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Mensch oder Maschine Social Bots sind seltener als gedacht

Michael Kreil zerlegt in einem Vortrag auf dem 34. Hackerkongress in Leipzig die seiner Ansicht nach alarmistische Forschung und Medien-Berichterstattung über Social Bots in sozialen Netzwerken. Sein Fazit: Aktuelle Studien zu dem Thema sollten dringend noch mal überprüft werden.

Von: Max Muth

Stand: 28.12.2017

Fake News Reisewarnung Schweden 2016 | Bild: Michael Kreis

Immer wieder war seit dem Jahr 2016 die Rede von Social Bots. Im Ukraine-Konflikt, beim Brexit, bei der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, überall sollen die automatisierten Helfer ihre Finger im Spiel gehabt haben. Auch in der Diskussion um Fake News aus der rechten Ecke wird immer wieder der Begriff in den Raum geworfen. Der Datenjournalist Michael Kreil war skeptisch und versuchte, mehr über das Phänomen Social Bots herauszufinden. Dafür hat er eine große Anzahl an Tweets gespeichert und untersucht. Erstes Ergebnis: zwar gibt es eine Filterblase im Umfeld der AfD, die viel twittert und sich monothematisch mit Flüchtlingskriminalität, Asyl, Islam, Merkel und Zensur beschäftigen, ob es sich dabei um Bots handelt ist aber alles andere als klar.

Was sind Social Bots?

Social Bots sind Programme, die vorgeben echte User zu sein und die versuchen, durch Verbereitung von Meinungen und Artikeln die politische Meinungsbildung zu beeinflussen. In Wirklichkeit verbergen sich hinter ihnen Algorithmen, also Programme, die automatisiert Inhalte verbreiten.

Wenn von Social Bots in Medien die Rede ist, dann geht es vor allem um Twitter. Deshalb besorgte sich Datenjournalist Kreil erst einmal eigene Bots. Für kleines Geld kaufte er sich 5.000 Follower und untersuchte, was sie gemeinsam haben. Erstes Fazit: nicht viel. Zwar zeigte ein großer Teil der Accounts typische Bot-Merkmale wie etwa kein richtiges Profilfoto oder kaum Follower, aber ähnlich viele seiner Bots waren ziemlich ununterscheidbar von echten Twitter-Nutzern.

Bot-Kriterien sind nur Indizien

Bots zu identifizieren ist also nicht leicht, wenn auch nicht unmöglich. Hinweise sind laut dem Datenjournalisten etwa unvollständige Profile, eine große Anzahl an Tweets pro Tag, ob die Accounts Teil eines größeren Netzwerks sind oder ungewöhnliche Metadaten, dass sie also nicht über Twitters eigene App sondern von Drittanbieter-Apps verschickt werden, mit denen mehr Automation möglich ist. Den Automationsaspekt findet Kreil selbst am überzeugendsten.

"Gut wäre, wenn man festellen könnte, dass ein Tweet nicht von einer iphone-App, sondern von irgendeinem obskuren Service automatisiert veröffentlicht wurde."

Datenjournalist Michael Kreil

Aber auch das reicht noch nicht aus, um klar zu sagen: Bot oder nicht. Automation wird etwa auch von Medien eingesetzt, die einfach ihre neuen Inhalte twittern. CNN oder die Tagesschau deshalb als Social Bot zu bezeichnen, wäre eine ziemlich eigenwillige Interpretation.

Auch die Anzahl an Tweets pro Tag hält Kreil für nicht sehr aussagekräftig. So untersuchte er zwöl Accounts, die laut einer Studie zur Wahl am Wahltag hauptsächlich für Donald Trump automatisiert Wahlkampf gemacht haben sollten. Kriterium der Forscher war, dass sie 50 Tweets zu einem Wahl-Stichwort abgesetzt hatten. Kreils zwölf Prüf-Accounts hatten sogar über 100 Tweets abgesetzt. Seine Analyse zeigt aber: Nur drei davon waren wirklich Bots. Der Rest waren Menschen, die entweder aus Leidenschaft oder aus Marketinggründen am US-Wahltag viel twitterten.

AfD-Sympathisanten, die als Bots abgestempelt werden

Kein gutes Zeugnis für die Studie, die immerhin von der Universität Oxford stammte. “Ich will niemanden besonders kritisieren, sondern eigentlich will ich nur zeigen, dass das Thema deutlich schwieriger und komplexer ist, als es zur Zeit dargestellt wird”, sagt Kreil.

Viel Gelächter im Saal gab es für Kreils Nacherzählung eines Teis einer ZDF-Doku über das Phänomen Social Bots. Professor Hegelich von der TU München sollte für die Doku-Macher Bot-Accounts identifizieren. Das tat der und fand: Egon Dombrowsky, vermutlich ein Bot. Nur: Dombrowsky stellte sich als etwa 50-jähriger ehemaliger SPD-Gemeinderat heraus, der für die AfD twittert, weil er findet, dass die eben recht hat.

Peinlich für die Wissenschaft und für Teile der Medien, die Social Bots als große Gefahr für die Demokratie identifiziert hatten. Dabei will Kreil seine Analyse nicht als Fundamentalkritik verstanden wissen. “Ich weiß nicht was die Lösung ist,” sagt Kreil.

"Aber so wie es grade eingesetzt wird, ist es nicht nur wissenschaftlich nicht haltbar: Wenn ich große Teile einer wütenden Bevölkerung, die sich in sozialen Netzwerken Luft machen einfach als Social Bots klassifiziere, dann habe ich ein Phänomen überdeckt."

Datenjournalist Kreil

Kreils Fazit: Bots könnten tatsächlich eine Rolle in Wahlkämpfen und bei der politischen Meinungsbildung spielen - überzeugende Studien, die belegen, dass das bereits passiert ist, sieht er nicht. Die müssen jetzt eben andere machen.


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