„Mond über Beton“ Bayern2 Wortspiele Preis 2021 für Julia Rothenburg

Bei den 21. Wortspielen war einiges anders: Keine rollenden Bierflaschen, kein Applaus, keine Pausengespräche, keine Tagessieger. Diesmal fand das „Internationale Festival junger Literatur“ im Ampere der Muffathalle nur digital statt. Die 16 Autorinnen und Autoren lasen ohne Gegenüber, dafür waren die Lesungen konzentrierter.

Stand: 17.05.2021

Julia Rothenburg gewinnt den Bayern2 Wortspielepreis 2021. Die Begründung der Jury verliest Cornelia Zetzsche | Bild: Eva Demmelhuber

Bayern2 Wortspiele Preis 2021 für Julia Rothenburg

Es ist vollbracht. Drei Tage lang konnten Literaturinteressierte per Live Stream mitverfolgen, was gerade die Themen in der Gegenwartsliteratur sind. Es ging um Liebe in einer Zeit der Fitness-Studios und in der digitalen Welt, um Sehnsucht nach Zugehörigkeit und eine irre Expedition auf der Suche nach einem Lebewesen zwischen Mensch und Tier, um die Poesie des Plattenbaus, die eigene Verantwortung vor der Geschichte, und um eine Enkelin, die die Geschichte ihrer Großmutter, vom Sterben erzählt. Annina Haab, Joshua Groß, Bernhard Heckler, Ally Klein, Laura Lichtblau und andere junge Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz lasen beim "21. Internationalen Festival Junger Literatur", das in diesem epidemischen Jahr ein Hybrid war: Live im Münchner Muffatwerk an der Isar und digital als Live Stream. Spannende Debüts und Neuerscheinungen von erfolgreichen Autorinnen wie Raphaela Edelbauer und Debütanten wie Timon Karl Kaleyta.

Gewinnerin Julia Rothenburg und ihr Berlin-Roman "Mond über Beton"

Julia Rothenburg bei ihrer Lesung am 19. Mai

Julia Rothenburg, 1990 in Berlin geboren, studierte Soziologie und Politikwissenschaft in Freiburg und Berlin. Ihre beiden ersten Romane spielen in Krankenhäusern, in „Nacht über Beton“, dem der Siegertext entnommen ist, nimmt sie uns mit nach Berlin Kreuzberg, in ein riesiges Wohngebäude am Kottbusser Tor.

"Getrappel durchs Haus, unten schreit jemand, dann wieder Stille, da wird man verrückt. Marianne schlägt die Decke zurück, wo sind die Hausschuhe? Ihr wird fast ein bisschen schwummerig, jetzt, wo sie sich bückt. Und dann hat sie sie endlich, aber zu spät, die Füße sind schon ganz kalt, und es ist auch ziemlich stickig hier drin, aber das Fenster aufmachen, da kann sie erst recht nicht schlafen.
Marianne zieht die Vorhänge zur Seite, und da blinkt unten schon ein Polizeifahrzeug, blau bebt das ganze Haus, der Beton leuchtet."

aus 'Nacht über Beton' , erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt

Kotti, ein riesiger Gebäuderiegel, ein Monster, in den 1970ern noch als moderner Wohntempel gefeiert, jetzt laut, bunt und vor allem gefährlich, ein Kosmos aus Verwahrlosung und Zuversicht und ein Symbol gescheiterter Stadtpolitik. Hier wohnt der verwitwete Gemüsehändler Mutlu, dem seine pubertierenden Söhne zwischen YouTube und Drogen entgleiten; Günther und Marianne, ein älteres Paar, das mit einem Mord im Hausdurchgang konfrontiert wird und 'etwas tun' will gegen das zunehmende Elend vor der Wohnungstür. Eine Woche lang begleitet die Berliner Autorin ihre sechs Figuren und schnell spürt der Leser das aufziehende Unheil.

Und so urteilte die Jury

„Prekäre Nachbarschaften wie in Berlin-Kreuzberg gibt es in jeder Großstadt. Überall finden sich Brennpunkte wie dieser, der sich zu entzünden droht, wenn jugendliche Energie, Hilf-losigkeit und Bedrängnis der Bewohner in Wut und Abwehr umschlagen und die Polizei im Haus steht. Bei Julia Rothenburg liest sich diese Möglichkeit als fast unausweichlich, wie ein Sog. Ihr Roman zeigt Risse in der Gesellschaft. Rothenburg versteht es, Figuren zu zeichnen. Sie findet eine reduzierte, prägnante, musikalische, Sprache für die beschädigten Existenzen ihres dritten Romans, für die der Mond meistens nicht zu sehen ist. "Mond über Beton" ist ein beeindruckender und stilsicherer Text, der empathisch nah an seinen Figuren ist und ohne Larmoyanz oder Überheblichkeit auskommt.“

radioTexte - Das offene Buch stellt am Pfingst-Sonntag um 14.30 Uhr auf Bayern 2 die besten Texte des 21. Festivals deutschsprachiger Literatur vor und natürlich den Gewinner-Text von Julia Rothenburg, die Cornelia Zetzsche ins Studio einladen wird.

Für Wortspiele- und Literatur-Aficionados stehen alle drei Abende noch drei Wochen auf der Internetseite des Muffatwerk München. Und eine Zusammenfassung der besten Texte und ein Interview mit der Preisträgerin finden Sie im Podcast-Center des Bayerischen Rundfunks und überall, wo es Podcasts gibt.