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Zehn Jahre in Giesing Unruhe im kleinen gallischen Dorf

Hätte es in Giesing vor 100 Jahren Webcams gegeben - wir könnten im Zeitraffer zusehen, wie im stetig anschwellenden Verkehrsstrom felsenhaft Bauten auftauchen oder verschwinden: die neue Post, der Agfaturm, Wirtshäuser, das Kaufhaus. Gerade läuft der Film besonders schnell. Eine Langzeitbetrachtung mit hektischem Finale.

Von: Michael Kubitza

Stand: 26.10.2017

Wenn da mal nichts abrutscht, denkt der Nicht-Giesinger, der von unten zur Heilig-Kreuz-Kirche aufschaut. Wie ein Relikt aus dem Mittelalter sieht sie aus und klammert sich doch erst seit 1886 an den Berg, der die alten Arbeitervorstädte Obergiesing und Untergiesing trennt. 2003 galt der Turm tatsächlich als einsturzgefährdet. Lange wurde er saniert. Gerutscht ist nichts.

Legal plattgemacht: das alte Kaufhaus (2011)

Ins Rutschen geraten sind dafür die Verhältnisse rund um die zweihundert Meter weiter gelegene Tegernseer Landstraße, wo seit jeher das Giesinger Leben tobt. Hier treffen inmitten von Gemüseständen und kleinen Geschäften drei Hauptstraßen aus vier Himmelsrichtungen aufeinander. Autos hupen, Radler schimpfen, die Tram bimmelt, im Berg röhrt die U-Bahn.

Verbotenerweise plattgemacht: das alte Uhrmacherhäusl gleich hinterm ehemaligen Kaufhaus (2017)

Selbst drüberfliegen wäre schwierig: immer wieder kreisen Abrissbirnen und Kräne. Und als reichte das nicht, machte zuletzt ein Bagger ein unter Denkmalschutz stehendes Häuschen platt - ein illegales, aber möglichweise lukratives Treiben. Seither diskutiert halb Giesing über Möglichkeiten, den Immobilienirrsinn zu beruhigen. Über Verkehrsberuhigung wird (gefühlt) eh seit der Erfindung des Automobils diskutiert.

Der Bezirk fordert eine große Lösung. Realisiert wird 2015 erstmal eine kleine Lösung - ein Radweg zwischen Tegernseer Platz und Grünwalder Stadion, der seither von in zweiter Reihe parkenden Autos genutzt wird. Im Gespräch sind außerdem: eine Fußgängerbrücke bei der Kirche, ein Tunnel am Mittleren Ring, eine Trambahn-Südtangente Pasing-Sendling-Giesing. Realisierung? Irgendwann. Gegebenenfalls.

Vor dem Krieg: Die Kirche, die Post, der Wirt

Am Tegernseer Platz hat der Architekt Robert Vorhoelzer 1929 seinen Postbau im neuen Stil hingestellt: Fast so hoch wie das Kirchenschiff von Heilig Kreuz, ganz in weiß, mit "Automatenpost" und dem schicken Café Tela im flachen Vorbau. Viele hätten die "Postkiste" wohl für ein UFO gehalten - wenn man solche schon gekannt hätte. Jedenfalls war sie damals und dann wieder nach dem Krieg Magnet für Künstler und Zeitgeistgenossen - Leute, die man sonst eher in Schwabing fand.

Die Ur-Giesinger erledigten ihre Geschäfte lieber schräg gegenüber beim Schweizerwirt. Hier gründete sich 1910 der Giesinger Bauverein, eine Genossenschaft, die dafür sorgen wollte, dass die Leute nicht schon deshalb am Stammtisch versumpften, weil sie es zu sechst in der engen Zweizimmerwohnung nicht ausgehalten hätten. Im Februar war hier eine Hochburg des Münchner Faschings, im Sommer ging man in den Biergarten und ganzjährig auf den weitum bekannten Hundemarkt.

Nach dem Krieg: Das Kaufhaus

Der Beckenbauer: 1978 als Neu-New Yorker auf Heimaturlaub

Gut möglich, dass auch diese zwei Halbstarken hier spektakelten: Franz Beckenbauer und Max Greger - jedenfalls wuchsen beide ums Eck auf. Der eine wurde kurz darauf in Moskau als King of Swing gefeiert, der andere etwas später in New York als Fußballkaiser. In Giesing aber war 1962 Schluss mit lustig. Das Wirtshaus mit Hundemarkt musste einem Kaufhaus mit Parkdeck weichen.

"Auch dieser Biergarten ist einem umsatzreicheren Geschäft gewichen. Nicht mehr Waldis, Susis und Hassos werden hier verkauft, sondern Plastikkübel, Büchsenfleisch, Kunststoffgardinen. Nützliche Dinge, aber farblose."

BR-Bericht 1962 (zu sehen unten im Zeitstrahl)

Fasching hieß jetzt Winterschlussverkauf. Und das Künstlercafé Tela wechselte die Straßenseite, um direkt neben dem Kaufhaus Kepa Kännchenkaffee an toupierte Damen auszuschenken. Immerhin: Das Kaufhaus brachte genug Zulauf, um auch die vielen kleinen Geschäfte drumrum am Leben zu halten.

Die Löwen, die Pleite und ein Hafen

Der Müller: Maden im Brot, Filiale tot

Als wäre es nicht schlimm genug gewesen, dass die "Sechzger" 2005 ihre Löwenhöhle verließen, machte 2009 das Kaufhaus pleite. 2010 schloss das Café Tela. Der Müllerbäcker und der Schlecker gingen sowieso ein, die anderen kämpften ums Überleben. Nur der Verkehr tobte ungerührt weiter. Und dann lag Giesing plötzlich für ein Jahr am Meer.

Puerto Giesing: Aus Hertie wird Hafen

2010/11 erklärt eine Gruppe von "Eventgeneratoren" das Abbruchhaus für ein Jahr zum Ort für Kunst, Musik, Ideen und Debatten. "Wenn man sowas im coolen Glockenbachviertel durchzieht, bekommt man mehr Ärger mit Anwohnern. Giesing ist sehr entspannt, unspießig", sagt die Organisatorin Zehra Spindler.

Die Meinungen im Viertel sind naturgemäß geteilt. "Die jungen Leit versaufen das ganze Geld, strohdumm werns dabei und feiern wie die Wahnsinnigen am Ende des Zeitalters", schreibt einer in einem Forum. Puerto-Afficionados fühlen sich an das Berliner Tacheles und das Hamburger Gängeviertel erinnert. Plötzlich hat Giesing zu seinen 50.000 Einwohnern noch über 10.000 Facebook-Fans in Schwabing und New York. Und ein Gefühl dafür, dass man den letzten Teil der Geschichte auch anders erzählen kann.

Zeitmaschine: Abbruch trifft Aufbruch am Tegernseer Platz

Giesing heute: Neue Farben in der Nachbarschaft

Zwischenbilanz: 60 Nationalitäten leben hier. Die springflutartig steigenden Mieten im Glockenbachviertel und der Au spülen Studenten, Musiker und Freiberufler den Berg hoch, die es spannend finden, dass manche Giesinger Omas beim Metzger statt Boeuf Bourguignon "a halbs Pfund Beuscherl" bestellen. 100 Meter südlich vom alten Hertie veröffentlicht seit 40 Jahren das Plattenlabel Trikont Karl Valentin, griechischen Rembetiko und das japanobayerische Duo Coconami ("Isarmärchen"). 50 Meter östlich dreht der BR "Hammer & Sichl"; als "Tatort" hat sich Giesing schon öfter bewährt. Nicht weit entfernt wohnen zwei Schriftsteller, deren von der Kritik hochgelobte Krimis auch in Giesing spielen: Friedrich Ani ("Killing Giesing", "Tabor Süden") und der gebürtige Grazer André Pilz ("Man Down").

2013: Links wird saniert, rechts fällt schon wieder der Putz.

Auch die Hauswände des angegrauten "kleine-Leute-Bezirks" sind farbiger geworden. Das Geschäftshaus an der Stelle des Hertie hat eine fade Lochfassade, aber ein goldenes Dach. Nebenan gibt es jetzt Design und einen Bioladen - und drumherum statt alten Industrie-Ikonen immer neue Wohnviertel. Paulaner ist auf dem Sprung; Nudel Bernbacher und Osram bereits ausgezogen, und wo Agfa war, blühen schon Balkonpflanzen.

Einigen wird es langsam zu bunt. Sie spüren die Gentrifizierung - jene innerstädtische Völkerwanderung, bei der sich zu den Malochern erst Musiker und Maler gesellen und später die Makler. Am Ende kann die Mehrheit ihre Miete nicht mehr zahlen.

Viele Giesinger fürchten den Aufstieg ihres Viertels wie 1860 den Abstieg. Zehra Spindler von Puerto Giesing, sieht das gelassener: "Giesing ist wie das kleine gallische Dorf. Da beißen sich die Investment-Haie die Zähne aus." Aber Zehra ist ja schon wieder woanders, nämlich in eine zum Abriss freigegebene Druckerei in Freimann. Giesing würde gern noch etwas bleiben. Abrutschen jedenfalls wird Münchens "Upper East Side" in den nächsten Jahren ebensowenig wie die Heilig-Kreuz-Kirche.


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