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Prävention an Schulen Kann man Amokläufe verhindern?

Der Amokläufer von München hatte offenbar Probleme mit seinem sogenannten "Bildungslebenslauf". Kann man etwas tun, um Schüler von solchen Bluttaten abzuhalten? Kann man Amokläufe verhindern? Wie sieht es aus in Sachen Prävention an Schulen?

Von: Gerhard Brack

Stand: 29.07.2016

Silhouette eines Jugendlichen | Bild: imago/MITO

Wie erklären Lehrer ihren Schülern den Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum? Diese Frage stellten sich am vergangenen Montag Lehrer in ganz Bayern. Besonders drängend war die Frage selbstverständlich an Schulen im Münchner Norden, wo viele Kinder einen der Getöten oder den Täter persönlich kannten. So auch an der Mittelschule in der Simmernstraße. Birgit Dittmer-Glaubig ist dort stellvertretende Schulleiterin. Auch sie hat versucht ihren Schülern zu erklären, was da am Freitagabend passiert war.

"Amokläufe hat es schon immer gegeben, egal zu welcher Zeit und von welcher Gruppe von Menschen, das sind nicht nur Schüler, das sind auch Erwachsene, die eben in ihrer Form einfach krank sind und das, was sie tun, nicht mehr unter Kontrolle haben."

Birgit Dittmer-Glaubig, Lehrerin an der Mittelschule in der Simmernstraße

Sicherheitskonzepte an Schulen

Hilfe-Schild im Fenster des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums beim Amoklauf am 26. 4. 2002 | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Prävention von Amokläufen Wichtig ist die Wachsamkeit

Schon vor einem Amoklauf verhalten sich die Täter auffällig. Sie werden aggressiv oder eigenbrötlerisch, verändern ihr Aussehen und Auftreten. Anzeichen, die einen Amoklauf verhindern können, wenn sie rechtzeitig erkannt werden. [mehr]

Die Beschäftigung mit der Tat kann laut Ansicht von Experten dabei helfen, zukünftige Gewalttaten zu verhindern. Lehrer und Schüler könnten dafür sorgen, dass niemand in der Schule ausgegrenzt wird. Mittlerweile hat jede Schule in Bayern ein eigenes Sicherheitskonzept, und auch in Sachen Schulklima hat sich vieles verbessert. Am wichtigsten aber ist ein gewaltfreies Elternhaus, sagt Kriminologe Christian Pfeiffer. Denn: Potenzielle Amokläufer treibt oft zunächst der Wunsch, Selbstmord zu begehen. Und Kinder, die zuhause unter Gewalt leiden, denken häufiger über Selbstmord nach, sagt der Kriminologe Pfeiffer. Von den Jugendlichen, die in ihrem Elternhaus Gewalt erfahren, denken 48 Prozent über Selbstmord nach. Bei Jugendlichen aus intakten Familien sind es nur sieben Prozent. Nüchtern betrachtet heißt das für den Kriminologen: Ein Großteil der Selbstmorde junger Menschen wird durch lieblose und prügelnde Eltern produziert.

"Was wir tun können: uns um Menschen kümmern, die sichtlich in einer psychischen Notlage sind. Aber nicht mit dem Vorzeichen, der könnte ja ein Amokläufer werden, also muss ich mich jetzt um ihn kümmern! Sondern weil es eben tausende von jungen, depressiven Menschen gibt, die links liegen gelassen werden, die ausgegrenzt werden, die gemobbt werden, die zu Außenseitern werden."

Kriminologe Christian Pfeiffer

Niemand werde zum Amokläufer, der im Leben Selbstbewusstsein tanken kann. Ein Verbot von Killerspielen helfe dagegen kaum weiter:

"Die Spiele sind ein mentales Training zum Töten nur für solche, die im Leben gescheitert sind, die im sozialen Netzwerk vereinsamt sind, die gefährdet sind, die Hass schieben, die Wut schieben auf andere."

Kriminologe Christian Pfeiffer

Alarmzeichen Gewaltphantasien

Das Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt bietet Seminare gegen Radikalisierung und Gewalt an Schulen. Psychologe Mirko Allwinn rät dazu, genau hinzuschauen, wenn jemand Gewaltphantasien äußert:

"Ist das erstens vielleicht eine Drohung, die man ernst nehmen sollte? Oder handelt es sich um eine flüchtige Drohung, die vielleicht aus anderen Gründen geäußert wurde, oder jemand aus dem Affekt heraus was Dummes gesagt hatte?"

Mirko Allwinn, Psychologe

Auch wenn ein Schüler sich zurückziehe oder stark mit Gewalt beschäftige, könnten das Warnzeichen sein, so Allwinn. Andere Schüler, denen das auffällt, müssten dann unbedingt ihre Lehrer informieren.

Die aber sind aber auch manchmal machtlos, sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbands (BLLV):

"Prävention heißt, dass ich wachsam bin, dass ich hellhörig bin, dass ich als Lehrer hinschaue, dass ich nachfrage. Bei manchen Kinder bekommt man aber keine Antwort. Also, es gibt Grenzen der Prävention. Und wissen Sie, was das Schlimmste ist? Wenn Du als Lehrer spürst: Der Sebastian leidet, er leidet so extrem, und Du kannst ihm nicht helfen!"

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbands (BLLV)

BLLV fordert multiprofessionelle Teams

Der Lehrerverband fordert daher multiprofessionelle Teams in der Schule, die helfen können: Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Unterrichtsbegleiter in schwierigen Klassen, Beratungslehrer, Schulpsychologen, Förderlehrer, Krankenschwestern und Schulärzte. Derzeit gibt es für Bayerns Schüler insgesamt 880 Schulpsychologen. Damit seien die Schulen gut ausgestattet, heißt es im Kultusministerium. Die Zahl soll aber noch weiter erhöht werden. Doch auch das wird nicht jede Gewalttat verhindern können. Auch der Amokläufer von München war vor seiner Tat schon in psychologischer Behandlung. Seine Tat verhindert hat das nicht.


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Cosi, Freitag, 29.Juli 2016, 11:43 Uhr

1. Nein kann man nicht !

Es wird immer unberechenbare Menschen geben und Menschen die Beratungsresistent sind