Bergauf-Bergab | 03.07.2016

Auf die Dremelspitze über dem Lechtal - Bergsteigen in Reinkultur

  • BR Fernsehen

  • 03.07.2016, 16:45 Uhr

  • 29 Min
  • UT

Eine versteckte Schönheit ist die Dremelspitze im Herzen der Lechtaler Alpen: eine ebenmäßige Berg-Pyramide, aufgebaut aus Türmen, Pfeilern und Wänden. Der Aufstieg ist noch keine Klettertour am Seil, fordert aber sicheres Klettern an ausgesetzten Stellen.

Eine versteckte Schönheit ist die 2.740 Meter hohe Dremelspitze im Herzen der Lechtaler Alpen. Erst ganz hinten im Bschlabser Tal, einem Seitental des Lechs, ragt sie auf – als ebenmäßige Pyramide ein Idealbild eines Bergs, aufgebaut aus einzelnen Türmen, Pfeilern und Wänden. Der Aufstieg zum Gipfel ist alpines Bergsteigen in Reinkultur: Er erfordert noch keine Kletterei am Seil, aber doch absolut sicheres Klettervermögen für die kürzeren und ausgesetzten Kletterstellen. Für die Besteigung dieses Klassikers in den Nördlichen Kalkalpen hat das "Bergauf-Bergab"-Team um Georg Bayerle ein kurzes Schönwetterfenster genutzt. Begleitet wurde es von Josef Friedl, der mit dem alpinen Gelände bestens vertraut ist: In seiner Jugend ist er noch mit der Heuarbeit auf den Steilhängen des Tals aufgewachsen. Die Begegnung mit dem Berg ist rau und ungestüm. Durch ein Monument der Verwitterung führt die markierte Route. Es ist eine Kletterei im oberen II. Grad, die vor allem Gefühl und sicheres Gehen im brüchigen Gestein verlangt. Lechtaltypisch ist dieser unverstellte Kontakt mit spröder Natur, ein Klassiker der leichten Kletterei. Auf einer Route, die Ludwig Purtscheller 1899 gefunden hat, die sich hindurchsucht durch die Verwitterungsstufen der Felspyramide. Aus der Nähe offenbart sich die aus Türmen, Pfeilern und Rinnen aufgebaute Architektur, die aus der Ferne eine unvergleichlich ebenmäßige Form annimmt. Bschlabs ist der Hauptort im gleichnamigen Seitental des Lechs, in dem sich die Zivilisation hinduckt an die Schroffheit der Berge. Die einst von Rätoromanen gegründeten Dörfer wirken heute noch wie ausgesetzt in der wilden Landschaft, die die Lech-Seitentäler prägt. Prominent auf eine Talschwelle wurde schon 1897 die Hanauer Hütte in einen Felskessel gestellt, eine alpine Mondlandschaft, in der die Hütte wie ein stiller Außenposten der Zivilisation wirkt. Parzinn heißt die Gegend, ein heute unerklärlicher Name, der schon damals Alpenpioniere wie Ludwig Purtscheller und Anton Spiehler angezogen hat. Bis heute ist es ein Gebiet der oft weglosen IIer-Kletterei auf den Normalanstiegen der Gipfel. Unter Kletterern ist der nach dem bayerischen Lechtalpionier Anton Spiehler benannte Turm legendär; die Parzinnspitze zählt zu den besten Lechtaler Kletterbergen. Die Vordere Dremelscharte, die noch 300 Höhenmeter unter dem Gipfel liegt, ist schattig und jäh. Der Blick streift die Ötztaler Berge und kommt unten auf dem Juwel des Steinsees zur Ruhe. Wer die Pyramide der Dremelspitze erst einmal betreten hat, der muss sich dem Weg anvertrauen, der schon vor einem halben Jahrhundert markiert wurde. Der eigentümliche zweite Schwierigkeitsgrad ist hier in Reinform anzutreffen: echte Kletterstellen, aber eben frei, also ohne Seil, zu begehen - ganz ohne Hilfsmittel wie Drahtseile oder Eisenklammern. Bergsteigen in seiner Urform. Ein Kletterseil würde hier wenig bringen: Zu verwickelt ist die Wegführung und in dem schuttbedeckten Wandaufbau würde es ständig Steinschlag auslösen. Das sichere Gefühl für den Fels und Trittsicherheit sind entscheidend. Bergab ist dieses Gelände dabei noch heikler zu begehen als bergauf. Ein luftiger Quergang mit wunderbarem Tiefblick gehört zu den Stellen, die immer in Erinnerung bleiben. Das pure Erlebnis solcher rauen und unverfälschten Berge ist einzigartig.