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Multiresistente Keime Wenn Antibiotika nicht mehr wirken

Jetzt ist es wohl auch dem Letzten klar: Wir haben ein massives Problem mit sogenannten Antibiotika-Resistenzen. Sogar die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat sich damit befasst. Was genau ist daran so gefährlich? Und was wird getan, um das Problem zu lösen?

Von: Birgit Magiera

Stand: 30.09.2016

Forschung Antibiotika - Multiresistente Keime | Bild: picture-alliance/dpa

MRSA ist der "Superstar" unter den gefährlichen Keimen. Der multiresistente Staphylococcus aureaus ist einer der häufigsten unter den sogenannten Krankenhauskeimen. Und die gute Nachricht zuerst: in den vergangenen Jahren sind mehrere neue Medikamente zugelassen worden, die gegen MRSA wirken.

Die schlechte Nachricht ist: neben MRSA gibt es zum Beispiel noch VRSA, KPC oder MRGN, um nur einige Bakterienstämme zu nennen, die sich von den Waffen der Ärzte immer weniger beeindrucken lassen. Die Folge: 10.000 bis 15.000 Menschen sterben jedes Jahr an einer nicht behandelbaren Infektion mit diesen Keimen.

"Bislang war das Problem beherrschbar, weil wir immer wieder neue Ersatzantibiotika bekommen haben. Und das hat sich geändert in den letzten Jahren, weil die großen Pharmafirmen aus der Antibiotikaforschung ausgestiegen sind, der shareholder value steht noch viel stärker im Vordergrund als früher und da setzt man vor allem auf chronische Erkrankungen. Denn sie wollen ja langfristig möglichst jahrelang an den gleichen Patienten möglichst verkaufen. Es ist zynisch, aber das ist einer der Gründe."

Andreas Peschel, Universität Tübingen

Es gibt kaum Forschung, weil sich mit Antibiotika nicht das große Geld verdienen lässt, sagt Andreas Peschel. Er ist Professor für Mikrobiologe an der Uni Tübingen. Außerdem: keine gewinnorientierte Firma will mit viel Aufwand einen neuen Wirkstoff entwickeln, um ihn hinterher möglichst selten zu verkaufen. Antibiotika behalten ihre Wirkung dann am längsten, wenn sie so selten wie möglich verabreicht werden. Deshalb ist auch der sorglose und großzügige Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung ein Riesenproblem.

"Wir sind uns ziemlich sicher, dass ein großer Teil der Resistenzen in der Tiermast entsteht, weil wir in gigantischem Ausmaß - das sind weit über 1.000 Tonnen pro Jahr - Antibiotika in der Tiermast verwenden. Dort werden die meisten resistenten Bakterien erzeugt. Und die kommen dann mit den Fleischprodukten zu uns. Wenn wir an der Stelle nicht stark gegenreagieren, dann werden wir das Problem nicht lösen können."

Andreas Peschel, Universität Tübingen

In der Fleischproduktion werden in Deutschland doppelt so viele Antibiotika verabreicht, wie in allen Arztpraxen und Kliniken zusammen. Weltweit ist der Anteil nochmal deutlich höher. Ein weiteres Problem sind mangelnde Hygiene und Infektionskontrolle in den Krankenhäusern.

Auch da geht es wieder ums Geld. Denn es kostet Arbeitszeit und Personal, den Keim an der Ausbreitung zu hindern. Aber das dickste Brett muss tatsächlich die Forschung bohren. Neuartige Wirkstoffe müssen her, vielversprechend sind ausgerechnet Viren, sogenannte Bakteriophagen, also Bakterienfresser.

"Phagen – biologisch gesehen Viren, aber ganz spezifisch nur gegen Bakterien. Und dieses Spezifische das macht sie so attraktiv als tatsächlich neues Medikament, alternative Option zu Antibiotika, wenn Antibiotika nicht mehr helfen."

Christine Rohde Mikrobiologin aus Braunschweig

Während die Mikrobiologin Christine Rohde aus Braunschweig in Wassertümpeln nach neuen Antibiotika sucht, ist ihr Tübinger Kollege Bernhard Krismer in der menschlichen Nase fündig geworden. Dort hat er ein Bakterium entdeckt. Staphylococcus lugdunensis heißt es, und es hindert seinen bösen Verwandten, den Staphylococcus aureus, den berühmten MRSA, offenbar daran, sich auszubreiten.

"Das heißt, es war um die Kolonie von lugdunensis herum eine schöne Hemmzone, wo kein Staphylococcus aureus wachsen konnte. Und dann war natürlich klar – der produziert irgendwas, was den aureus auf Distanz hält."

Bernhard Krismer Tübingen

Neben völlig neuen, sind auch uralte Ideen gegen die multiresistenten Keime willkommen. 50 Jahre alte Antibiotika, die lange nicht verschrieben wurden, werden jetzt neu erforscht und angewendet. Immer wieder sind sie sogar die letzte Rettung.


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