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Rundgang zur Gentrifizierung Der Luxus der Anderen

20 Prozent mehr Miete. Alle drei Jahre. Rechtlich ist das in Ordnung, menschlich oft eine Katastrophe. Einige Mutige kämpfen nun gegen Unwissen und Wucher. Bei einem Rundgang durch München schildern sie, was Mietern und Vierteln widerfährt - und weshalb dennoch Hoffnung erlaubt ist.

Von: Veronika Beer

Stand: 10.04.2013

Ein Bauzaun und eine Figur mit der Aufschrift "Hier stirbt ein Stück Münchner Kultur" sind auf einer Straße in München in Schwabing zu sehen | Bild: picture-alliance/dpa

Münchner Westend, Schwanthalerstraße. Die Jahreszeiten und Jahrzehnte haben die Aufschrift vom Riedwirt gewaschen. Seit 1864 steht das Haus mit den vielen winzigen Wohnungen darüber an der Ecke zur Schießstättstraße. Nun kommt es weg - Spätklassizismus, Konsolgesims und Denkmalschutz hin oder her. Stattdessen soll ein sechsstöckiges Hotel mit zwei Luxuslofts nah bei der Theresienwiese stehen. Das erzählt Andrea von Grolman vom Bündnis "Bezahlbares Wohnen" bei einem Rundgang durchs Viertel.

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Jedes Eck erzählt inzwischen vom Verdrängen und Verteuern. An der Ecke Bergmann- / Westendstraße etwa ist im zweiten Stock eines schwedenroten Hauses Käseleinen vor die Fenster gezogen. Dort wohnt die gut 90-jährige Rosa für 350 Euro pro Monat. Was gut klingt, war ein böser juristischer Kampf. Weil der Vermieter Böden, Bad und Toilette in der Wohnung neu machen ließ, sollte die Frau nach einem Dreivierteljahrhundert raus aus dem Dachgeschoss und statt 250 plötzlich 700 Euro Miete bezahlen - bei 900 Euro Rente. Eine vernünftige Wohnlösung kann sich anfühlen wie ein Lottosechser.

Stichwort Gentrifizierung

Unter dem Begriff Gentrifizierung, der vom englischen Wort "gentry" für "niederer Adel" stammt, versteht man die schleichende Aufwertung begehrter Viertel und Vertreibung der Eingesessenen, die sich ihre Wohnung nicht mehr leisten können.

"Skandalös, wie am Bürger vorbeigeplant wird"

Zu verdanken hat die alte Dame ihr Glück der anwaltlichen Beratung des Mietervereins, aber auch dem Zusammenschluss "Bezahlbares Wohnen" um von Grolman, das am Ende beim Umzug half. Sie und ihre Verbündeten haben nichts gegen eine moderne Stadt und ihre Investoren. Wenn allerdings Anleger um jeden Preis Profit machen wollen und das Jugendzentrum in einem sozialen Brennpunkt einem Bürogebäude weichen soll, in dem für die Jugend nur ein paar Räume im Souterrain übrig bleiben, wird von Grolman wild.

"Es ist skandalös, wie am Bürger vorbeigeplant wird", sagt die 63-Jährige, die Gentrifizierung am eigenen Leib erlebt hat. Ihr Vermieter wollte nach 30 friedlichen Jahren "alles, was gesetzlich möglich ist", also alle drei Jahre 20 Prozent mehr. Da konnte sich jeder im Haus an der Alten Messe ausrechnen, wann er ausziehen würde - und zwar nicht nur aus dem Block und dem Westend, sondern aus der Stadt.

Das Bündnis "Bezahlbares Wohnen"

Das Bündnis

16 Initiativen, Vereine und Mietergemeinschaften haben sich in München zum unabhängigen Bündnis "Bezahlbares Wohnen" zusammengeschlossen. Gerhard Lackinger und Andrea von Grolman (Foto) sind Vertreter von elf Gruppen, die sich für unterschiedliche Stadtteile verantwortlich fühlen und gemeinsam kämpfen.

Die Ziele

Ziel des Bündnisses ist es, Bürger, Vermieter, Wirtschaft und Politik über Recht und Wahnsinn auf dem Mietmarkt aufzuklären. "Der Entwicklung liegt ein Systemfehler zu Grunde. Wir wollen jedem klarmachen, dass etwas getan werden muss", sagt Andrea von Grolman - und zwar auf allen Ebenen: Bund, Land und Stadt.

Viele Investoren hätten kein soziales Gewissen, beklagt das Bündnis. Der Mensch bleibe auf der Strecke. Deshalb müssten neue Gesetze her. Genossenschaften zeigten, dass es auch anders gehe. Grolman: "Die renovieren nicht rein auf Kosten der Mieter ihre Häuser - sie haben Rücklagen und verlangen gemäßigte Mieten."

Die Ansätze

Das Mietrecht soll regionalisiert werden, um den überhitzten Münchner Markt abzukühlen. Dann könnten Bewohner von einer 20-prozentigen Mieterhöhung alle drei Jahre geschützt werden. Auch ein Verbot der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen oder eine stärkere Kontrolle durch die Stadt könnte helfen, heißt es von Bündnis-Seite.

Außerdem soll der Mietspiegel soll reformiert werden, um ihn vom Preistreiber zum Dämpfer zu machen. Er spiegelt laut Bündnis kein realistisches Bild der Mietpreise wieder.

Der Denkmalschutz soll nicht so leicht durch Investoren ausgehebelt werden können.

Schwabing und Maxvorstadt den Reichen

Die meisten Freunde des Bündnisses sind aktiv geworden, weil sie mit einem Mal selbst betroffen waren. Renate Ewald beispielsweise lebt seit vielen Jahrzehnten an der Schwabinger Türkenstraße. 2007 kam das Häuserensemble von privater Hand in die von Investoren; just fiel der Denkmalschutz. Offizieller Grund: ein früherer Umbau. Laut Ewald wurden aber nur Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg ausgebessert. Nun steht der Abriss bevor; es kann jederzeit losgehen. Der Schwebezustand ist es, der den Bewohnern seit Jahren schlaflose Nächte und Magenbeschwerden bereitet.

Sie geben die Hoffnung nicht auf: In der Schwabinger Türkenstraße kämpfen Mieter um ihr Häuserensemble.

Doch auch in der ziemlich aussichtslosen Lage geben die Bewohner - Sozialhilfeempfänger und Universitätsprofessoren - nicht auf. Sie haben eine Mietergemeinschaft gegründet und sind dem Bündnis "Bezahlbares Wohnen" beigetreten. Den Abriss haben sie nun seit Jahren hinausgezögert. Weil sie wissen, wann Mieten erhöht werden dürfen oder gemindert werden müssen. Weil sie ihre Rechte selbstbewusst einfordern. Was haben sie auch zu verlieren? Einzige Alternative ist es, die Innenstadt und sein Heimatgefühl kampflos zurückzulassen. Widerstand ist leichter.

"Die Investoren unseres Hauses baut ganz Schwabing und die Maxvorstadt um. Wir sitzen mittendrin wie das kleine gallische Dorf vom Asterix und lassen uns nicht so leicht vertreiben."

Renate Ewald vom Bündnis Bezahlbares Wohnen

Glockenbacher wird Giesinger

Wer sich Schwabing, den Glockenbach und andere zentrale Stadtteile nicht mehr leisten kann, findet mit Glück noch etwas in Giesings günstigen Winkeln. Doch längst haben auch die Investoren Maximilian Heislers Viertel entdeckt - viel zu wenige der so enorm nachgefragten Luxusobjekte gibt es für ihren Geschmack in München.

Nur noch auf Archivbildern findet sich das alte Kutscherhaus in der Birkenau 12 in Giesing.

Auch in der Birkenau ist es vorbei mit der einstigen Gemütlichkeit. Auf die Fassade eines der niedrigen, ursprünglich denkmalgeschützten Kutscherhäuser hatte jemand seinen Traum gesprüht: "Giesing erhalten". Nach dem Abriss ist davon nichts mehr übrig: Am Großkopfsteinpflaster, das vor Jahren extra verlegt wurde, um den Charme der nostalgischen Häuschen zu unterstreichen, ragen vierstöckige Wohnkolosse empor - für bis zu 8.000 Euro pro Quadratmeter. Für immer mehr alte Münchner wird die Stadt unbezahlbar. Der Luxus der Anderen zwingt sie hinaus aufs Land.

Hoffen im Hackenviertel

Im Hackenviertel rund um die Hundskugel, das Radspielerhaus und das Altheimer Eck geht eine Baustelle in die nächste über; die Damenstiftstraße vibriert unter Presslufthammern. Viele Fundamente hier stammen aus dem elften Jahrhundert und sind damit älter als das Rathaus. Auch bei Gerhard Lackinger wird saniert. Die Eigentümerfamilie hätte viel Geld in das Eckhaus stecken müssen. Auf Rat von Experten entschied sie sich zum Verkauf. "Hätte ich wahrscheinlich genauso gemacht", sagt der Österreicher, der seit 34 Jahren an der Damenstiftstraße daheim ist. Nur für den jetzigen Investor, der die Mieten in die Höhe schnellen lässt, fehlt ihm jegliches Verständnis.

Eines der ältesten Häuser Münchens, das hoffentlich noch lang in Eigentümerhand bleibt: Idas Milchladen

Der Wegzug aus dem Viertel sei seine persönliche Katastrophe, erzählt Gerhard Lackinger vor Idas Milchladen: "Hier geht ein Großteil meines Lebens verloren." Beim günstigen Imbiss im Viertel stehen die Leute bis auf die Kreuzstraße Schlange. Früher hatte Lackinger dort seine Milch mit der blechernen Kanne geholt. Den Brotzeitladen schätzen heute Manager wie Handwerker. Was vom Tag übrig bleibt, ist für die Obdachlosen der Stadt. Auch Inhaberin Ida Eppinger hofft alle Jahre wieder, dass sich die Hauseigentümer weiterhin die Mühe machen, eines der ältesten Häuser Münchens in Stand zu halten - und dass sie nicht verkaufen. Wer weiß, an wen.


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Ramses, Donnerstag, 11.April, 18:23 Uhr

5. Munchner Gentrifizierung

Was nun Herr Ude ? Sich staendig mit Muenchen und dem laengst ausgeuferten Oktoberfest zu schmuecken ist zu wenig ! Was haben Sie in den Jahren Ihrer Amtsfuehrung getan um diese unsoziale Entwicklung zu stoppen ? Das angeblich so lebens- und liebenswerte Muenchen traegt diese Attribute nur noch fuer Bestverdienende und Wohlhabende. Eine Stadt, die sich der Normalbuerger nicht mehr leisten kann, ist ein kuenstliches Gebilde und das sollten Sie und Ihre Koalition sich hinter die Ohren schreiben. Beschaemend, dass diese Entwicklung ausgerechnet unter der Fuehrung von Sozialdemokraten und Gruenen stattfindet...

Münchner1977, Mittwoch, 10.April, 21:46 Uhr

4.

Ich bin in der Max-Vorstadt geboren und aufgewachsen. Habe dort über 30 Jahre gelebt. Vor ein paar Jahren musste ich nach Moosach ziehen, kann mir als Handwerker die Mieten in der Max-Vorstadt nicht mehr leisten. Wie lange das nun in Moosach noch gut geht, weiß ich auch nicht. Werden ja jetzt schon auch hier Preise im Bereich von 5000 Euro pro Quadratmeter Eigenheim aufgerufen. Viele Häuser werden auch hier nun saniert und umgewandelt. Alte Einfamilienhäuser durch Betonblöcke mit Eigentumswohnungen ersetzt. Und die werden dann von "Investoren" im Dutzend aufgekauft und vermietet. Auch hier pendeln sich die Mieten mittlerweile bei 15.-€ pro Quadratmeter ein. Als Arbeiter soll man nun anscheinend der Stadt den Rücken kehren, täglich weite Wege zur Arbeit in Kauf nehmen und irgendwo ins Umland, hinter die letzte S-Bahnstation ziehen. Wie lange haben wir nun schon "Sozialdemokatische" Politiker in München an der Macht? Aber es geht wie überall nur noch ums Geld. Der Mensch zählt nix.

Enrico Pelocke, Dienstag, 29.Januar, 19:58 Uhr

3. Verbrecherstaat

"2007 kam das Häuserensemble von privater Hand in die von Investoren; just fiel der Denkmalschutz. Offizieller Grund: ein früherer Umbau. Laut Ewald wurden aber nur Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg ausgebessert." Schlimm, wie der Verbrecherstaat für die skrupellosen Profitmacher die Gesetze zurechtbiegt! Die brauchen sich gar nicht über die DDR aufzuregen. Und wenn sie sich trotzdem aufregen, ist alles nur Ablenkung von den heutigen Zuständen!

fred78, Freitag, 11.Januar, 14:10 Uhr

2. alle zusammen

muenchner muessten sich zusammenschliessen und richtig krawall machen. sonst erreicht man gar nix

untergrund, Freitag, 11.Januar, 14:09 Uhr

1.

Es ist schon heftig, was hinter Bayerns Fassaden so abgeht. GUt, dass es solche Bündnisse gibt, die aufschieben und Schlimmeres verhindern können. Danke für das Engagement.