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Wachsende Ungleichheit Arm im reichen Bayern

Bayern gilt als reich. Doch die Ungleichheit im Freistaat wächst. Bayerische Sozialverbände kritisieren statistische Schönfärberei seitens der Politik. Die Unterschiede seien vor allem regional sehr groß.

Von: Simon Emmerlich

Stand: 09.01.2018

 Ein Mann zählt sein Kleingeld | Bild: picture-alliance/dpa

Die soziale Ungleichheit in Bayern wächst, obwohl der Freistaat als reich gilt. Bayerische Sozialverbände sprechen von statistischer Schönfärberei seitens der Politik. Im Sozialbericht 2017 hat sich die Staatsregierung im vergangenen Frühjahr ein gutes Zeugnis ausgestellt. Der Begriff Armut taucht im Bericht gar nicht auf, stattdessen spricht man im entsprechenden Kapitel von "niedrigen Einkommen".

"Armut ist immer relativ. Ich muss mir das Leben mit meinen Mitteln in meiner Umgebung leisten können. In Bayern ist demnach mehr als jede und jeder Siebte von Armut bedroht und nicht 'bloß' jede und jeder Neunte."

Thomas Beyer, Landesvorsitzende AWO Bayern

Laut Bericht liegt die Armutsgefährdungsquote in Bayern bei  11,6 Prozent. Bundesweit der niedrigste Wert. Als Vergleichsgröße legt die Staatsregierung das bundesweite Netto-Äquivalenzeinkommen zugrunde, also vereinfacht gesagt das, was Menschen in Deutschland im Schnitt als Erwachsenem pro Monat zur Verfügung steht.

Vorwurf: "Kunstgriff in der Statistik"

Der Bayerische Landesverband der Arbeiterwohlfahrt kritisiert diese Berechnung und hält sie für "mehr als einen Kunstgriff in der Statistik". Wegen der statistisch höheren Einkommen in Bayern müsse man als Grundlage des Vergleichs natürlich auch das bayerische Durchschnittseinkommen heranziehen - nicht das bundesweite. Dann steige das tatsächliche Armutsrisiko für Bayern auf 15 Prozent.

Gemessen am Netto-Einkommen ist Augsburg die ärmste Stadt Bayerns. Lediglich 18.424 Euro verfügbares Durchschnittseinkommen haben Augsburger, bayernweit waren es 2014 immerhin 23.080 Euro. Der Niedergang der Textilindustrie ist in Augsburg bis heute zu spüren. Viele haben den Beruf, in dem sie Jahre gearbeitet haben, verloren. Das wirkt sich bis heute aus, etwa beim Rentenniveau.

"Armenhaus" Nürnberg

Auch in Nürnberg steigt das Armutsrisiko stetig. Fast ein Viertel der Einwohner gilt als „von Armut bedroht“.  Bundesweit belegt die Frankenmetropole nach Zahlen des statistischen Bundesamts für 2016 im Negativ-Ranking der 15 größten Städte den zweiten Platz nach Dortmund. Auf Rang drei folgt Duisburg.

"Was wir tun können, ist über den Nürnberg-Pass versuchen, den Betroffenen das Leben zu erleichtern. Wir haben das Bildungs- und Teilhabepaket für Kinder und Jugendliche, wo wir kleine Hilfen geben können."

Dieter Maly, Leiter Sozialamt Nürnberg

Überraschend ist für Sozialamtschef Dieter Maly, dass die Zahl der Empfänger von Sozialhilfeleistungen parallel nicht angestiegen, sondern wegen guter Konjunktur sogar leicht gesunken ist. Viele Sozialverbände ziehen aus dieser Entwicklung den Umkehrschluss: Immer mehr Menschen in Bayern sind eben trotz Erwerbstätigkeit von Armut bedroht.     

269.000 Münchner sind arm

Vor allem in der Landeshauptstadt geht die Einkommensschere immer weiter auseinander. 17,4 Prozent der Münchner Bürgerinnen und Bürger sind laut Armutsbericht der Stadt 2017 von Armut betroffen. Das sind etwa 269.000 Menschen. Trotz positiver wirtschaftlicher Entwicklung ist die Zahl seit 2011 um 2,7 Prozent gestiegen.

Ungleichheit wächst

Der Wohlstand der Wohlhabenden steigt ebenso. Der Anteil der gut und besser verdienenden Menschen in München, die über 120 Prozent oder mehr des mittleren Einkommens verfügen, stieg binnen sechs Jahren von 30 auf 34 Prozent, heißt es von der Stadt.

200.000 Bayern auf Lebensmittelspenden angewiesen

Wie die soziale Lage in Bayern tatsächlich aussieht, lässt sich auch am Beispiel der Tafeln erahnen. Denn bei der kostenlosen Essensausgabe zeigt sich direkt, was sonst hinter schwammigen Einkommensmedianen verschwimmt. Ob es sonntags auch mal Fleisch gibt. Ob Kinder hungrig in die Schule gehen. Oder eben nicht.

In Bayern gibt es aktuell 170 Tafeln. Rund 200.000 Menschen werden unterstützt, die Hälfte davon rekrutiert sich aus erwerbsfähigen Erwachsenen, darunter viele Hartz-IV Empfänger. Knapp ein Viertel sind Rentner. Zum Vergleich: Auch in Nordrhein-Westfalen sind rund 200.000 Menschen auf die Hilfe der dort rund 170 Tafeln angewiesen. Ähnliche Zahlen wie in Bayern, und das obwohl Nordrhein-Westfalen weitaus höhere Bevölkerungs- und Arbeitslosenzahlen aufweist als das vermeintlich reiche Bayern.

"Es geht uns gut, aber die Verteilung dieses Gutgehens ist denkbar schlecht."

Reiner Haupka, Landesverband der Tafeln in Bayern.

Reiner Haupka von den Tafeln in Bayern sieht vor allem die Altersarmut als Problem, das auf alle Menschen in Deutschland zukommt.

"Wenn sie eine Rente von 2.000 Euro haben wollen, müssen sie über 45 Jahre lang 4.500 Euro im Monat verdienen. Viele Rentner haben momentan um die 1000 Euro, wie wollen sie da heute in einer Region wie München überleben?"

, Reiner Haupka, Landesverband der Tafeln in Bayern.


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Unstatistiker, Mittwoch, 10.Januar, 12:08 Uhr

19. Wenn Studenten als arm in die Statistik kommen...

...beisst sich was.

Dann müssen Azubis und vielleicht Schüler die Ferienarbeit auch noch in der Statistik aufgenommen werden?
Dann sind es noch mehr Arme.

Was ist das auch für ein furchtbares Land, wenn Studenten arm studieren müssen? - Für mich Manipulation in Reinstkultur.
Pay to fly sind dann arme Piloten, weil sie ihre Flugstunden bei einer bekannten irischen Airline selbst bezahlen müssen? Die sollten auch noch zu den Armen erklärt werden? - Gehts noch? Was macht der Krankenhausassistenzarzt während der Ausbildung? Arm?
Mehr Unstatistiken gibt es auf der gleichnamigen Webseite.

Wie glaubwürdig sind denn noch die ganzen Statistiken der Bertelsmänner, DUH, NABU, PETA, Tafeln und der Armee vieler weiterer Aktivistenvereine oder der pseudowissenschaftlichen Institute?
Ergebnis je nach Interessenlage offen?

Übrigens gehen manche bei Tafeln essen, die nicht arm sind. Aber es ist ja kostenlos!

  • Antwort von Frau Kirschgrün, Mittwoch, 10.Januar, 14:55 Uhr

    Verstehe ich das richtig?
    Sie bestreiten, dass es in D Arme/Armut gibt?
    Es sind mind. 6,5 Mio Menschen, von 400.–€ oder weniger existieren müssen. Egal ob mit oder Arbeit.
    Sozial, oder?! Nein, noch besser: soziale Hängematte mit spätrömischer Dekadenz.
    Starten Sie doch den Selbstversuch mit 400.-€ auszukommen,nur für drei Monate (und ohne Vereine und sonstige Vergnügungen). Einfach nur 400 Euronen.
    Dann werden Sie sehen wie schön das ist, und dass man ja gar nicht arm ist, man hat nur kein Geld (Vorsicht Ironie).

    Was hat das mit sozial zu tun? Die Reichen und Konzerne sind die wahren Asozialen, denn sie zahlen überhaupt keine Steuern und Sozialabgaben. Sozialabgaben zahlen sogar die, die nur 800.-€ im Monat "verdienen"!
    Wer VERDIENT das 1000fache von dem, das man/frau mit ehrlicher Arbeit verdienen kann? NIEMAND.

    Mal nachdenken, am Besten vorher…

    Das ist staatlich VERORDNETE Armut, die hier abläuft, und dass das ungerecht ist, muss ja wohl nicht extra betont werden…

  • Antwort von Unstatistiker, Mittwoch, 10.Januar, 21:17 Uhr

    An sich habe ich mich klar ausgedrückt.

Squareman, Mittwoch, 10.Januar, 07:02 Uhr

18. Politisch gewollt

Dank Agenda 2010, Hartz IV, Rentenabsenkung, mehr prekäre Arbeitsverhältnisse war das vorauszusehen, aber das war ja von der Politik so gewollt. Von der privaten Vorsorge, die sich ein Wenigverdiener eh nicht leisten kann, profitieren doch nur die Versicherungen, dafür hat der Schröderspezl Maschmeier schon gesorgt. Propagiert wurde das von den angeblich unabhängigen "Experten" Riester und Ruerupp, die alle mit Maschmeier unter einer Decke stecken. Die SPD und die Grünen haben uns verkauft und die CDU hat davon profitiert. Die Reichen schaffen ihre Gewinne ins Ausland und die Armen dürfen betteln gehen. Inzwischen sind fast alle Parteien neoliberal, es wird sich also auf absehbarer Zeit nichts ändern.

Axel F., Mittwoch, 10.Januar, 06:37 Uhr

17.

Wie auch immer man es dreht und wendet oder bezeichnet - die Einkommensschere wird größer. Das tut unserer Gesellschaft nicht gut. Empfundene Ungerechtigkeiten sind immer Nährboden für politische Extreme oder sozialen Unfrieden. Wir müssen Acht geben, dass diese Spreizung nicht zu groß wird. Wenn Menschen, die 40 Jahre stramm gearbeitet haben, an ihrem angestammten Wohnort im Alter nicht auskömmlich leben können, ist etwas faul - auch wenn dieser Ort München heißt. Einen alten Baum kann man nicht so einfach verpflanzen.

Frau Kirschgrün, Mittwoch, 10.Januar, 00:58 Uhr

16. Kosten und Gerechtigkeit

Wie soll frau in der ambulanten Pflege mit einer 30-Std.-Woche in TZ auch nur entfernt eine Art Rente aufbauen? Man schuftet bis zu 24 Tagen im Monat und kommt nicht auf die vertraglichen 30 Stunden, hat Minusstunden, die ja wieder reingearbeitet werden müssen, dazu noch Mobbing durch PDL und einspringen, wenn jemand ausfällt. Die Leute haben mich geliebt und ich die Leute, die ich versorgt habe, aber ich bin nach zwei Jahren (mit 58 gestartet) jetzt mit 60 völlig abgearbeitet und arbeitslos. Verdienst gerade so um die 1100 netto. Dafür würden die meisten nicht einmal aufstehen. Das ist Ausbeutung in Reinform. „Die Schere geht immer weiter auseinander“. Gründe: Ungerechtigkeit, Niedriglohn, prekär beschäftigt, ABER Steueroasen, damit sich das Geld mal erholen kann… (Vorsicht Ironie)
Es betrifft ALLE.
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen… … …Pater Niemöller (WIKI)

Wahrheimer, Mittwoch, 10.Januar, 00:12 Uhr

15. Armutsbericht

Die ganzen Zahlen sind aber sowieso nicht richtig, weil es nur einen Teil der arbeitenden Bevölkerung spiegelt. Die ganzen selbständigen Paketfahrer oder viele Ladenbesitzer verdienen alle ganz wenig Geld, zum Teil weniger als Harz 4 Empfänger. Viele Selbständige wären froh, wenn sie netto 400,00€ verdienen würden.
Ein Einmann Betrieb oder wie man das nennen will, muß schließlich auch seine ganzen Kosten , wie Krankenversicherung und Rente selber tragen, natürlich auch die anderen Betriebskosten, da bleibt schnell nichts mehr übrig. Und die Künstler in Deutschland sind ganz arm dran, von den gemeldeten ca. 1 Million können nur ca. 8 Prozent laut Statistik von ihrem Einkommen leben. Aber das interessiert die Politik alles nicht . Wir bräuchten dringend einen System Wechsel, es muß kein Kommunismus sein, aber es gibt gute Ideen, ich empfehle mal bei Nico Paech, Ökonmieprofessor nachzulesen.