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Gegen Rechtsruck "#ausgehetzt" in München: Der gemeinsame Nenner Zehntausender Demonstranten

Die Sorge vor einer Verrohung der Sprache und einem Rechtsruck in der Politik ist offenbar groß: Bei der Demo "#ausgehetzt" in München sind am Sonntag bei strömendem Regen geschätzt 25.000 Menschen auf die Straße gegangen. BR-Reporter Max Muth zieht Bilanz.

Stand: 23.07.2018

Demo #ausgehetzt in München: Auf einem Plakat steht: "Grant'ln ja, hetzen nein" | Bild: picture alliance / NurPhoto

Die Zahlen gehen weit auseinander. Wie viele Menschen waren denn nun auf der Straße?

Was man auf jeden Fall sagen kann: Es waren sehr viele – und das in den ersten Stunden bei strömendem Regen. Bei der ersten Kundgebung am Goetheplatz waren vermutlich zwischen 2.000 und 5.000 Leute anwesend. Dann hat der Demonstrationszug auf dem Weg zur Abschlusskundgebung bei abnehmendem Regenschirmdichte immer mehr Menschen eingesammelt. Bei der zweiten Kundgebung zum Polizeiaufgabengesetz sprachen die Veranstalter schon von 18.000 Menschen, am Königsplatz zur Abschlusskundgebung waren dann sogar laut Polizei 25.000. Wie es immer so ist, sprechen die Veranstalter von 50.000. Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Aber wer möchte, kann sich im Internet Bilder des Platzes ansehen; der war ziemlich voll.

Die Demo richtete sich gegen den Rechtsruck in der Politik, eine Verrohung der Sprache, die Asylpolitik und viele weitere Themen. Passt das alles unter einen Hut?

Bei der Abschlusskundgebung hatten die Redner tatsächlich sehr diverse Anliegen, von Gentechnik über Rüstungspolitik bis zum Drohnenkrieg. Es gab allerdings auch einen klaren gemeinsamen Nenner, und das war, dass die Redner ein Zeichen setzen wollten, gegen den wahrgenommenen Rechtsruck in der deutschen Politik und im Speziellen in der CSU. Das hat dann alle vereint, Kirchenvertreter, Kabarettisten wie Georg Schramm, die anwesenden Politiker von Grünen und ÖDP sowieso, Gewerkschaften und Musiker. Die Botschaft der meisten Redner war, die CSU habe sich in den vergangenen Monaten von menschlicher Politik und auch vom "C" in ihrem Namen verabschiedet. Der gemeinsame Nenner wurde auch deutlich, als die Organisatoren unter großem Applaus Claus-Peter Reisch auf die Bühne holten, den Kapitän, des derzeit in Malta festgesetzten privaten Rettungsschiffs "Lifeline". Bei keinem anderen Redebeitrag waren die Demonstranten so still, wie als Reisch von seiner Arbeit als Seenotretter im Mittelmeer berichtet hat.

Die CSU hatte sich über die Unterzeichnung des Demo-Aufrufs durch den Intendanten eines städtischen Theaters beschwert. Was war vor Ort von der CSU zu hören?

Auf der Demonstration selbst sehr wenig. Die Kabarettistin Luise Kinseher hat auf der Abschlusskundgebung einmal gefragt, ob denn auch CSUler anwesend seien – und es gab nur sehr zögerliche Wortmeldungen. Gesprächsthema war die CSU trotzdem die ganze Zeit, was unter anderem daran lag, dass in der Nacht zuvor überall an der Demonstrationsroute Plakate angebracht worden waren, auf denen die Partei für "politischen Anstand" wirbt und sich gegen die Demonstration auspricht, also letztlich den Demonstrationsteilnehmern fehlenden politischen Anstand unterstellt. Verschiedene Organisationen hatten das als gezielte Provokation gewertet und in den sozialen Medien dazu aufgerufen, die Plakate in Ruhe zu lassen. Nicht alle Demo-Teilnehmer haben sich daran gehalten. Offenbar wurden wegen Beschädigung der Plakate acht Personen angezeigt.


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