Gegen das Vergessen

Die Nacht der Zeitzeugen 2014

  • BR Fernsehen

  • 23.11.2014, 22:15 Uhr

  • 59 Min

Nur noch wenige Zeitzeugen können über die nationalsozialistische Gewaltherrschaft berichten. In der sechsten Nacht der Zeitzeugen im Münchner Volkstheater lassen Dr. Leon Weintraub und Prof. Rudolf Gelbard im Gespräch mit Andreas Bönte das Publikum an ihren Erfahrungen und Erinnerungen teilhaben.

Seine Jugend verbringt Leon Weintraub in verschiedenen Konzentrationslagern. Hunger, Kälte und Krankheiten prägen diese Zeit. Im Alter von 18 Jahren entrinnt er nur knapp dem Tod: Im Vernichtungslager Auschwitz ist er für den "Tod durch Vergasung" vorgesehen. Kurz vor der Befreiung wird er auf einen dreitägigen "Todesmarsch" ins Konzentrationslager Flossenbürg geschickt. Bei der Befreiung wiegt Leon Weintraub nur noch 35 Kilogramm und leidet an Typhus. Zwei Wörter, so sagt er selbst, hat er aus seinem Wortschatz gestrichen: In seiner Gegenwart werde keines seiner Familienmitglieder jemals das Wort "Hass" aussprechen, denn dieses Wort habe soviel Übel angerichtet. Dasselbe gilt für das Wort "Rache". Man könne Gleiches nicht mit Gleichem vergelten. Prof. Rudolf Gelbard ist sieben Jahre alt, als die deutsche Wehrmacht im März 1938 in Wien einmarschiert. 1942 folgt die Abführung nach Theresienstadt. 19 Familienmitglieder Rudolf Gelbards werden umgebracht - er selbst hat Glück und überlebt als eines der wenigen Kinder. Nach der Befreiung stellt er sein Leben in den Dienst gegen Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus. Auf die Schrecken der Vergangenheit hinzuweisen, um aus der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft zu lernen, ist ihm besonders wichtig. Gemeinsam mit der Historikerin Dr. Kerstin von Lingen und Dr. Jörg Skriebeleit, dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, gehen die beiden Zeitzeugen außerdem der Frage nach: "Was wirkt nach - was bleibt?" Die Frage nach der Strafverfolgung der Naziverbrechen in der Nachkriegszeit steht dabei ebenso im Fokus wie die Frage, wie sich Erinnerungskultur verändern kann und muss, wenn Zeitzeugen einmal nicht mehr selbst als Zeugen des NS-Terrors sprechen können. Wie können Erinnerungen wachgehalten werden, welche Pflichten haben die nachfolgenden Generationen? Und wie war es möglich, dass Naziverbrecher begnadigt oder freigesprochen wurden? Dem Abend im Münchner Volkstheater ging bereits ab dem Morgen der "Tag der Quellen" voraus. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte haben Schülerinnen und Schüler Dokumente von Kindern und Jugendlichen aus dem Holocaust aufgearbeitet und gelesen. Diese Texte wurden dem Publikum den ganzen Tag über präsentiert.