Trotz Verurteilung Begründete Zweifel am "Badewannenmord" am Tegernsee

Droht der bayerischen Justiz ein neuer Skandal a lá "Gustl Mollath"? Mit Blick auf den sogenannten "Badewannen-Mord" mehren sich die Zweifel, ob ein zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilter Hausmeister zu Recht im Gefängnis sitzt.

Von: Mathias Flasskamp

Stand: 31.07.2018

Bild: BR

Der eigentliche Fall liegt zehn Jahre zurück: Im Oktober 2008 ertrank Lieselotte Kortüm in einer Senioren-Wohnanlage am Tegernsee in ihrer Badewanne. Manfred Genditzki war dort als Hausmeister tätig. In einem Indizienprozess wurde der damals 50-Jährige 2010 wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.

Der Verurteilte beteuert seine Unschuld

Der Familienvater bestritt damals, die Dame getötet zu haben, und tut das übrigens bis heute. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil 2011 auf und verwies den Fall zurück an die vierte Strafkammer des Münchner Landgerichts. Dort wurde Genditzki 2012 erneut wegen Mordes verurteilt. Ein Streit soll laut den Akten dem Mord vorausgegangen sein, der Hausmeister soll die alte Dame im Affekt erschlagen und dann in die Wanne geworfen haben.

Aber es blieben Zweifel: Für den angeblichen Streit konnten keine Beweise erbracht werden, ein Motiv fehlt damit ebenso wie die Tatwaffe, und am Tatort finden sich keinerlei Spuren von Manfred Genditzki. Fakt ist, er hatte die 87-Jährige am betreffenden Tag aus einer Klinik abgeholt und nach Hause gefahren. Lieselotte Kortüm und Manfred Genditzki kannten sich gut, der Hausmeister besuchte die alte Dame regelmäßig und half ihr mit kleinen Erledigungen. Warum hätte er die alte Dame umbringen sollen?

Viele Fragen sind offen geblieben

Die erste Theorie der Staatsanwaltschaft, er habe der verwitweten Frau Geld stehlen und die Tat mit dem Mord vertuschen wollen, konnte nicht bewiesen werden. Es sind viele Fragen ungeklärt in diesem Fall. Die Münchner Anwältin Regina Rick ist überzeugt, dass Manfred Genditzki seit nunmehr zehn Jahren unschuldig im Gefängnis sitzt. Vor fünf Jahren hat sie den Fall ehrenamtlich übernommen. "Ich bin überzeugt, dass es sich hier um einen Justizskandal handelt. Der Grundsatz, im Zweifel für den Angeklagten, kam hier überhaupt nicht zum Tragen," sagt die Juristin.

Kommt doch ein Sturz als Todesursache infrage?

Und diese Zweifel nehmen immer mehr zu. Ein wichtiger Punkt in der vor Gericht präsentierten Indizienkette war die Einschätzung des Rechtsmediziners Wolfgang Keil, dass sich Lieselotte Kortüm die festgestellten Verletzungen nicht durch einen Sturz habe zuziehen können. Die Seniorin wurde mit Blutergüssen unter der Kopfhaut und mit einem Bein über dem Badewannenrand hängend in der Wanne aufgefunden.

Eine auf biomechanischen Prinzipien berechnete Simulation des Instituts für Sport und Bewegungswissenschaft der Universität Stuttgart zeigt jedoch, dass bei einem möglichen Schwächeanfall der alten Dame auch ein Sturz das Verletzungsbild und die Auffinde-Situation erklären würde. Damit wäre ein Haushaltsunfall eine mögliche Erklärung. Das Gericht hatte diese Erklärung jedoch ausgeschlossen.

Neue Erkenntnisse mittels Computer-Animation

Regina Rick glaubt mit der Animation, die sie mit Spendengeld aus dem Unterstützerkreis um Manfred Genditzki in Auftrag gegeben hatte, neue Erkenntnisse vorlegen zu können, die eine Wiederaufnahme des Verfahrens rechtfertigen."Wir würden uns wünschen, dass die Staatsanwaltschaft mal einen Blick auf die neuen Fakten wirft und dann von sich aus den Fall noch einmal überprüft," erklärt die Anwältin. Mit dieser Meinung steht sie nicht allein da.

Forderung nach Wiederaufnahme des Verfahrens

Auch Franz Schindler, der Vorsitzende des Rechtsausschusses im Landtag, setzt sich für ein Wiederaufnahmeverfahren ein: "Hier gibt es so viele begründete Zweifel, die jetzt mit der Computersimulation noch weiter bestärkt werden, dass ich zwar nicht das Urteil eines Gerichts kritisieren will, aber ich möchte die Ermittlungsbehörden doch einladen, den Fall im Lichte der neuen Erkenntnisse noch einmal genau anzuschauen," sagt der SPD-Politiker, der selbst gelernter Jurist ist.

Von der Staatsanwaltschaft ist momentan allerdings keine Aktivität zu erwarten. Die Behörde lässt auf BR-Anfrage mitteilen, der Fall sei abgeschlossen und man sehe derzeit keine neuen Beweise, die eine Wiederaufnahme des Verfahrens rechtfertigen würden. Tatsächlich müsste die Computeranimation, die ein mögliches Sturzgeschehen als Erklärung zulässt, erst noch durch ein Rechtsgutachten gestützt werden. Aber dafür fehlt dem Unterstützerkreis momentan das Geld.