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Recherchen von BR und ARD U-Boot-Drama vor Argentinien - Deutsche Batterie-Lieferanten unter Verdacht

Nach dem Untergang des U-Boots "San Juan" geraten deutsche Firmen ins Visier. Nach Informationen von BR Recherche und ARD-Studio Südamerika ist wahrscheinlich Schmiergeld geflossen, um den lukrativen Auftrag zum Austausch der Batterien des U-Boots zu erhalten. Darüber hinaus besteht der Verdacht, dass minderwertige Ersatzteile eingebaut wurden. Das ist besonders heikel, weil nach Ansicht aller Experten ein Schwelbrand in der Batteriebank den Untergang der "San Juan" ausgelöst hat. Von Ivo Marusczyk

Von: Ivo Marusczyk

Stand: 09.12.2017

Vermisstes U-Boot "Ara San Juan" | Bild: Juan Sebastian Lobos/Armada Argentina

Im Südatlantik läuft noch immer die Suche nach dem argentinischen U-Boot "San Juan". Auch wenn es für die 44 Seeleute an Bord keine Hoffnung mehr gibt. An Land hat inzwischen schon die Suche nach Verantwortlichen begonnen. Dabei rücken auch zwei deutsche Firmen ins Visier. Bei der Generalüberholung der "San Juan" sollen deutsche Unternehmen Schmiergeld bezahlt haben - und nach Informationen des Bayerischen Rundfunks wurde nicht ausreichend dokumentiert, welche Arbeiten diese Firmen genau ausgeführt haben.

"Es besteht der Verdacht, dass Bestechungsgeld geflossen ist bei der Reparatur der 'San Juan' - und dass deutsche Unternehmen involviert waren."

Cornelia Schmidt-Liermann, Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des argentinischen Parlaments

Deutsche Firmen bauten Batterien aus

Das U-Boot lief 1983 in Emden vom Stapel, bis 2011 wurde es generalüberholt. An dieser Reparatur waren deutsche Firmen beteiligt. Unter anderem wurden die Batterien ausgetauscht. Genau die Batterien, die wahrscheinlich jetzt zum Untergang der "San Juan" geführt haben. In seinem letzten Funkspruch meldete der Kommandant einen Schwelbrand im Bereich der Bug-Batterien. Wasser, das durch den Schnorchel eingedrungen war, hatte einen Kurzschluss ausgelöst. Drei Stunden später registrierten Unterwasser-Mikrofone eine Explosion im Südatlantik, seitdem ist die "San Juan" verschollen. 

Die Generalüberholung des U-Boots in einer argentinischen Werft war seinerzeit ein nationales Prestigeprojekt - eine Reparatur, die der "San Juan" weitere 30 Jahre Dienstzeit garantieren sollte, wie Präsidentin Kirchner damals stolz verkündete. Aber aus heutiger Sicht ist damals nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Verteidigungsminister Oscar Aguad sagt inzwischen:

"Alle Verdachtsmomente lassen annehmen, dass hier Korruption vorlag. Es wurde sogar Anzeige vor dem ersten Bundesgericht erstattet, in der von Korruption und Anomalien die Rede war, aber die wurde unter den Teppich gekehrt und nicht verfolgt. Und es gibt auch Aussagen, dass die verwendeten Materialien nicht der erforderlichen Qualität entsprechen."

Oscar Aguad, argentinischer Verteidigungsminister

Im Fokus: Ferrostaal und EnerSys-Hawker

Im Fokus stehen die deutschen Unternehmen Ferrostaal und EnerSys-Hawker mit Sitz in Essen beziehungsweise Hagen. Mit ihnen wurde ein Vertrag über die Lieferung von 964 Batteriezellen abgeschlossen. Kostenpunkt: 5,1 Millionen Euro. Argentinische Politiker sind sicher, dass dabei Schmiergeld floss. Es wäre nicht das erste Mal. Einige Jahre zuvor verhandelten dieselben Firmen über die Lieferung von Schnellbooten an Argentinien und Chile. Das Geschäft kam nicht zu Stande, trotzdem wurden Bestechungsgelder bezahlt. Das ist aktenkundig, der deutschen Justiz sollen entsprechende Aussagen vorliegen.

"Es ist sehr undurchsichtig", sagt Schmidt-Liermann. In Argentinien wurde 2010 Anzeige wegen Korruption im Zusammenhang mit den U-Boot-Batterien erstattet, allerdings wurden diese Aussagen unter den Teppich gekehrt. Und es steht nicht nur der Verdacht im Raum, dass geschmiert wurde. Die argentinische Parlamentarierin prangert an, dass nicht dokumentiert wurde, welche Arbeiten die deutschen Unternehmen genau ausgeführt haben - und ob sie den Batterietausch selbst überwacht und abgenommen haben. 

"Es besteht der Verdacht, dass die Batterien, die ersetzt worden sind, teilweise oder ganz nicht von der Qualität waren, die sie hätten haben sollen. Wir wissen auch nicht, woher sie kamen, aus Deutschland oder einem anderen Land. Deswegen wollen wir wissen, welche Techniker dort vor Ort waren und wer dann unterzeichnet hat: So, das ist jetzt repariert. Diese Information haben wir nicht und die brauchen wir."

Cornelia Schmidt-Liermann, Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des argentinischen Parlaments

Ferrostaal weist Vorwürfe zurück, EnerSys-Hawker äußert sich nicht

Sie hat die Bundesregierung jetzt schriftlich angefragt, ob sie Informationen beisteuern kann. Die Firma Ferrostaal weist jede Verantwortung von sich, man habe lediglich seinerzeit den Auftrag vermittelt und dafür eine Provision bekommen - inzwischen habe man sich aus solchen Geschäften ganz zurückgezogen. EnerSys-Hawker, der Lieferant der Batteriezellen, hat trotz mehrerer Anfragen bis jetzt nicht Stellung genommen. 


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HinterTürkisch, Samstag, 16.Dezember, 16:04 Uhr

11. Batterie+Schaden

Dass es unter Wasser offenbar ziemlich gescheppert hat, steht scheinbar fest. Warum allerdings ein Defekt wegen Laufzeitüberschreitung der Batterie(zellen) SELBST NACH ihrem Austausch ausgeschlossen werden soll, überrascht einen Normal-Batterie/Akkunutzer schon... Unter dem Strich wäre u.U. eine technologische Überarbeitung bei U-Booten allgemein fällig; wenn, wie Kommentator "Rogald" (Dienstag, 12.Dezember, 00:43 Uhr) andeutet, grossartig falsch mit diesen 'geschlossenen Bauteilen' umgegangen werden kann, ist am U-Boot zuerst vielleicht mehr kaputt gegangen, als man bislang noch vermutet.

Rogald, Dienstag, 12.Dezember, 00:43 Uhr

10. Bedienungsfehler

Die Batterien wurden vor 6 Jahren eingebaut. Das Boot lief offenbar seitdem störungsfrei. Die Batteriekammern sind normalerweise wasserdicht. Jetzt herzukommen mit Korruption oder mit schlechtem Material ist ein schlechter Witz.Auch die in Bulgarien hergestellten Batterien von Enersys haben nato-Qualität. Korruption dürfte kaum zu einer Explosion geführt haben.
Das Boot wird man heben und dann sehen.

Alter Native, Sonntag, 10.Dezember, 12:30 Uhr

9. Die Deutschen sollen zahlen

Ich habe noch nie solchen Unsinn gelesen. Dass in einem deutschen Medium solche haltlosen Behauptungen kritiklos übernommen werden, ist eine Schande für die rückgratlosen deutschen Medien. Eine Batterie ist dazu da, elektrische Energie zu speichern. Wenn Salzwasser in ein U-Boot eindringt, wird jede elektrische Leitung, die gegen den Rumpf eine Spannung von wenigstens 5 Volt führt, Ursache und Ort der Elektrolyse sein. Das hat nichts mit den Batterien zu tun, sondern mit der elektrischen Energie, die die speichern und mit dem Salzwasser.
Bei der Elektrolyse entsteht Wasserstoff und Sauerstoff, die zusammen das hochexplosive Wasserstoff-Knallgas bilden.
Wenn ich höre, dass die letzte Meldung des Uboots von einem Wassereinbruch handelte und drei Stunden später eine gewaltige Explosion noch in 8000km Entfernung nachgewiesen werden konnte, würde ich nicht zuerst fragen, wer die Batterien vor Jahren geliefert hat, sondern wer das sofortige Auftauchen und Öffnen der Luken vergessen hat.

Hallo, Samstag, 09.Dezember, 22:05 Uhr

8. "wurde unter den Teppich gekehrt und nicht verfolgt."

Das ist eine beliebte Problemlösungsstrategie in fast allen größeren Behördenapparaten. Auch bei uns.

Hätten sich die Firmen an die Regeln gehalten und wären die Regelverstösse geahndet worden...
Hätten, wäre... Am Ende wird man die Besatzung für das Unglück verantwortlich machen. Die wehren sich nicht mehr...

Belo, Samstag, 09.Dezember, 18:12 Uhr

7. Vorverurteilung

In meiner Bundeswehr Zeit war ich einige hundert seetage mit einem ähnlichen u-boot unterwegs, daher kann ich die Erklärung mit dem Wasser in der Batterie nicht glauben. Die batterieräume sind absolut dicht, selbst wenn das boot für einen notausstieg komplett geflutet werden muss. Beim schnorcheln und schwerem See ganz ist Wassereinbruch über den schnorchel, in geringen Umfang normal. Die besatzung muss nur die menge im auge behalten. In meinen augen ist ein modernes u-boot das wohl sicherste fahrzeug. Da müssen schon technisches versagen und grobe fehler der besatzung zusammenkommen um so ein boot zu versenken. Deshalb kann man erst mehr sagen wenn die ursache geklärt ist, bevor man irgend jemand die Sache indirekt in die Schuhe schiebt.3

  • Antwort von Alter Native, Sonntag, 10.Dezember, 12:41 Uhr

    Was ist mit allen stromführenden Leitungen? Sind die auch alle so gegen Wasser-Kontakt isoliert, dass bei einem Salzwasser-Eintritt keine Knallgas-Elektrolyse eintritt? Gibt es Anweisungen, was nach Wassereintritt zu tun ist? Gut, dass Sie sich auskennen. Wahrscheinlich hat die argentinische Marine keine Erfahrungsträger gehabt.