"Im Untergrund" von Will Hunt Warum die Welt unter der Erde so fasziniert

Kanalsysteme, Tunnel, Höhlen: Will Hunt ist magisch angezogen von Räumen und Wegen unter der Erde. In seinem Buch erzählt er von Expeditionen ins Dunkle – und davon, wie seine Passion mit einer unheimlichen Entdeckung begann.

Von: Knut Cordsen

Stand: 09.03.2021 | Archiv

Blick in einen U-Bahn-Tunnel in New York mit Schienen und Leitungen | Bild: Steve Duncan

Ein Journalist und Entdecker sei er, sagte der Amerikaner Will Hunt im vergangenen Jahr auf dem TED Talk. Zehn Jahre lang ist er an Orte gereist, die unserem Blick meist verborgen bleiben: stockdunkle Stollen, Gruben und Grotten, feuchtkalte Kanalsysteme, Kavernen und totenstille Katakomben. Wenn er in seinem faszinierenden Buch "Im Untergrund. Expeditionen ins Reich der Erde" vom "Kult der lichtlosen Zone" schreibt, darf man ihn für einen Anhänger desselben halten.

Die Eingeweide der Städte

"In Paris", erzählt Hunt, "robbte, kroch und wanderte ich zusammen mit den 'Cataphiles', den Liebhabern des unterirdischen Tunnelsystems, die dort teilweise geheime Konzerte unter Tage geben und Kunst ausstellen." Mehrere Tage durchquerte er zusammen mit anderen die französische Hauptstadt, und weil es mehr Kataphile gibt, als man glaubt, beschäftigt die Stadt eine eigene Polizeistreife zur Kontrolle der Katakomben, genannt "Cataflics".

Buchautor Will Hunt

Will Hunt traf auf seinem Treck durch das Miasma von "Fäkalienströmen" und entlang von Gestein, das "erdig, fast angenehm ländlich, nach regendurchweichter Tafelkreide" roch, viele Gleichgesinnte. Allesamt "Urban Explorers" wie er, kurz "Urbexer", die über Gullydeckel oder Metro-Schächte und die "chatières" – Katzenklappen – genannten Durchgänge in die labyrinthischen Eingeweide der Städte hinabsteigen. Um danach, so schreibt er, problemlos einen "Atlas der unsichtbaren Stadt" zeichnen zu können. "Mit Google Maps können wir zwar virtuell in entfernte Regenwälder und Wüsten vorstoßen", so Hunt, "aber der Untergrund bleibt ein Mysterium, ein vergessener Kontinent. Unter unseren Füßen liegen riesige Tunnelsysteme, geheime Bunker, und alte Städte, die nie ausgegraben wurden. Es gibt wunderschöne Höhlen dort, die oft Tausende Jahre lang kein Mensch zu Gesicht bekommen hat."

Die Faszination des Untergrunds

Inneres einer unterirdischen Stadt in Kappadokien (Türkei)

Angefangen, so erzählt es Will Hunt, hat für ihn alles mit 16 Jahren, als er in Providence, Rhode Island, hinter dichtem Gebüsch verborgen, den Eingang in einen verlassenen Eisenbahntunnel fand, über dem die Jahreszahl 1908 prangte: "Ein unheimlicher Ort, verlassen seit 25 Jahren. Tropfstein hing von der Decke, ich watete durch Schlamm. Ich war fürchterlich erschrocken, aber irgendetwas zog mich immer wieder dorthin zurück. Es war die ebenso fremde wie rätselhafte Anderswelt, die direkt unter jener Welt lag, die mir am vertrautesten war."

In seinem Buch spannt Will Hunt den Bogen von diesem Initiationserlebnis bis zum Treffen mit José Humberto Gómez, der so wie Hunt als Jugendlicher, nur schon mit 13 Jahren, im Urwald der Halbinsel Yucatán die Entdeckung seines Lebens machen sollte. Der Mexikaner stieß seinerzeit zufällig auf eine vergessene Höhle der Maya, einen heiligen Ort, eine Opferstätte, mit von bunten Göttergesichtern verzierten Töpfen, Räuchergefäßen, Urnen – und menschlichen Skeletten. Er war am Nachmittag des 15. September 1959 der erste Mensch, der seit zwölfhundert Jahren diese Höhle betreten hatte – ein Fund, der ihn in der Folge zu "einer Art Höhlenflüsterer" des Dschungels werden ließ, weil seine Störung der Totenruhe keinen Fluch nach sich zog – zum nicht geringen Erstaunen seiner Landsleute.

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The Dark Zone | Will Hunt | TEDxPSU | Bild: TEDx Talks (via YouTube)

The Dark Zone | Will Hunt | TEDxPSU

Magische Orte unter der Erde

"Wir gehören nicht zum Untergrund", stellt Will Hunt fest. "Als Lebewesen, die der afrikanischen Savanne entstammen, sind wir auf Licht angewiesen, auf reichlich Sauerstoff und offene Horizonte. Wir sollten den Untergrund eigentlich meiden, diesen klaustrophobischen Ort der Toten – und doch habe ich auf meinen Reisen viele Menschen getroffen, die eine tiefe Verbindung zur unterirdischen Welt hatten." Die Ursache für diese Verbindung sieht Hunt darin, dass wir eine "spirituelle Spezies" sind, für die der unterirdische Raum ein Resonanzraum besonderer, magischer Art ist. "In den Keller hinuntersteigen heißt träumen", diesen Satz aus Gaston Bachelards "Poetik des Raumes" zitiert Will Hunt in seinem Buch.

Ob im Alten Testament Elia in einer Höhle zu Gott spreche oder Mohammed in einer Höhle zu Allah: In allen Kulturen, auch bei den Schamanen indigener Völker in Nordamerika, sei dieses Motiv zu finden, so der Autor. "Selbst die Orakel der griechischen Antike befanden sich in Höhlen. Selbst wir, die wir heute in einer von Helligkeit besessenen Welt leben, fühlen uns von der dunklen Zone angezogen. Natürlich nicht, weil wir dort religiöse Zeremonien oder schamanistische Riten abhalten wollen. Aber sobald wir in den Schlund einer Höhle blicken, in eine Tunnelröhre oder auch nur in ein finsteres Kellerabteil, wird in unserem Inneren etwas aktiviert. Es macht uns nervös, wir sind fasziniert davon und werden davon angezogen."

"Im Untergrund. Expeditionen ins Reich der Erde" von Will Hunt ist in der Übersetzung aus dem Englischen von Anke Caroline Burger bei Liebeskind erschienen. Den Beitrag aus der kulturWelt können Sie hier nachhören.