16

Folgen des Münchner Amoklaufs Die vergessenen Opfer

Der Amokschütze von München erschoss neun Menschen, vier verletzte er durch Schüsse. Doch die Zahl der Opfer liegt weit höher. Denn neben Angehörigen fällt es auch vielen Augenzeugen schwer, in ein normales Leben zurückzufinden. Sie arbeiten jeden Tag daran, das Erlebte zu verarbeiten. Nicht jeder zeigt dafür immer Verständnis – vom Arbeitgeber bis zu staatlichen Stellen.

Von: Lisa Wurscher

Stand: 20.07.2017

Blumen vor dem Eingang des Olympia-Einkaufszentrums in München | Bild: picture-alliance/dpa/Matthias Balk

Vor wenigen Tagen in der Münchner Großmarkthalle. Wir sind mit Faruk  Sazil verabredet, den wir seit fast einem Jahr mit der Kamera begleiten. Der Obsthändler betreibt einen kleinen Straßenstand am Olympia Einkaufszentrum und wurde Augenzeuge des Amoklaufes. Das hat sein Leben verändert.

"Mir geht es psychologisch auf der einen Seite gut, weil ich wieder arbeiten kann. Das ist für mich eigentlich das beste Medikament, die beste Therapie. Andererseits brauche ich das, weil ich nicht so gut schlafen kann. So ist es."

Faruk Sazil, Augenzeuge

Eine Trauma-Therapie musste er im Winter unterbrechen, weil er kein Geld hatte, um seine Krankenkassen-Beiträge zu bezahlen.

Ein Einschussloch auf einer Preistafel. Faruks Obststand befand sich genau in der Schusslinie.

Ein paar Wochen nach dem Amoklauf treffen wir Faruk Sazil zum ersten Mal. Es grenzt an ein Wunder, dass der damals 31-jährige Familienvater noch am Leben ist. Sein Obststand lag mitten in der Schusslinie des Täters. Er zeigt uns die Einschusslöcher an dem Gestänge seines Standes und an den Preistafeln. Er war mitten in der Schusslinie. Sein Straßenstand wurde von Kugeln durchlöchert.

Kunden meiden den Ort

Trotz der schrecklichen Erlebnisse arbeitet er dort weiter. Öffnet jeden Morgen seinen Stand - aber die Kunden bleiben aus. Vor dem Amoklauf war das ein guter Standort. Doch die Erinnerung an die Morde ist noch so nah und die Kunden meiden diesen Ort. Am OEZ liegen Blumen, Tafeln und Kerzen für die Opfer.

"Viele Bewohner, die hinter dem Olympia Einkaufszentrum wohnen, möchten die Hanauer Straße nicht mehr benutzen. Sie möchten die Blumen und Kerzen nicht mehr sehen. Damit meine ich nicht, dass die weg geräumt werden müssen, sondern die Leute möchten sie nicht mehr sehen. Es ist schon genug Tragödie."

Faruk Sazil, Augenzeuge

Keine Unterstützung für Sazil aus den Hilfstöpfen für Verbrechensopfer

Im Herbst ist die Obstsaison zu Ende. Während der Wintermonate hat der Familienvater einen schlecht bezahlten Job als Paketfahrer angenommen und arbeitet zusätzlich sonntags in einer Bäckerei. Das reicht zum Überleben - aber die Schulden, die nach der Tat aufgelaufen sind, kann Sazil damit nicht tilgen. Als wir ihn im März besuchen, kämpft er erstmals im Leben mit den großen finanziellen Engpässen, in die er durch die Folgen des Amoklaufs geraten ist. Monatelang versucht er, Unterstützung aus einem der zahlreichen Hilfstöpfe für Verbrechensopfer zu bekommen. Vergeblich.

"Nach dem Amoklauf vier Monate bis zum Ende der Saison, konnte ich meine Geschäftsausgaben nicht bezahlen, meine Krankenversicherung zum Beispiel. Ich habe viele Mahnungen bekommen, zum Beispiel auch für Strom von den Stadtwerken München. Den konnte ich auch nicht bezahlen."

Faruk Sazil, Augenzeuge

Nach der Winterpause, vor vier Monaten, will er seinen Obststand wieder aufbauen, aber die Stadt München erteilt ihm keine Genehmigung mehr. Denn an seinem ehemaligen Standplatz errichtet die Stadt München ein Denkmal, das an die Amok-Opfer erinnern soll. Die Suche nach einem neuen Standplatz: schwierig! Wochenlang hat man ihm versprochen, einen anderen Standplatz zu suchen. Er wurde immer wieder vertröstet.

Neben dem Trauma auch noch Existenzängste

Faruk Sazil hat den Amoklauf überlebt, aber danach plagen ihn Existenzängste. Und er ist nicht der einzige, dem es so geht. Auch in Wahid Hakimis Leben ist nichts mehr wie es vor dem schrecklichen Amoklauf am 22. Juli 2016 war. Der Vater von vier Kindern war damals Kaufhausdetektiv beim nahe gelegenen Saturn und einer der ersten, der am Tatort geholfen hat. Noch bevor der erste Polizeiwagen eintrifft, kümmert er sich auf dem Gehsteig um die schwer verletzten Jugendlichen. Der Amokläufer ist nur 15 Meter entfernt. 

Wir besuchen Hakimi zuhause. Die Idylle trügt. Die grausamen Bilder von damals lassen ihn bis heute nicht los.

"Auch jetzt, wenn ich darüber rede, glauben Sie es mir, ich bin jetzt live im OEZ. Ich bin jetzt live. Ich sehe jetzt alles wieder. Immer noch."

Wahid Hakimi, Augenzeuge

Als selbständiger Detektiv war Hakimi zwölf Jahre lang bei Saturn im Einsatz. Kurz nach dem Amoklauf der nächste Schock: Der Vertrag mit der Firma, für die er als Subunternehmer tätig war, wird nicht mehr verlängert. Er fällt in ein Loch. Wahid Hakimi bekommt Panikattacken, wenn er einen jungen Menschen mit Rucksack sieht. Denn dann sind diese Bilder in seinem Kopf. Die Bilder des Amoklaufs. Er wird arbeitsunfähig und muss Hartz IV beantragen. Das fällt ihm sehr schwer. Noch nie in seinem Leben hat er Arbeitslosengeld bezogen, jetzt ist es plötzlich soweit.

Hilfsfonds der Stadt München über 500.000 Euro

Die Tat hat viele Augenzeugen traumatisiert. Direkt danach betreuen Krisenhelfer 1.500 Menschen. Mindestens 100 davon leiden bis heute. Die Stadt München hat eine halbe Million Euro in einem Fonds bereit gestellt. Geld für die Angehörigen der Opfer, für Schwerverletzte, aber auch für traumatisierte Augenzeugen.

"Wir haben einen jungen Mann unterstützt, der hat einer Frau helfen wollen und er war dabei. Er hat sie quasi beim Sterben begleitet. Den hat natürlich am Anfang niemand wahr genommen. Er selbst hat sich auch nicht gleich gemeldet und erst Tage später – und dann ist es ganz schwierig, das Trauma noch mal so richtig gut aufarbeiten zu können. Bei dem ist es so, der hat erst mal nicht mehr arbeiten können."

Ursula Hügenell, Leitung Sozialbürgerhäuser

Finanzielle Unterstützung vom Freistaat

Doch Kaufhausdetektiv Hakimi hat aus dem Hilfsfonds der Stadt keinen Cent bekommen. Keine Zuständigkeit, weil die Familie damals in einem anderen Landkreis wohnt. Ein Jahr lang kämpft er sich durch den Behörden-Dschungel. Erst während unserer Dreharbeiten wird Wahid Hakimi als Amok-Opfer anerkannt. Er erhält nun finanzielle Unterstützung vom Freistaat Bayern, bis er wieder arbeiten kann.

"Ich habe 22 Jahre lang, seit 1995, in Deutschland sehr hart gearbeitet. Habe ich auch gerne gemacht, das ist auch - glaube ich - die Pflicht von jedem Mensch. Ich bin jung, ich bin nicht krank, also von daher habe ich gerne gearbeitet: Aber es war der Moment, an dem ich halt nicht in der Lage war."

Wahid Hakimi, Augenzeuge

Die Zukunft ist weiter ungewiss

Obsthändler Sazil hat keinen Cent aus einem Hilfsfonds erhalten – aber zumindest einen neuen Platz für den Stand gefunden. Auf dem Grundstück des Olympia Einkaufszentrums. In dieser Saison macht er Umsatz, kann Schulden zurück zahlen und seine Trauma-Therapie fortsetzen.

"Ich schaue immer noch, wenn jemand mit Rucksack kommt, ein komischer Typ. Nicht Angst, aber ein komisches Gefühl. Auch das Geräusch, wenn ein Luftballon kaputt geht: Bam."

Faruk Sazil, Augenzeuge

Bis Oktober darf er mit seinem Obststand am neuen Standort noch bleiben, dann beginnt sein Existenzkampf von vorn.


16