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Münchner Runde Altersarmut macht Angst

Jahrzehnte lang gearbeitet und dann reicht die Rente nicht: In der Münchner Runde wird deutlich, dass der Kampf gegen Altersarmut schon in jungen Jahren beginnt. Denn das Sozialsystem "kann nicht alles ausgleichen."

Stand: 25.07.2018

Angst vor Altersarmut: Panikmache oder längst Wirklichkeit? | Bild: BR

Vor Kurzem war ihr Kühlschrank kaputt. Für Rentnerin Lioba Bichl eine extrem schwierige Situation. "450 Euro so plötzlich, das ist nicht möglich", sagt die 77-Jährige. Sie muss mit rund 900 Euro Rente auskommen - und das in München. Steigende Mieten und hohe Lebenshaltungskosten sorgen dafür, dass sie jeden Euro umdrehen muss. In der Münchner Runde erzählte sie, wie sie trotzdem über die Runden kommt: "Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich lebe einfach ein bisschen einfacher." Dabei hat Lioba Bichl 43 Jahre lang als Friseurin gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt. Zu wenig, wie sich jetzt zeigt. Denn sie kümmerte sich jahrelang um die Erziehung ihrer beiden Kinder und verdiente in dieser Zeit kaum.

450.000 ältere Menschen armutsgefährdet

In Bayern sind rund 450.000 ältere Menschen armutsgefährdet und Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Max Straubinger wies in der BR Fernsehsendung allerdings darauf hin, dass es immer auf die Interpretation der Zahlen ankomme. "Nur 2,8 Prozent in Bayern sind auf Grundsicherung angewiesen. Das heißt im Umkehrschluss: über 97 Prozent sind nicht auf Grundsicherung angewiesen." Die Grundsicherung müsse weiterhin auf einem Niveau angesetzt werden, bei dem es sich lohne, zu arbeiten. Zusätzlich müsse man rechtzeitig privat vorsorgen, denn: "Wir werden nicht jede Lebensentscheidung über unsere sozialen Sicherungssysteme ausgleichen können." Er lobte das Rentenpaket von Arbeitsminister Hubertus Heil und sagte, die CSU werde sich außerdem für eine Mütterrente ab dem zweiten Kind einsetzen.

Armut als gesellschaftliche Aufgabe

Der Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele, geht das nicht weit genug. "Das Rentensystem muss auf eine breitere Basis gestellt werden", forderte die blinde Biatlethin. "Armut ist eine gesellschaftliche Aufgabe, das muss eine Gesellschaft ernst nehmen." Sie schlug vor, über eine höhere Vermögenssteuer oder Finanztransaktionssteuer mehr Geld in die Rente fließen zu lassen.

Rechtzeitig an die Vorsorge denken

Allerdings waren sich in der Münchner Runde alle einig: Es kommt oft auf den Einzelfall an. Viele Rentner auf dem Land leben beispielsweise in einer eigenen Immobilie und kommen dementsprechend mit der Grundsicherung leichter aus, als Lioba Bichl. Nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hatte, waren die wenigen Ersparnisse der Friseurin schnell weg. Demnächst zieht sie in eine 30-Quadratmeter Wohnung in München - 530 Euro Miete. Keiner in der Runde konnte versprechen, dass sich die Situation für künftige Rentner leichter darstellt. Daher appellierte die Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld an die Jüngeren, sich rechtzeitig Gedanken zu machen: "Das Gefühl dafür entwickeln, dass man schon in jungen Jahren daran denken muss, wie man vorsorgt."


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