Heimischer V-Effekt Warum es auf Zimmerreisen viel zu entdecken gibt

Reisen und Pandemie – ein Widerspruch. Aber wer nicht raus kann, muss nicht aufs Reisen verzichten. In sogenannten Zimmerreisen kann sich jeder auf Entdeckungstour durch einen vermeintlich bekannten Mikrokosmos begeben.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 30.12.2020 | Archiv

Alter Sessel in heruntergekommenem leeren Zimmer mit Fenster | Bild: picture alliance/dpa | Uli Deck

In Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren ist die Zimmerreise eine höchst verführerische Vorstellung. Ein Kunstprojekt der Berliner AG Minimales Reisen hat die Idee gerade zum Ausgangspunkt gemacht, um Menschen in fremde Wohnungen auf Entdeckungstour zu schicken. Der Literaturwissenschaftler Bernd Stiegler ist Spezialisten für Zimmerreisen, zumindest für ihre literarische Tradition. Judith Heitkamp hat mit ihm über diese Tradition, aber auch über seine eigenen Versuche in Zeiten von Corona gesprochen.

Judith Heitkamp: Als erstes eine persönliche Frage – hätten Sie Lust auf eine Reise in eine fremde Wohnung?

Bernd Stiegler: Das würde mir viel Spaß machen. Da gäbe es sicherlich viel zu entdecken. Und es entspricht genau den Anforderungen einer Zimmerreise, also eine Art von Verfremdung von Alltagssituationen, von dem Alltag, der uns gar nicht die Möglichkeit gibt, bestimmte Dinge wahrzunehmen. Darauf hätte ich große Lust.

Die literarische Zimmerreise ist eine Tradition aus dem 19. Jahrhundert. Da wird aber meistens tatsächlich das eigene Zimmer oder der eigene Mikrokosmos bereist und es geht nicht so sehr um fremde Dinge. Woher kommt diese literarische Mode?

Es ist ja eine Gattung, die mittlerweile schon über 200 Jahre alt ist. Die Ursprünge sind im späten 18. Jahrhundert. Damals war es Xavier de Maistre, der einen sechswöchigen Hausarrest aufgebrummt bekommen hatte, aufgrund eines Duells, das er geführt hatte. Er setzte damals einen lang gehegten Wunsch in die Tat um, bereiste dann sein Zimmer und erkundete das Gegenstand für Gegenstand und auch Geschichte für Geschichte. Und das sind erst mal die eigenen Geschichten. Wenn ich in ein fremdes Zimmer komme, dann sind es natürlich auch die imaginären Geschichten, die ich mit den Gegenständen oder den Dingen, die ich dort entdecke, verbinde. Es ist von daher eine etwas andere Perspektive.

Wie kam Xavier de Maistre damals auf die Idee? Er war ja erst einmal eingesperrt.

Ich glaube, dass er auf die Idee gekommen ist – genau wissen wir es natürlich nicht mehr – durch die Tatsache, dass sich damals das Reisen begann durchzusetzen und eine Art von Massenkultur wurde. Es war eine Absetzung zu einer Reise-Lust, die seinerzeit zu einer regelrechten Reise-Mode geworden war. Er versuchte eine andere Art des Reisens zu etablieren. Das hat durchaus etwas Experimentelles und bezieht sich auch auf diese anderen Entdeckungsreisen, die es damals noch gab. Aber auch auf diese touristischen Reisen, die in Mode kamen. Das waren die beiden Klippen, durch die er hindurch segelte.

Dann natürlich die ketzerische Frage und die bringt uns dann auch schon mitten in die folgenden literarischen Zimmerreisen: Ist das wirklich interessant genug, um als Reise durchzugehen? Braucht man nicht ein bisschen mehr Exotik für eine gelungene Reiseerfahrung?

Exotik braucht man eigentlich nicht. Man braucht vor allen Dingen Beobachtungsgabe, also Aufmerksamkeit. Das ist, glaube ich, die entscheidende Qualität, die man mitbringen muss. Und Sensibilität für die Umgebung, die es gestattet, Dinge, die man normalerweise gar nicht wahrnimmt, wieder in den Fokus zu rücken. Und natürlich narrative Talente. Also man muss auch erzählen können. Ansonsten macht das wenig Sinn. Aber sehr aufregend sind diese Reisen zugegebenermaßen nicht, etwa so wie Captain Cook irgendetwas entdeckt hat oder Robinson etwas entdeckt hat. Darum geht es nicht, sondern es geht eher um Alltagsphänomene, die man mit neuen Augen wahrnimmt oder die man überhaupt erst wahrnimmt. Und das ist dann aber wiederum aufregend genug.

Danach gab es diverse Literaten, die auch alle Mikroreisen gemacht haben. Was wurde da alles bereist?

Man konnte zum Beispiel die eigene Hosentasche bereisen, indem man sie einfach ausleerte und schaute, was sich darin so vorfand. Und man konnte auch ganz religiös eine protestantische oder auch eine katholische Zimmerreise unternehmen. Man konnte aber auch eine naturwissenschaftliche Reise unternehmen, indem man beispielsweise bestimmte Gegenstände oder Dinge, die man vorfand, mit ihrer Geschichte wiederentdeckte. Wo kommt der Kaffee her? Wie ist der angebaut worden? Wie ist es mit dem Kakao? Was ist mit den Spinnen? Gab's die immer schon? Was ist mit den Kartoffeln? Und so weiter... das war ein großes Portfolio an sehr unterschiedlichen Reisekonzepten im 19. Jahrhundert und dann im 20. Jahrhundert noch in ganz anderer Form.

Sie beschreiben auch die heutigen Erben dieser Idee, die dahintersteckt: Das Bekannte so anzugucken, als wäre es etwas Fremdes.

Genau, das ist die entscheidende Volte, um die es geht. Also so eine Art von Verfremdungserfahrung. Gar nicht im Sinne von Bertolt Brecht, weil es da ja auch um eine politische Erkenntnis ging, sondern im Sinne einer Verfremdungserfahrung, die uns gestattet, von unserem Alltag abzurücken. Und das ist eigentlich das, was wir üblicherweise bei Reisen auch machen, indem wir drei Wochen aus unserem Alltag entfliehen und später wieder zurückkehren und diesen mit anderen Augen wahrnehmen und zwischendrin eine ganze Reihe von Erfahrungen gemacht haben.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Kultur für daheim - Prof. Dr. Bernd Stiegler lädt zu einer digitalen Zimmerreise | Bild: StadtFellbach (via YouTube)

Kultur für daheim - Prof. Dr. Bernd Stiegler lädt zu einer digitalen Zimmerreise

Dieser fremde Blick auf den kleinen eigenen Alltag hat in Zeiten von Corona-Auflagen und Kontakt- und Reisebeschränkungen etwas besonders Verführerisches. Was sagen Sie: Was lernen wir für so einen Corona-Zustand aus den Zimmerreisen des letzten Jahrhunderts?

Da kann ich auf meine eigene Geschichte verweisen: Unter Corona-Bedingungen habe ich auch endlich mal eine Zimmerreise in die Tat umgesetzt, als es den ersten Lockdown gab, also im März/April. Ich habe ungefähr so lange wie Xavier de Maistre, also 43 Tage in diesem Fall, mein eigenes Zimmer bereist und jeden Tag auf meinem ansonsten gänzlich inaktiven Facebook-Account einen Text und ein Foto gepostet und dabei allerlei Dinge nochmal wieder in den Blick genommen, an die ich gar nicht mehr gedacht hatte, wie zum Beispiel einen Salzstreuer.

Ein Salzstreuer ist ein ganz banales Objekt, aber dieser Salzstreuer hat eine besondere Geschichte. Ich war nämlich einmal eine Woche in Japan und mitten in dieser Woche war das Fukushima-Unglück. Aus Japan habe ich damals diesen Salzstreuer mitgenommen und der war mittlerweile fast leer. Aber ich habe ihn immer noch benutzt und dann fiel mir diese ganze Geschichte wieder ein.

Oder ich habe aus meinem Fenster auf die Züge geschaut und festgestellt, dass diese sonst immer voll besetzt waren, jetzt aber plötzlich ganz leer. Oder ich habe im Hof gesehen, dass die Kinder – man durfte ja noch raus – Himmel und Hölle gespielt haben, mit Kreide auf den Hof malten und jeden Tag wurde das Spiel immer größer. Irgendwann kam der Regen und hat es wieder weggewischt. Allerlei solche Dinge habe ich beobachtet und versucht, einen kleinen Text dazu zu schreiben. Und eigentlich nichts Anderes gemacht als den Mehltau, der sich in den Zeiten von Corona über unseren Alltag legt, ein bisschen abzurubbeln und die Dinge wieder schärfer zu sehen und der Aufmerksamkeit wieder zu ihrem Recht zu verhelfen.

Ist das noch zu finden auf Ihrem Facebook-Account?

Ich denke ja.

Das Buch von Bernd Stiegler zum Thema heißt "Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte der Reisen im und um das Zimmer" und ist bereits 2016 im Fischer Verlag erschienen. Im Bayern 2 Podcast Lesungen sind zwei Zimmerreisen zu finden und kostenlos zu hören. Die von Xavier de Maistre natürlich, die Ur-Zimmerreise, und – 50 Jahre jünger – die Reise des Franzosen Alphonse Karr um seinen Garten.