinander entfernen. Die AfD ist im Osten zweitstärkste Kraft. Wie ist es um die Einheit 27 Jahre nach der Wiedervereinigung wirklich bestellt?

Von: Hans Hinterberger, Anna Klühspies

Stand: 04.10.2017

Mödlareuth, zwischen Bayern und Thüringen. Einst nannte man das Dorf "Klein-Berlin", es war durch den eisernen Vorhang getrennt. Seit der Wende feiern CDU und CSU hier Jahr für Jahr ihr Einheitsfest. Doch es gibt immer noch Ungleichheiten zwischen Ost- und Westdeutschland: bei der Rente, beim Lohn, bei den Lebenshaltungskosten - und im Lebensgefühl.

Wahlergebnis Bundestagswahl

Die Unterschiede haben politische Folgen. Nach der Bundestagswahl ist im Osten die AfD zweitstärkste Partei hinter der CDU. In Sachsen ist die AfD sogar stärkste Kraft, mit 27 Prozent. Dort holte sie drei Direktmandate. Die Wahlanalyse von Infratest Dimap zeigt: West- und Ostdeutsche wählen anders: Während sich bei den Wahlen von 2009 und 2013 alte und neue Bundesländer aneinander annäherten, werden jetzt die Unterschiede wieder größer.

Neid als Problem

Wie abgehängt ist der Osten heute noch? Sergej Lochthofen war lange Zeit Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen. Er sagt, Neid sei das Problem.

"Für die, die einen guten Job haben, die unterwegs sind, ist das Thema Ost-West gegessen. Aber es gibt auf den Dörfern die Zurückgebliebenen, die feststellen, dass der Cousin, der nach München gegangen ist, ein dickes Auto fährt und dreimal in Urlaub fährt. Ich würde sagen, das Wort Neid trifft es am ehesten. Man schaut sich nicht an, wie es früher war, wie es den Tschechen oder Polen geht, sondern wie es dem Bayern geht. Und sagt: Warum nicht ich?"

Sergej Lochthofen, ehemaliger Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen

Ost-West-Gefälle beim Lohn

Neid oder tatsächliche Benachteiligung? Laut der Studie: "So geht Einheit", vom Berlin Institut stehen jedem Bürger im Osten Deutschlands nur 80 Prozent des Einkommens eines Westdeutschen zur Verfügung. Und Zahlen von der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass im Osten 35 Prozent der Bevölkerung im Niedriglohnsektor arbeiten, im Westen dagegen nur 18 Prozent.

Dr. Reiner Klingholz vom Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung forscht seit Jahren zum Thema Einheit. Neben der bloßen Protestwahl gibt es noch einen anderen Grund für den Erfolg der AfD. Der Wegzug von gebildeten, jungen Menschen, vor allem Frauen:

"Wir haben damals schon festgestellt, die Regionen, die den höchsten Frauenmangel hatten, zeigten damals schon das radikalste Wahlverhalten. Das war damals noch die NPD. Wenn wir uns die gleichen Karten heute ansehen, dann sind das die gleichen Regionen, in denen die AfD am stärksten abgeschnitten hat."

Dr. Reiner Klingholz, Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Deutschland ist ungleich

Aber werden Ost und West jemals gleich sein? Die Experten sagen: Deutschland ist auch anders ungleich.

"Es sind die Innenstädte saniert, viele haben einen vernünftigen Job, das Thema Arbeitslosigkeit ist nicht mehr so drückend, wie in der 2000er Jahren. Aber ich bin überzeugt: Auch in 100 Jahren werden einige Regionen nicht so gut entwickelt sein, wie andere."

Sergej Lochthofen, ehemaliger Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen

"Sie werden so wenig gleich sein, wie Nord und Süd, Mittelhessen und der Münchner Großraum."

Dr. Reiner Klingholz, Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Auf immer ungleich? Das ist nicht nur zwischen Ost und West so. Mehr als die Hälfte der 16 bis 29-jährigen Deutschen sehen die größere Unterschiede zwischen Nord - und Süddeutschen als zwischen West- und Ostdeutschen.


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