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Vier Jahrzehnte Olympiapark Mona Lisas rote Augen

Zweckmäßig, sparsam, übersichtlich: So würde der Münchner Olympiapark, die Mona Lisa unter den Sportstätten, heute aussehen, wenn die ersten Pläne des Baureferats realisiert worden wären. Manchen wäre das sogar lieber. Doch es gibt auch die anderen. Und die gehen jetzt in die Offensive.

Von: Michael Kubitza

Stand: 29.07.2013 | Archiv

Zuschauer in bayerischer Tracht blicken vom Olympiaberg auf das Olympiastadion | Bild: Süddeutsche Zeitung Photo / Oswald Baumeister

"Nein, dazu haben wir nichts", sagt die Pressefrau der Olympiapark GmbH auf die Frage, ob ihr Unternehmen historisches Bildmaterial im Archiv hätte. Dokumente? Irgendwas? "Gar nichts". Das ist das Elend mit dem Münchner Olympiapark. Für die einen ist er ein Stück Zeitgeschichte, das man am besten in Formaldehyd einlegen sollte. Für die anderen ein Stück Grün, auf dem jeder machen soll, was er will. Gegen Bezahlung noch ein bisschen mehr - finden die Dritten. Das sind die, die den Tribünen des Olympiastadions 20.000 Rebstöcke aufpropfen, um eine Weinmesse zu dekorieren. Die den Rasen asphaltieren, damit DTM-Boliden darauf dröhnen. Oder gleich alles plattmachen wollen.

"Am besten ist, wir sprengen das Stadion einfach weg. Es wird sich doch ein Terrorist finden, der für uns die Aufgabe erledigen kann."

Franz Beckenbauer 1997

Für den Ex-Ober-Bayern war das eher elysisch als hexenkesselhaft angelegte Stadion ein Klotz am Bein - etwas, das Fußballer so wenig brauchen können wie Betriebswirte, die im Olympiapark bestenfalls eine traditionsreiche, aber kostenintensive Marke sehen. Doch es gibt auch die andere Sicht, die ein früherer Ober-Münchner formuliert hat.

"Ich hatte die Hoffnung, es werde mit Hilfe des Zeltdachs gelingen, unserer Zeit, ihren Spannungen, Hoffnungen und Empfindungen einen überzeugenden Ausdruck zu geben."

Hans -Jochen Vogel, Münchner Oberbürgermeister 1960 bis 1972

Rückblick: Bunter, teurer, härter - Olympiadebatten um 1972

Pläne

Dach-Chef Frei Otto mit einem Modell seines Werkes.

"Zweckmäßig, sparsam, übersichtlich" - so beschrieb Hans-Jochen Vogel höflich, was heute auf dem Olympiagelände stehen würde, wenn die ersten Pläne des Baureferats realisiert worden wären: Schuhschachtelstadien mit Sägezahndächern. Das Olympische Komitee (OK) fand das nicht ok und forderte einen Architektenwettbewerb. Am 3. Juli 1967 präsentierte eine Jury unter Vorsitz von Starachitekt Egon Eiermann in drei Messehallen 101 Entwürfe. Nach heftigen Debatten schloß sich die Mehrheit Eiermanns Votum für den Entwurf von Behnisch und Partner mit Frei Otto (Bild) an: "An der Schönheit der Sache ist nicht zu rütteln. (...) Ich bin überzeugt, wir können es."

Kosten

520 Millionen D-Mark sollte der Olympiark kosten, aufgeteilt auf den Bund, die Austragungsorte München und Kiel und ihre Bundesländer. Später dann 980 Millionen. Dann 1350 Millionen. "Dabei ist es geblieben", schrieb Hans-Jochen Vogel Anfang 1972. Einige Monate später zitiert der Spiegel den OK-Generalsekretär Herbert Kunze mit einer neuen Rechnung: 1972 Millionen, "eine unschöne Zahl, weil sie so nach Absicht aussieht." Als Gründe nennt Vogel das spektakuläre Dach (Bild: die Bauarbeiten), die Ansprüche der Sportverbände und die allgemeine Steigerung der Baukosten, mit der schon damals niemand rechnen wollte.

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Geldnot macht erfinderisch. Ab 1970 kommt jeden Samstag vor der Tagesschau die "Glücksspirale" - die Lotterieeinnahmen dienen der Olympia-Finanzierung. Auf Bierkrügen, Hemdkrägen und Kulturbeuteln wedelte Dackel Waldi, das welterste olympische Maskottchen. Und dann war da die Zehn-Mark-Olympia-Münze. Die Sondermünze fand reißenden Absatz - und unverhoffte Werbung aus der DDR. Der zweite deutsche Staat protestierte, unterstützt von der UDSSR, gegen den Aufdruck "In Deutschland", worauf die Münze mit neuem Aufdruck "In München" an den Start ging und erneut Abnehmer fand. Die Erstpressung entwickelte sich derweilen zum Renner in Osteuropa.

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Geldnot macht sammelwütig. Sponsoring war damals zwar streng untersagt - Spenden nicht. Die sechs deutschen Autokonzerne stellen 2.300 Pkws zur Verfügung. Und im Januar 1972 listet ein Verantwortlicher stolz die eingegangenen Spenden auf - "Grassamen und Rasendünger, rund 300.000 Liter Orangensaft, einige Tonnen Schmelzkäse ...". Man brauche aber noch 200.000 Glühbirnen, 1, 5 Millionen Liter Benzin, Videorekorder, Tauchsieder und Ruhebänke.

Was die Kritiker schrieben

Das Dach mochten am Ende fast alle, auch wenn viele weiterhin überzeugt waren, es würde demnächst einstürzen. Wutbürger aber gab es auch schon. Die APO gründete ein "anti-olympisches Komitee", das den Leistungsdruck in Sport und Gesellschaft kritisierte - eine Stimme im Chor der Kritiker. Die Bildzeitung kommentierte den vom olympischen Feuer neu entflammten Bauboom in München so: "Das Granteln verärgerter Stammtischbrüder wird kaum mehr hörbar sein. Es geht im Rattern der Presslufthämmer unter." Der Spiegel attestierte der Olympiastadt schon vor dem Start "Erschöpfungserscheinungen" sowie: die größte Autodichte, ärgste Bodenspekulation, höchste Krebssterblichkeit. Und die "Zeit" befand bei einem Olympiaparkspaziergang im Jahr nach den Spielen: "Der Lack ist ab".

Das Olympiastadion

Vor den Spielen, nach den Spielen: Das Olympiadorf

Für seine Fans ist das Olympiagelände das Beste, was München in 100 Jahren gebaut hat. Die schönste Vision der jungen Bundesrepublik - so schreibt es Christopher Young, Dekan an der Universität Cambridge, in seinem Buch "München 1972. Olympische Spiele im Zeichen des modernen Deutschland." Oder wenigstens Hintertür in eine Zeit, in der die Zukunft auch besser war.

Olympisches Feuer in Aspik: Einige Stücke aus der Sammlung von Thomas Zufall

Thomas Zufall, dessen mit Originalobjekten eingerichtete Bar München '72 im Olympiapark wegen ihres Erfolges schon eine Stadtfiliale hat, sieht in den Bauten, der Parklandschaft Günther Grzimeks, den Farbwelten Otl Aichers den trotz des Attentats nie ausgeträumten Traum einer heiteren, offenen Gesellschaft. Und staunt selbst darüber, wie seine Gäste die Begeisterung für eine Zeit teilen, die sie selbst als Kinder erlebt haben - oder erst im Keller der Großeltern entdeckten. Am Anfang, erzählt Zufall, habe er die Sachen auf Ebay gesucht, inzwischen bekomme er viel geschenkt. Etwa das Originaldirndl einer Hamburgerin, die damals als Hostess den Ehrengast Johnny "Tarzan" Weissmüller betreute.

"Es ist faszinierend, wie die Leute damals Anteil genommen haben. Sie haben den Olympiapark sofort als ihr Eigenes betrachtet. Und jeder hat irgendwas gebastelt - Olympiakerzen gegossen, Wimpel gehäkelt. Ein Stammgast hat mir ein Feuerzeug geschenkt - der Olympiaturm, vom Opa gebastelt und in Plexiglas gegossen. Heute müsste er fürchten,vom IOC verklagt zu werden."

Thomas Zufall, Wirt und Olympiafan

Mona Lisas Lächeln: gequält

Die Hobbykellerkitschlawinen sind für den Sammler skurrile Begleiterscheinung einer Ästhetik, deren Wiederaufleben ihm mehr bedeutet als bloßer Retrochic. "Olympia '72 ist ein Gesamtkunstwerk, in dem jedes Element - Hügel, Bauten, Schrift - zum anderen passt." Entsprechend kritisch sieht er, was derzeit im Park und um den Park herum geschieht.

"Die BMW-Welt ist ein toller Bau, aber sie zerstört die Blickachsen zwischen Stadion und Dorf. Jetzt soll noch ein Hotelkomplex dazukommen. Und das Rot der Werbeschilder überall, das sich total mit der Idee der Münchner Olympiafarben beißt. Es ist, als wenn man der Mona Lisa rote Augen malt."

Thomas Zufall

Eine bessere Idee hat der Münchner Philosophieprofessor Wilhelm Vossenkuhl, der zusammen mit dem Olympiaarchitekten Fritz Auer und Prominenten wie Dieter Hildebrandt eine Initiative gegen die optische Vermüllung des Parks gestartet hat: Er will ihn zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären lassen und ihn so vom Druck entlasten, Profit zu machen. Schließlich sind auch die Pinakotheken und die Staatsoper keine Gewinnbringer. Wie diktierte Werner Göhner, seinerzeit Chef der Olympiapark GmbH, dem Spiegel 1972 in die Schreibmaschine: "Selbst bei der größten Sparsamkeit, beim besten Management werden wir doch nie aus den roten Zahlen herauskommen." Den Olympiapark-Fans sind rote Zahlen immer noch lieber als rote Augen.


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Doris, Dienstag, 28.August 2012, 23:03 Uhr

2.

Allerdings. Wäre auch gut, wenn die Stadtoberen sich mal anschauen, was die Olympiapark GmbH so treibt. Oder will man vor lauter Sparzwang nicht sehen, wie der Park immer mehr verschandelt wird?

Günter Nicolas, Sonntag, 26.August 2012, 22:12 Uhr

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"Am besten ist, wir sprengen das Stadion einfach weg. Es wird sich doch ein Terrorist finden, der für uns die Aufgabe erledigen kann."

Franz Beckenbauer 1997

Solche Aussagen wie von Franz Beckenbauer sind für mich unbegreiflich dumm!
Für mich ist das Olympiastadion eine Meisterleistung der Architektur.
Die Idee mit dem Weltkulturerbe gefällt mir sehr gut, ich hoffe jedenfalls, dass uns das Olympiastadion und der Olympiapark noch sehr lange erhalten bleiben.