Edwin Scharff Museum So verschieden sind die Rückzugsorte von Kindern

Harrison aus New Jersey schläft in einem Bett, das wie ein Auto aussieht, der gleichaltrige Roathy in Kambodscha auf einem alten Reifen. Der britische Fotograf James Mollison hält weltweit Kinder und ihre Schlafstätten fest.

Von: Peter Allgaier

Stand: 11.10.2021

Ahkôhxet, 8 Jahre, Amazonasbecken, Brasilien | Bild:  James Mollison, Flatland Gallery, (Utrecht, Paris)

Erlen ist erst 14. Doch die junge Brasilianerin ist schwanger, zum dritten Mal. Deshalb darf sie im Bett ihrer Mutter statt wie sonst auf dem Boden schlafen... Seit 15 Jahren fotografiert James Mollison weltweit Kinder und die Orte, an denen sie die Nacht verbringen. "Am Anfang hab ich das Projekt 'Schlafzimmer' genannt, aber als ich rumgereist bin, hab ich gemerkt, dass viele Millionen Kinder auf dieser Welt ja gar kein Zimmer haben, da schläft die Familie zusammen in einem Raum oder die Kinder schlafen in der Küche", sagt Mollison. Deshalb habe er den Titel geändert in: 'Wo Kinder schlafen'. "Weil ich erst gemerkt hatte, wie privilegiert man mit einem Schlafzimmer eigentlich ist, wenn man in westlichen Ländern aufwächst."

Kinder können nichts für ihre Lebenswelten

Doch Kinder in den reicheren Staaten müssen nicht unbedingt glücklicher sein. Mollison hat in den USA die erst vierjährige Jazzy porträtiert. In ihrem Zimmer gibt es unzählige Schärpen und Krönchen. Die hat sie bei Schönheitswettbewerben gewonnen, zu denen sie ihre Eltern jedes Wochenende fahren. "Die Kinder werden in diese Umgebung hineingeboren und deshalb sind sie nicht verantwortlich für die Lage, in der sie sind. Das wäre ganz anders, wenn man Erwachsene fotografieren würde. Die würden immer denken, dass sie für ihre Lage verantwortlich wären. Bei Kindern dagegen kann man eben die Lebensumstände abbilden, ohne ihnen die Schuld zu geben."

Mollisons Projekt war ursprünglich eine Auftragsarbeit für ein Kinderhilfswerk. Doch da kannte man nur zwei Arten von Bildern: Kinder, die lächelten oder einen bemitleidenswerten Eindruck machten, um Spenden zu bekommen. Mollison aber wollte dokumentarisch arbeiten. Sein wertfreier Blick fasziniert Helga Gutbrod, Leiterin des Edwin Scharff Museums. Er begreife die Kinder jeweils als "Stellvertreter ihrer Kultur", sagt sie. Das werfe Fragen nach der Vergleichbarkeit ihrer Situation auf.

In den USA schlafen Kindern in Bett-Autos, in Kambodscha auf alten Reifen

35 Doppel-Bilder sind in Neu-Ulm zu sehen. Sie zeigen wie verschieden Lebenswelten sein können. Der achtjährige Harrison aus New Jersey etwa schläft in einem Bett, das die Form eines großen Autos hat, der gleichaltrige Roathy dagegen liegt in einer kamdodschanischen Müllhalde auf abgefahrenen Reifen. "Ich bin zum Teil auch echt betroffen, wie wenig manche Kinder haben, also keine Schulbildung und nichts... So große Unterschiede, da denkt man, man müsste doch etwas tun, aber gleichzeitig denkt man, man könnte überhaupt nichts tun", sagt Mollison.

Wer in diese Kindergesichter blickt, kann nur schwer ihr Alter schätzen. Das ist wohl eine Besonderheit der Ausstellung. Sie zeigt sich auch im Bild der siebenjährigen Indira in Nepal. Seit sie drei ist, arbeitet sie in einem Granitsteinbruch. "Ich hab die Deklaration der Menschenrechte gelesen, in der steht, dass wir alle gleich sind, aber das stimmt natürlich in der Realität nicht", so Mollison. "Deshalb habe ich zumindest versucht, sie alle gleich zu behandeln und die Porträts sehr normiert gemacht, die Kinder blicken einfach zur Kamera. Ich habe versucht, sie alle mit derselben Würde zu behandeln".

"Where children sleep" – eine beeindruckende Ausstellung über Gleichheit und Ungleichheit in und zwischen Gesellschaften. Bis Ende Februar im Edwin Scharff Museum Neu-Ulm. 

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