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Bedarf im Boom "Alle wurden gebraucht"

Mit dem Wirtschaftsaufschwung in der Bundesrepublik ab Mitte der 1950er-Jahre fehlten in vielen Branchen plötzlich Tausende von Arbeitskräften. Damit begann die Geschichte der sogenannten "Gastarbeiter" in Deutschland.

Stand: 26.10.2011 | Archiv

Facharbeiter bei Siemens | Bild: Siemens Corporate Archives

Heute kaum vorstellbar, aber es gab in Deutschland einst Zeiten der Vollbeschäftigung. Der Wirtschaftsaufschwung ab Mitte der 1950er-Jahre brachte es sogar mit sich, dass manche Branchen ihren Bedarf an Arbeitskräftskräften nicht mehr decken konnten. Man holte sie sich aus dem Ausland. "Egal welchen Beruf man ausübte, alle wurden gebraucht", erinnerte sich ein Angeworbener in einem Interview für die im Jahr 2000 erschienene Dokumentation "Zur Geschichte der Gastarbeiter in München". 1955 schloss die Bundesrepublik das erste Anwerbeabkommen mit Italien, 1960 folgten entsprechende Verträge mit Spanien und Griechenland, 1961 mit der Türkei.

Türkischer Gastarbeiter in Wohnheim | Bild: Bayerischer Rundfunk zum Video 50 Jahre Anwerbeabkommen Wie alles begann

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Abgesehen von Spezialisten wie Fachärzte kamen zunächst vorwiegend Arbeitskräfte für gering qualifizierte Tätigkeiten, für die sich kaum deutsche Interessenten fanden. Mit solchen Jobs konnten die Angeworbenen aber immer noch mehr verdienen als in den damals armen Herkunftsländern am Mittelmeer. Deutsche Firmen nahmen sie bereitwillig auf, mussten doch in den meisten Fällen nur Löhne der untersten Tarifgruppe gezahlt werden. Zudem waren diese Arbeitskräfte gefügig. Das hing unter anderem damit zusammen, dass sie kein Deutsch sprachen und sich darauf einstellten, nach wenigen Jahren wieder in ihre Heimat zurückzukehren - so wie es die Anwerbeabkommen für die Aufnahme sogenannter "Gastarbeiter" vorsahen.

Initiative von Ankara

Noch in der Türkei

Im Unterschied zu Italien war im Fall der Türkei die Initiative nicht von Deutschland ausgegangen. Ankara wollte den Vertrag. Man erhoffte sich damit die Entlastung des eigenen Arbeitsmarktes und auch eine Modernisierung der heimischen Wirtschaft durch gut ausgebildete Rückkehrer. Außerdem versprach man sich von den Gastarbeitern in Deutschland, dass deren Rücküberweisungen genug Devisen einbrachten, um das türkische Handelsbilanzdefizit auszugleichen.

Handwerker als Straßenkehrer

Gering qualifiziert waren allerdings längst nicht alle angekommenen Türken. Nicht wenige Akademiker, Handwerker oder Facharbeiterinnen mussten sich in der Fremde jedoch als Straßenkehrer oder Putzfrauen verdingen - zumindest zunächst. Die Bewerber wurden in erster Linie nach Bedarf verteilt. Das heißt aber nicht, dass deutsche Behörden nicht versuchten, Gastarbeiter ihren Fähigkeiten entsprechend einzusetzen. So arbeiteten zahlreiche türkische Kumpel im damals in Deutschland boomenden Bergbau, zum Beispiel im oberbayerischen Penzberg. Großen Bedarf an Arbeitskräften hatten auch die Sparten Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektrotechnik, Optik oder Bekleidungsindustrie. So stellten praktisch alle Münchner Großbetriebe - MAN, Krauss-Maffei, Siemens, Agfa oder Konen - ausländische Arbeitnehmer in großem Stil ein. In der Fertigung bei BWM bestand die Belegschaft zeitweilig zu 90 Prozent aus Gastarbeitern.

Der Traum vom Eigenheim

Türkische Familie im Heimatort

Ob sie nun den gewünschten Job erhielten oder nicht - die meisten Arbeiter aus dem Süden hatten denselben Traum: im kalten Norden einige Jahre lang genug Geld verdienen, um nach der Rückkehr in die Heimat ein Haus zu bauen oder ein Geschäft eröffnen. Es gab aber auch andere Motive. So wollten junge Leute die Möglichkeit nutzen, etwas Neues im Ausland auszuprobieren. Unter ihnen befanden sich auch viele Frauen, die sich oft allein auf den Weg machten.

Anwerbestopp

Facharbeiter bei Siemens

Außer mit den genannten Staaten gab es noch Anwerbeabkommen mit Portugal, Marokko, Tunesien und Jugoslawien. Bis 1973 wurden Gastarbeiter kontinuierlich angeworben. Doch infolge der Ölkrise und der sich anschließenden Rezession verhängte die sozialliberale Regierung unter Bundeskanzler Willy Brandt im selben Jahr einen Anwerbestopp. Zu jener Zeit lebten mehr als eine halbe Million Türken in Deutschland.

Familiennachzug

Drei Generationen

Damals hatten sich zahlreiche Türken längst fürs Bleiben entschieden und holten Angehörige per Familiennachzug, der in den 1970er-Jahren erlaubt worden war, nach Deutschland. Außerdem kehrte nach dem Anwerbestopp so mancher Türke nicht in seine alte Heimat zurück, weil er danach womöglich keine Aufenthaltserlaubnis mehr in Deutschland bekommen hätte. Nach dem Militärputsch von 1980 in der Türkei kamen zudem politische Flüchtlinge ins Land. Heute leben hierzulande etwa 2,3 Millionen Menschen türkischer Abstammung, 500.000 von ihnen erwarben die deutsche Staatsangehörigkeit. In Bayern wohnen rund 300.000 Menschen mit türkischen Wurzeln.


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