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Nach dem Brand in London Wie gefährlich sind Dämmstoffe?

Rund eineinhalb Monate ist der Brand am Grenfell Tower in London nun her, doch das verheerende Feuer, bei dem 80 Menschen gestorben sind, wirkt nach – bis nach Bayern. Hier sind Hochhäuser zwar besser geschützt, denn eine Dämmung mit brennbaren Materialien ist strikt verboten. Doch was ist mit Häusern, die unter 22 Meter hoch sind und somit noch nicht als Hochhaus gelten? Das bayerische Innenministerium hat – unter dem Eindruck von London – bei den Feuerwehren angefragt, wie sie die Brandgefahr bei gedämmten Häusern einschätzen.

Von: Katharina Wysocka und Julia Zöller

Stand: 26.07.2017

Jochen Bernecker hält mit seinem Einsatzfahrzeug vor einem weißen Mehrfamilienhaus im mittelfränkischen Zirndorf. Hier hat er im Januar 2016 einen Fassadenbrand bekämpft. Ein direkt davor abgestelltes Moped hatte Feuer gefangen. Bernecker war damals Einsatzleiter bei der Freiwilligen Feuerwehr. Das Feuer hatte sich von unten, wo das Moped stand, schräg über die Fassade bis zum Dachstuhl weiterentwickelt.

Noch heute ist Bernecker erstaunt, wie sich das Feuer binnen Minuten nach oben fressen konnte. Die Fassade war mit Polystyrolplatten gedämmt – umgangssprachlich würde man sagen: mit Styropor.
Alltag in Bayern, auf vielen Fassaden kleben mittlerweile bis zu 40 cm dicke Polystyrol-Schichten. Das Material wird aus Erdöl hergestellt. Dementsprechend heftig ist der Brand – wenn die Platten unter großer Hitze in sich zusammenschmelzen.

"Die Feuerwehr ist damit konfrontiert, dass unter Umständen eine ganze Hausfassade mit allen Wohnungen gleichzeitig im Feuer ist. Sie muss in jede Wohnung, die Leute rausholen, schauen ob noch jemand drin ist."

Peter Bachmeier, Leitender Branddirektor für den Vorbeugenden Brandschutz bei der Münchner Feuerwehr

Gefährliche Fassadenbrände auf dem Vormarsch?

Das bedeutet Todesgefahr sowohl für die Feuerwehrleute im Einsatz als auch für die Bewohner, erklärt Peter Bachmeier, der als Brandschutz-Fachmann für die Deutschen Berufsfeuerwehren spricht. Seiner Beobachtung nach nehmen gefährliche Fassadenbrände zu. So würden die deutschen Feuerwehren seit einigen Jahren diese Brände erfassen - darunter auch dutzendweise gravierende Brände in Deutschland.   

Im Verhältnis zur immensen Bautätigkeit in Deutschland sei das wenig – entgegnet der Sachverständige für Dämmsysteme Hans-Stefan Hutterer. Er kontrolliert auf Baustellen, ob die Dämmungen korrekt angebracht werden. 24 Millionen Quadratmeter Polystyrol werden in Deutschland pro Jahr verbaut, rechnet er vor. Aber: In mehr als 25 Berufsjahren habe er nur zwei Fassadenbrände gesehen.

"Was ich schade finde, dass viele Leute heute Panik schieben und sagen: 'Ja wenn ich schon ein Teelicht am Balkon habe, könnte das die Fassade in Brand setzen!' oder 'Wenn ich grille, könnte ich die Fassade in Brand setzen'. So sehe ich das nicht! Ich sehe die Brände als schlimmes Einzelereignis."

Hans-Stefan Hutterer, Sachverständiger für Wärmedämmverbundsysteme

Größere Sicherheit durch verschärften Brandschutz

Hinzu kommt: Im letzten Jahr (2016) wurde der Brandschutz verschärft: Bei größeren Häusern sind jetzt deutlich mehr so genannte Brandriegel in der Fassade vorgeschrieben. Brandriegel sind nicht brennbare Streifen, die bei Bauten ab sieben Metern Höhe zwischen die Dämmplatten in die Fassade eingebaut werden müssen: einer in Bodennähe bei 90 Zentimetern, einer auf drei Metern Höhe – und dann jedes zweite Stockwerk. Sie sollen verhindern, dass sich ein Brand an der Fassade ausbreitet und ihn somit eingrenzen. Die Dämmung selbst muss schwer entflammbar sein.

Kontrolle nicht verpflichtend

Ein Meilenstein aus Sicht der Feuerwehren, trotzdem sind sie noch nicht zufrieden mit der Situation. Denn: Bauherren sind in Bayern nicht verpflichtet, den Brandschutz an der Fassade von ausgewiesenen Experten kontrollieren lassen. Auf Fehler beim Anbringen der Matten haben die Hersteller mit Videos reagiert, die zeigen, wie das Material sicher montiert wird. Kritisch beobachtet die Feuerwehr den Altbestand, also Häuser, die weniger Brandriegel haben.

"Was mir Sorge macht, sind Gebäude über drei Geschosse bis zur Hochhausgrenze mit sehr vielen Wohnungen - 20, 30, 50 Wohnungen. Hier muss man schon kritisch fragen: Sind die Systeme ausreichend sicher, ist die Überwachung gut?"

Peter Bachmeier, Leitender Branddirektor für den Vorbeugenden Brandschutz bei der Münchner Feuerwehr

Zu sorglos mit vorbeugendem Brandschutz

Größtes Problem beim Altbestand aus Sicht der Feuerwehr: Die Bewohner stellen zu sorglos brennbare Stoffe, etwa Kisten, an Fassaden ab. Risse oder Schäden werden nicht repariert. Müllhäuschen stehen zu nahe am Haus. Statt Vorschriften zu erlassen, hätten sich die zuständigen Minister bislang nur auf Empfehlungen einigen können.

Aktuell hat das Bayerische Innenministerium – unter dem Eindruck des Brandes am Grenfell-Tower – bei den bayerischen Feuerwehren Stellungnahmen zu Fassadenbränden angefragt. Ein erster Schritt. Jetzt wird im Bayerische Innenministerium diskutiert, ob Konsequenzen zu ziehen sind.


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websaurier, Donnerstag, 27.Juli 2017, 16:24 Uhr

28. Einfach...


Titelfrage:
Nach dem Brand in London
Wie gefährlich sind Dämmstoffe?

Antwort:
Genau so gefährlich wie vor dem Brand in London

Nicola Di Gabriele, Donnerstag, 27.Juli 2017, 14:12 Uhr

27. Brandgefahren bei Aussendämmungen aus Polystorol, EPS etc.

Leider ist die Kunststoff Lobby sehr stark. Bereits 2006 wurde in Deutschland festgestellt wie selbst an den Prüfungen für die DIN Norm Zulassung geschraubt und nachgeholfen wurde. Die gute SIA Norm in der Schweiz hat die gleichen Prüfungsergebnisse auch zu Ihrem Standard erklärt. PVC Fenster sind anschliessende Bauelemente in der Fassade, diese Bauteile stellen genau die gleichen Probleme dar. Wir sprechen leider im Moment nur von der Brandgefährlichkeit der Dämmmaterialien und blenden das Thema der Freisetzung von Dioxin bei einem Brandfall mit Löscheinsatz aus. Es wird höchste Zeit nicht nur beim Autobau sondern auch auf den Baustellen den Kunststoffprodukten ein Ende zu setzen. Steinwolle als Isolation hat zum Beispiel ein super Brandverhalten.
Zur Zeit werden überall Asbest Sanierungen und Entsorgungen vorgenommen, viele Firmen verdienen damit ein unverschämtes Geld. Ich denke die "PVC" Sanierungsarbeiten werden in Europa die nächsten Generationen leider sehr stark fordern.

Till Stahlbusch, Donnerstag, 27.Juli 2017, 11:42 Uhr

26. Bedauernswerte Medienleute...

Das Brandunglück in London war über Tage hinweg ein beherrschendes Medienereignis. Weil aber kaum Details zur Brandursache bzw. zum Brandverlauf bekannt waren, schossen schnell Spekulationen ins Kraut - leider angeheizt durch eine Berichterstattung, die sich mangels Fakten und mangels gründlicher Recherche zu immer spektakuläreren Vermutungen hinreißen ließ.
VHF und WDVS wurden durcheinander geworfen, Dämmung und Verkleidung verdreht. Dieses Beispiel zeigt schön, wie permanent aufgeregt und nervös unsere Medien heute leider oftmals geworden sind, wie schwer der Druck ist, der auf den Medien-Machern lastet, immer und überall der Erste und der Lauteste sein zu müssen, um Auflage und Klickzahlen zu sichern.

Die Fachzeitschrift "Gebäude-Energieberater" hat den tragischen Brandfall vor dem Hintergrund dieser Medienjagd analysiert und klärt noch einmal über einige inzwischen belastbare Details des Brandverlaufs auf.

Herald J., Mittwoch, 26.Juli 2017, 15:47 Uhr

25. Sensationslust

Ich kann diesem Sensationsjournalismus nichts abgewinnen. Seit einigen Monaten wird gegen Styropor argumentiert, wobei die Fakten immer wieder ein klein wenig verdreht werden und sich "Fachleute" mit gefährlichem Halbwissen wichtig machen. Natürlich ist der Dämmstoff brennbar, dies ist mit den richtigen Konstruktionen aber lösbar. Das ist Sache der Planer und Architekten.
Oder käme irgendjemand auf die Idee, den Baustoff Holz zu verteufeln, weil er brennbar ist?

  • Antwort von Tippgeber, Mittwoch, 26.Juli, 22:59 Uhr

    Heisser Tipp für Sie: diese "Fachleute" sind Profis und beschäftigen sich damit berufsbedingt.

    Darüberhinaus würde mich das Brandverhalten an ganzen Häuserzeilen interessieren. Ein abgestelltes und in Brand geratenes Moped hatte schon zu einer dramatischen Brandausbreitung geführt. Was ist mit Silvester? Was mit dubiosen Jugendstreichen und in Brand gesetzten Mülltonnen? Was, wenn solche G-20 schwarz Geblockten ihr Unwesentreiben? Andere Extremisten? Was passiert bei einem vergleichsweise kontrollierbaren Zimmerbrand durch defektes TV-Gerät oder Weihnachtsbaum?
    Was passiert, wenn sich Vögel in die Dämmung einnisten und damit die Schutzwirkung aushebeln?

    Wer entsorgt wie diesen Müll?

Idars, Mittwoch, 26.Juli 2017, 13:49 Uhr

24. Milchmädchenrechner

Wenn ich pro Jahr statt 3000 Euro 4000 für Heizöl zahle, dann sind das 1000 Euro mehr pro Jahr. Wenn ich das jetzt auf 30 Jahre hochrechne, hätte ich 30.000 Euro Investitionssumme frei. Dafür gibt es in 30 Jahren mit Sicherheit bessere Technoligien als Plastik an Hauswände zu kleben.

Dieser Dämmwahn ist nicht besonders klug für die Umwelt.

  • Antwort von vielfahrer, Mittwoch, 26.Juli, 14:19 Uhr

    @Idars, warten Sie 60 Jahre, dann hätten Sie 60 000 € für Invest. frei. (2077 gibt es best. noch viel besseres. -od. noch länger warten?
    In Ihren beschrieben 30 Jahre a 1 000 € ~ 2000 Liter werden dann also 60 000 Heizöl verbrannt.
    Sehr gute Umweltbilanz!

  • Antwort von Manfred, Mittwoch, 26.Juli, 16:30 Uhr

    Also Lieber vielfahrer

    Der Haken an der Sache ist das die Dämstoffindustrie - LOBBY hier ganze arbeit geleistet hat . Es wird gedämmt auf Teufel komm raus . Die Umweltbombe wird platzen wenn dieser Dämmstoff wieder von der Wand muß , das Zeug muß als Sondermüll entsorgt werden . Da muß ich leider auch sagen das der Dämmwahn nicht besonders klug ist .
    Sie sollten Ihren Namen von vielfahrer auf wenigfarer ändern das würde zu einer guten Umweltbilanz beitragen .

  • Antwort von Idars, Mittwoch, 26.Juli, 16:51 Uhr

    Ja, genau. Dann kann ich mir ein kleines AKW kaufen :-)

    Tsss... Umweltbilanz... Herstellung... Brand... Entsorgung... tsss...