Medienkompetenzprojekte


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Binationale Hörpfade NS-Geschichte und Alltagserleben heute

Wie gehen Regionen mit ihrer NS-Vergangenheit um? Diese Frage stellten sich Teilnehmerinnen aus Deutschland und Österreich in einer gemeinsamen Projektwoche in Dachau. Dabei sind sie auf erstaunliche Geschichten gestoßen.

Von: Judith Schönicke

Stand: 01.07.2019

Teilnehmerin beim Sammeln von Geräuschen am SS-Schießplatz Hebertshausen. | Bild: BR

Wie lebt man neben einem Ort, an dem mehr als 4.000 Menschen erschossen wurden? Nora Limbach ist unterwegs zum ehemaligen SS-Schießplatz in Hebertshausen. Gemeinsam mit ihrer Teamkollegin Anna Schwarz will sie dort ein Paar treffen, das unmittelbar neben dem Ort des Verbrechens wohnt und regelmäßig am heutigen Erinnerungsort spazieren geht.

Engagiert in einer Bewusstheitsregion

Nora kommt selbst aus einer Region, die untrennbar mit den Gräueln des Nazi-Regimes verbunden ist: Sie wohnt in der Nähe von Mauthausen, das sich mit den Nachbargemeinden Langenstein-Gusen und St. Georgen zu einer sogenannten „Bewusstheitsregion“ zusammengeschlossen hat, um die Geschichte aufzuarbeiten.

Als Nora hörte, dass die Bewusstheitsregion gemeinsam mit dem BR und dem Bayerischen Volkshochschulverband das binationale Audio-Projekt in Dachau anbietet, war sie schnell überzeugt. Schließlich arbeitet sie in ihrem Gymnasium beim Schulradio mit. Allerdings hat sie es sonst meistens mit Gleichaltrigen zu tun. Die Gruppe, die sich in Dachau für das Projekt „Hörpfade binational“ zusammengefunden hat, ist dagegen bunt gemischt: Eine Geschichtsstudentin ist beispielsweise dabei, eine junge Frau, die gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr Kultur absolviert, eine pensionierte Geschichtslehrerin und eine junge Zeitungsjournalistin.

"Normalerweise lese ich nur über den Nationalsozialismus. Mit Radioarbeit und Interviews verarbeitet man das auf andere Weise."

Miriam Kögler, Teilnehmerin

Begegnung mit einem neuen Medium

Weil das Medium „Radio“ nicht allen vertraut ist, lernen die Teilnehmerinnen von den BR-Mediencoaches Elke Dillmann und Bernhard Jugel zunächst, wie Audio-Interviews geführt werden, worauf bei der Planung der Beiträge geachtet werden muss und vieles mehr. Auch die Teilnehmerinnen untereinander stehen sich mit Feedback und Insider-Tipps zur Seite: „Frag‘ doch mal den, den kenne ich …“ ist immer wieder zu hören.

So entsteht unter anderem die Idee, für ein Stück auch das Dachauer Café Queer zu besuchen. Denn in ihren Beiträgen will die Gruppe Bezüge zwischen NS-Geschichte und Gegenwart herstellen: Was bedeutet der Rosa-Winkel-Gedenkstein und warum ist dieses Erinnern so schwierig? Nach wem ist die Georg-Scherer-Halle benannt? Warum ist der sogenannte Kräutergarten kein Erinnerungsort? Wie wird damit umgegangen, dass heute die Polizeiwache auf dem ehemaligen SS-Gelände steht? Warum gab es so lange Widerstand gegen das Max Mannheimer Haus?

"Was ich echt gut finde ist, dass jede Gruppe sofort coole, engagierte Interviewpartner bekommen hat, hier aus der Region. Das zeigt ganz deutlich, dass die Erinnerungsarbeit einen großen Stellenwert hat und dass es hier wirklich super engagierte Leute gibt, die viel wissen und das Wissen auch gerne teilen. Das fand ich wirklich toll! Ein schönes Zeichen."

Stefanie Steinbauer, Teilnehmerin aus Dachau

Fachlich unterstützt die KZ-Gedenkstätte das Projekt: Der Leiter der Bildungsabteilung macht mit der Gruppe einen Rundgang und vermittelt Interviewkontakte bei einen Kollegen und Zeitzeugen. Und eine Mitarbeiterin korrigiert sogar noch nach Feierabend Ungenauigkeiten in den Manuskripten.

Das Projekt wird fortgesetzt 

„Anstregend aber toll!“ lautet das Fazit der Teilnehmerinnen am Ende der Woche als die fertigen Audioguides im Max Mannheimer Haus in Dachau präsentiert werden. Und sie wollen dabei sein, wenn es Anfang 2020 in Österreich weitergeht. Dann entsteht ein weiterer Audioguide in der Bewusstseinsregion Mauthausen-Gusen-St. Georgen.

"Ich bin an Orte in meiner unmittelbaren Umgebung gekommen, an denen ich noch nie war und habe die Geschichte dahinter ganz anders erfahren."

Anna Schwarz, Teilnehmerin

Nun sind die Beiträge online auf der „Klingenden Landkarte“ für jeden zu hören. Dort stehen bereits über 230 akustische Porträts über Orte in ganz Bayern zum Nachhören zur Verfügung. Mehr über das Projekt erfahren Sie hier.

Kooperationspartner und Förderer

Initiatoren der „Hörpfade binational“ sind der Bayerische Volkshochschulverband, der Bayerische Rundfunk und die Stiftung Zuhören sowie die Bewusstseinsregion Mauthausen–Gusen–St. Georgen (Österreich). Kooperationspartner sind das Max-Mannheimer-Studienzentrum, der Kreisjugendring Dachau (KJR) sowie die KZ-Gedenkstätte Dachau. Gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER).

Mitmachen!

Sie wollen dabei sein, wenn Anfang 2020 ein weiterer Audioguide in der Bewusstseinsregion Mauthausen-Gusen-St. Georgen entsteht? Sie können sich jetzt bereits unverbindlich anmelden unter hoerpfade@br.de


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