Juden in Deutschland Wie Antisemitismus wieder alltäglich wird

Vor zwei Jahren fand der Anschlag auf die Synagoge in Halle statt. Die deutsche Gesellschaft war erschrocken – weil wieder einmal das Leben von Juden in unserem Land bedroht wurde. Hat sich seither etwas gebessert? Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 07.10.2021 | Archiv

Polizei vor der Synagoge in Halle, auf die laut Augenzeugen Schüsse gefeuert wurden | Bild: dpa-Bildfunk/Robert Michael

"Der Schoß ist fruchtbar noch" – dieser Satz von Bertolt Brecht wird oft zitiert, aber selten als Beschreibung begriffen. Doch der Antisemitismus lebt. Augenfällig wird er bei Anschlägen wie in Halle oder dem vereitelten von Hagen. Aber jenseits von solch offenkundiger Gewalt gibt es auch einen latenten, versteckten Judenhass. 

Warum Antisemitismus geleugnet wird 

Mirna Funk bekam auf ihrer Lesereise oft gesagt: "Ich habe noch nie Antisemitismus erlebt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es das gibt." Ihre Standartantwort lautete: "Möglicherweise, weil sie kein Jude sind." Interessant ist die sprachliche Form. Die Autorin wurde nicht gefragt, ob sie persönliche je Antisemitismus in Deutschland erlebt habe. Sondern ihr wurde unter der Hand eine Behauptung präsentiert, nämlich dass es hierzulande gar keinen Antisemitismus gäbe – die Juden sollten sich also nicht so haben.  

D.h. der Antisemitismus erkennt sich selbst nicht als Diskriminierung, sondern glaubt fest daran, auf dem Boden von Fakten zu stehen. In seiner modernen Ausprägung versteckt er seinen Hass gerne in Anklagen der israelischen Besatzungspolitik. Also in einen Bereich, um dem es auch in der israelischen Gesellschaft heftige Debatten gibt. Von denen will man aber gar nichts wissen, nichts von einem Pro und Contra, denn es geht um den Genuss, einen Menschen anklagen zu können. Psychologisch funktioniert das als Entlastung: Der Holocaust kann nicht so schlimm gewesen sein, wenn Juden jetzt Palästinensern auch Leid antun. Meine Entgegnung ist dann immer: Wo sind Belege für eine Ausrottungspolitik, wo sind die sechs Millionen Palästinenser, die vergast und erschossen wurden? 

Mirna Funk berichtet, dass sie als Jüdin bei ihrer Lesereise nur selten zu ihrem Buch befragt wurde, sondern aufgefordert, sich zur israelischen Politik zu äußern. Aber was hat sie als Tochter eines deutschen Juden damit zu tun? Aber die Fragenden erwarteten mutmaßlich gar keine Antwort, sie wollten endlich einer Jüdin einen Vorwurf machen. Sie wollten Juden als Täter denunzieren. Und ihnen so das Recht absprechen, an den Holocaust zu erinnern, also an die Schuld der Deutschen. 

Antisemitismus hat auch ein freundliches Gesicht 

"Ihr Juden habt einen guten Humor" oder "'ihr habt ja Geschäftssinn" – der Schweizer Autor Thomas Meyer kann sich über so ein Lob nicht freuen. Denn solche Stereotypen definieren ein Bild. Scheinbar harmlos, konstruieren sie eine Gruppenidentität. Der erste Schritt, um Menschen als fremd auszugrenzen. Wenn Meyer seine Gegenüber darauf hinweist, bekommt er meist diesen Satz zu hören: "Ihr Juden seid auch immer gleich so empfindlich". Also nicht der, der Klischees mit der Wirklichkeit verwechselt, soll sich schämen, sondern der, der einen darauf hinweist. Selbsterkenntnis sieht anders aus. Kein Wunder, dass Thomas Meyer Lisa Eckharts Witzeleien für klar antisemitisch hält.  

"Der Antisemitismus ist in unseren Breitengraden Teil des kulturellen Vokabulars", beklagt denn auch der fränkisch-jüdische Journalist Ronen Steinke. Gemeint ist damit nicht offenkundiges Nazi-Sprech, sondern latente, alltägliche Ausgrenzung, die kaum mehr als das Nicht-Argument des "Das wird man wohl noch sagen dürfen" zur Verteidigung vorbringt. In Wahrheit geht es um das Verschieben des Sagbaren. Schritt für Schritt wird Antisemitismus wieder salonfähig. Das Unsagbare – Juden als Gruppe zu markieren und herabzusetzen – schleicht sich so zurück in den Alltag.  

Juden sind Deutsche 

Deutsche und Juden haben eine gemeinsame Geschichte. Der konservative jüdische Philosoph Leo Strauss hatte auf seinem Schreibtisch in Chicago immer ein Foto von sich als Soldat im Ersten Weltkrieg stehen – in dem er für Deutschland gekämpft hatte. Seine Heimat. Jenes Land, aus dem ihn die Nazis vertrieben haben. Er aber wollte die Verbindung zu diesem Land nicht aufkündigen. 

Nach 1989 wurde das geeinte Deutschland eine Zufluchtstätte für viele Juden. Die Gemeinden wuchsen wieder. In München leben wieder fast so viele Juden wie vor 1933. Es gab Hoffnung auf ein Land, in dem Juden wieder als Bürger angesehen werden und nicht als Relikte oder Fremdkörper. Die Chance ist noch nicht vorbei – aber nur, wenn wir uns entschieden gegen jede Form von Antisemitismus wehren!