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Gefallene Mädchen Erzwungene Adoptionen in Bayerischen Entbindungsheimen

Uneheliche Kinder galten lange als Schande. Bis in die 1980ger Jahre wurden sie oft heimlich auf die Welt gebracht, in sogenannten Entbindungsheimen. Manche Frauen wurden dort auch mehr oder weniger gezwungen, ihr Baby zur Adoption frei zugeben. Christiane Hawranek ist solch traurigen Fällen nachgegangen. Dabei hat sie aber auch eine Mutter und einen Sohn getroffen, die sich nach 38 Jahren wiederfanden.

Von: Christine Hawranek

Stand: 11.08.2018

Symbolbild: Zwangsadoption | Bild: picture-alliance/dpa

Die jungen Frauen kamen teils aus gutbürgerlichem Hause. Von ihrer Schwangerschaft sollte niemand etwas erfahren; und auch das uneheliche Kind sollte verschwinden. Deshalb versteckten sich die Frauen in Entbindungsheimen. Andere "Hausschwangere" steckten in finanziellen Schwierigkeiten und zogen deshalb mindestens bis zur Geburt des Kindes in ein solches Heim. Dort arbeiteten sie mit, zum Beispiel in der Wäscherei, im Putzdienst oder auf der Säuglingsstation.

Viele dieser Frauen kehrten nach der Zeit im Entbindungsheim nach Hause zurück - ohne das Baby. Oft wurden die Kinder zur Adoption freigegeben; und die Mütter schweigen ihr ganzes Leben lang, weil sie sich schämen.

Ursula Drenda aber möchte ihre Geschichte erzählen. Sie lebt in einer winzigen Ein-Zimmer-Wohnung in München. An jeder Wand sind Schränke und Regale, vollgestopft mit Häkeldeckchen und Kochrezepten, als habe die 77-Jährige seit der Adoption ihrer Tochter nie wieder etwas fortgeben können. "

Ursula Drenda ist im Waisenhaus aufgewachsen. 1969 wurde sie schwanger von einem verheirateten Mann. Deshalb suchte sie Zuflucht in einem privaten Entbindungsheim in München. Die Heimleiterin, eine Hebamme, öffnete die Tür.

"Das erste, was sie sagte: 'Geben Sie mir mal Ihren Ausweis.' Sie  hat sich alles aufgeschrieben und gesagt, ich kann Ihnen bei einer Adoption behilflich sein. Dann habe ich gesagt, nein, das möchte ich gar nicht! Das war eine richtige Babyhändlerin für mich."

27 Entbindungsheime in Bayern

Auch andere Frauen in Entbindungsheimen fühlten sich zur Adoption gedrängt; teils von der eigenen Familie unter Druck gesetzt. 27 solcher Entbindungs- oder Mütterheime listen die offiziellen bayerischen Heimverzeichnisse der 1940er- bis 1970er-Jahre auf, zum Beispiel in Herrsching, Bamberg oder Immenstadt. Spricht man mit älteren Dorfbewohnern in den oberbayerischen Orten Pähl und Herrsching, so beschreiben sie die dortigen Betreiberinnen der Entbindungsheime als "Retterinnen der gefallenen Mädchen", als Wohltäterinnen. Schließlich haben sie verzweifelten Frauen einen Zufluchtsort gegeben.

Für andere war das Entbindungsheim der Ort, an dem sie von ihrer Mutter getrennt wurden. Bis heute kehren immer wieder adoptierte Kinder, heute längst erwachsen, zu den Heimen zurück. Sie sind auf der Suche nach Kontakt zur leiblichen Mutter. Doch viele Adoptionsvermittlungsunterlagen existieren nicht mehr. Erst seit 2003 schreibt ein Gesetz vor, dass die Akten mindestens 60 Jahre aufgehoben werden müssen. Deshalb hat das Bayerische Sozialministerium auch keine Zahlen, wie viele Kinder in bayerischen Entbindungsheimen zur Adoption vermittelt wurden.

Entbindungsheime, in denen Schwangere heimlich Kinder zur Welt bringen können, existieren seit den 1980er-Jahren nicht mehr. Heute versuchen die Jugendämter, "den Erhalt der Familie zu fördern". Eine Adoption gilt als allerletzte Möglichkeit. Wenn, dann suchen sich nicht die Eltern ein Kind aus - sondern die Jugendämter suchen für ein Kind geeignete Eltern.


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