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Aussterbende Insekten Bundesamt für Naturschutz bestätigt Insektensterben

Uns geht einfach keiner mehr in die Falle, 75 Prozent weniger Insekten innerhalb von 25 Jahren! Das war das dramatisch klingende Ergebnis einer Studie von Forschern aus Krefeld, die vergangenen Sommer viel Aufmerksamkeit bekam. Die Krefelder haben vor allem Standorte in Nordrhein-Westfalen untersucht. Aber - es handelt sich leider um einen bundesweiten Trend, sagt jetzt das Bundesamt für Naturschutz.

Von: Alex Krämer, Janina Lückoff

Stand: 05.06.2018

Insektenzaehlen in Bayern forder der Bund Naturschutz | Bild: picture-alliance/dpa

Sandra Balzer ist im Bonner Bundesamt für Naturschutz zuständig für alles, was mit gefährdeten Tieren zu tun hat - vergangenes Jahr landete die Untersuchung aus Krefeld auf ihrem Tisch. Die Zahlen darin decken sich mit dem, was sie ansonsten erfassen, sagt Balzer.

"Wir sehen in allen Studien einen abnehmenden Trend. Sowohl bei gefährdeten Arten, die schon lange im Rückgang begriffen sind, als auch bei Arten, die häufiger sind."

Sandra Balzer, Bundesamt für Naturschutz

Insektenrückgang

Deutlich weniger Insekten, bundesweit, dokumentiert seit den 70er Jahren, sagt Beate Jessel, die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz. "Das Ganze ist kein plötzlich eintretendes Ereignis, sondern es ist eine schon seit langem laufende und schleichende Entwicklung. Im Übrigen auch der Grund, warum wir nicht von Insektensterben, sondern von Insekten-Rückgang sprechen."

Das klingt etwas weniger dramatisch, ist aber nicht so gemeint - denn, so Jessel, Insekten seien äußerst wichtig - als Nahrungsgrundlage für andere Tiere wie Vögel, weil sie mitwirken an der Selbstreinigung von Bächen und Flüssen, weil sie Laub zersetzen und so den Boden verbessern. Und weil sie Pflanzen bestäuben, auch Nutzpflanzen: Allein das habe einen volkswirtschaftlichen Wert von mehr als einer Milliarde Euro jährlich.

"Beim Ausfall von Bestäubungsleistungen durch Insekten wäre in Deutschland vor allem der Obst und Gemüseanbau betroffen. Aber auch die Erträge vieler anderer Feldfrüchte, Raps etwa oder Sonnenblumen, würden ohne eine Bestäubung durch Insekten dramatisch zurückgehen."

Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz

Klimawandel spielt kaum eine Rolle

Jessel geht es dabei nicht in erster Linie um die Honigbiene  - die sei ein Haustier und ganz sicher nicht gefährdet. Sie hat zum Beispiel die knapp 600 Arten von Wildbienen und -Hummeln im Blick, die ebenfalls verschwinden. Der Klimawandel spielt als Grund für den Insektenrückgang nach Einschätzung der Bonner Behörde kaum ein Rolle - sehr wohl dagegen die immer stärkere künstliche Beleuchtung in der Nacht, die Mücken und anderes Getier anzieht. Jessel sagt: "Man bezeichnet das recht anschaulich als Staubsauger-Effekt. Nachgewiesen wurde etwa, dass eine einzige Straßenlampe in Bach-Nähe in einer Nacht so viele Köcherfliegen anlockt, wie am Bach in derselben Zeit auf einer Länge von 200 Metern schlüpfen. Also ein echter Staubsauger, der hier regelrecht zur Entleerung führt."

Hauptursache aber sei die intensive Landwirtschaft - Überdüngung, zu viel Pflanzenschutzmittel, ausgeräumte Landschaften. Hier müssen wir umsteuern, sagt Beate Jessel - Bauern nur dann staatliche Subventionen zahlen, wenn sie naturschonend wirtschaften.

Die gerade vorgelegten Entwürfe zu künftigen europäischen Agrarpolitik sehen das allerdings nicht vor. "Die sind eine große Enttäuschung, weil dieser Grundsatz "öffentliches Geld für öffentliche Leistungen" darin praktisch keine Berücksichtigung gefunden hat," erklärt Jessel.

Geld wird nach bestellter Fläche verteilt

Stattdessen, so Jessel, soll das viele europäische Geld weiter im wesentlichen nach der bestellten Fläche verteilt werden - ohne Vorteile für Bauern, die weniger Spritzmittel einsetzen oder ihre Wiesen insektenschonend seltener mähen. Die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz hofft da auf Nachbesserungen.

Aktuell betragen die Agar-Subventionen in Deutschland im Schnitt rund 280 Euro pro Hektar und Jahr. Wie es nach 2021 damit weitergeht, wird in Brüssel ab sofort ausgehandelt.


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