Hass und Hetze im Netz Das Perpetuum Mobile der Wut

Wer am lautesten brüllt, bekommt Gehör. Denn Hass bringt Klicks - und das belohnen die sozialen Netze und Suchmaschinen. So entsteht ein sich selbst befeuernder Kreislauf.

Von: Flora Roenneberg

Stand: 16.02.2021 | Archiv

Illustration zu Hass im Netz | Bild: picture alliance / PantherMedia | Valeriy Kachaev ; openmoji.org/Vanessa Boutzikoudi

Auf dem digitalen Marktplatz von heute ist die Hölle los. Wutbürger, Trolle und Bots haben sich dort versammelt um Hass zu schüren und zu Gewalt aufzurufen. Als Journalistin in einer Online-Redaktion wird mir dieser Hass täglich vor Augen geführt. Dort werde ich als „Hure der linksversifften, gleichgeschalteten Systempresse“ online beschimpft. Der Zorn gegen die Medien – für mich eine alltägliche Wahrnehmung. Fakenews, Schmähgedichte, Shitstorms und Hetztiraden scheinen übermächtig zu sein und vertreiben gemäßigte Stimmen. Es ist ein Sturm, in dem zwischen Wahrheit und Lüge kaum noch unterschieden wird. Was das mit uns und unserer Demokratie macht, wie Gewalt von der digitalen in die analoge Welt schwappt und Worte zu Taten werden, wurde uns in den letzten Jahren mehrfach brutal vor Augen geführt. Neben der Hassrede gegen Gruppen zeigt sich das hässliche Gesicht digitaler Gewalt auch im Cybermobbing gegen Einzelne. Wo kommt dieser Hass her? Was macht er mit uns? Und wie können wir ihm Einhalt gebieten?

Wellen der Wut

Eine Spirale der Wut lässt sich schon lange im Netz beobachten. Hasserfüllte Rhetorik, die Feindbilder schafft, bekommt immer mehr Aufmerksamkeit und schürt immer mehr Wut. Hetz-Artikel verbreiten sich im Internet stärker, werden häufiger geteilt als andere, wie die die österreichische Journalistin Ingrid Brodnig untersucht hat. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Hass im Netz: „Wir haben das Problem, dass in der digitalen Debatte häufig derjenige gewinnt, der Wut sät.“  

Wie man dieser Wut begegnet und sich Verschwörungserzählungen stellt, beschreibt Brodnig in ihrem neuen Buch: „Einspruch!“ In der digitalen Debatte, so meint sie, würden jene Akteure begünstigt, die Wut säen und deren Gesellschaftsbild auf Hass aufbaut. Auf diese Form von wütender Rhetorik reagieren im digitalen Raum erst die Menschen - und im selben Zug die Maschinen. Der Algorithmus wertet Beiträge mit besonders vielen Kommentaren als besonders relevant und setzt damit, laut Brodnig, ein Perpetuum Mobile der Wut in Gang. Und sie führt noch ein zweites Bild ein: Den Hass im Netz beschreibt sie als Wellen. Die Debatte um geflüchtete Menschen 2015/16 verursachte eine große Welle der Wut, eine noch größere rief ihrer Meinung nach die jetzige Corona-Krise hervor, in der sie ein Einfallstor für rechtsextreme Propaganda sieht. Jeder gelöschte Post, jede kluge Entgegnung auf faschistische Hassprediger, stellt so etwas wie einen Wellenbrecher dar – auch im Netz sind wir rechter Demagogie nicht hilflos ausgeliefert. Ihre Analyse ermutigt, sich gegen die verbreitete Meinung zur Wehr zu setzen, dass der Einzelne gegen die Macht im Netz sowieso nichts ausrichten könne.

Rechte Hetze

Begriffe aus dem rechten Spektrum wie Lügenpresse, Systempresse oder Erzählungen von einer neuen Weltordnung werden im Internet gesät und verbreitet. Dieses Framing verfolgt klare Ziele: Die öffentliche Meinung soll sich gegen die freie Presse richten. Daneben blickt Ingrid Brodnig vor allem auf antisemitische Verschwörungsmythen und die Verharmlosungen der NS-Diktatur mit Sorge. Unter dem Mantel der persönlichen Meinungsfreiheit verbreitet die extreme Rechte schon seit Jahren mehr oder minder geschickt Lügen und fordert zu Gewalt auf. Holger Marcks und Maik Fielitz sehen dies als einen Feldzug gegen unsere Demokratie, wie sie in ihrem vielbesprochenen Buch „Digitaler Faschismus“ schreiben.

Die Terrorismusforscher beschreiben ein ausgefeiltes System von Aktionen, das Mehrheiten im Netz verzerrt. Dies geschieht über Fakeprofile, Mehrfach-Postings und Bots: Technische Mittel, die eine große Masse vorgaukeln, um so die Algorithmen zu täuschen. Marcks und Fielitz machen deutlich, mit welchen postfaktischen Werkzeugen die extreme Rechte das Vertrauen in die herkömmlichen Medien und den Staat untergräbt. All das schürt Angst, stiftet Verwirrung, und fördert Bedrohungsmythen und Feindbilder. Diese Hetze treibt nicht nur im Netz ihr Unwesen, sie ist längst auf der Straße angekommen.

Das Hassrudel

Die Grenzen der digitalen und der analogen Welt haben sich aufgelöst. Im Internet sind viele Menschen enthemmter und trauen sich mehr. Dieser Mechanismus wird von dem Psychologen John Suller durch die Anonymität und Unsichtbarkeit des Gegenübers im digitalen Raum erklärt. Außerdem wird dieses Verhalten durch die sogenannte ‚Rudelmentalität‘ unterstützt, in der das Hetzen der Gruppe das Verhalten des Einzelnen befeuert. Es sind also keine emotionalen Ausraster, hinter den digitalen Hetzkampagnen steckt ein System, mit fatalen Folgen. Einige können nicht mehr unterscheiden zwischen Propaganda und Wirklichkeit und glauben zur Tat schreiten zu müssen. Mit Helmkameras und Livestreams wird das für den Faschismus typische Gemeinschaftserlebnis erzeugt. Hier ist eine neue Form des Tätertypus entstanden, der sich im Internet so positioniert, dass Menschen sein gewaltsames Verhalten kopieren. Dies zeigt sich bei den Anschlägen der letzten Jahre ganz deutlich – zuletzt bei der Stürmung des Kapitols in Washington.

Gewalt hat viele Gesichter

Die Internet-Expertin Ingrid Brodnig betont, dass die Gefahr nicht allein in der physischen Gewalt liegt: „Man muss aufhören, Gewalt nur dann als Gewalt zu sehen, wenn wirklich schon ein Schlag ins Gesicht oder eine Brandstiftung stattfindet. Weil für eine Frau, die auf Facebook eine Nachricht bekommt, von einem unbekannten Absender, dass sie sich nicht wundern muss, wenn sie auf dem Heimweg vergewaltigt wird, ist das sehr wohl Gewalt.“

Der Hass im Internet ist allgegenwärtig, sowohl Männer als auch Frauen sind betroffen. Ingrid Brodnig hat jedoch über Jahre beobachtet, dass Männer und Frauen nicht auf die gleiche „respektvolle Art“ beleidigt werden. Bei Männern geht es meist um Leistung, bei Frauen um den Körper und das Aussehen. Männer werden nicht mit Vergewaltigungsphantasien konfrontiert, nicht zu Sexobjekten degradiert. Brodnig weist auf die Gefahr hin, dass Frauen so aus der digitalen Debatte weggemobbt werden. Das ist der sogenannte „Silencing Effekt“, bei dem Hassrede dazu führt, dass die Betroffenen verstummen. Amnesty International konnte in einer Umfrage zeigen, dass jede dritte Frau, die Hassrede erlebte, aufhörte, sich zu gewissen Themen zu äußern. Bei der Organisation ‚Hassmelden‘ gingen allein im Januar 25.000 Meldungen ein. Der Initiator Leonhard Träumer sieht die Erklärung vor allem darin, dass sich Menschen im digitalen Raum sehr sicher fühlen und ungehemmt agieren.

"Das Internet ist halt auch ein gutes Ventil, weil da kann jeder rein, da kann jeder laut sein, da kann jeder auch viel lauter sein, als er es in der analogen Welt sein könnte."

Leonhard Träumer, Initiator ‚Hassmelden‘

Frauenhass im Netz

Die meisten Urheber der gemeldeten Straftaten sind Männer. Diese gehen laut Träumer in einer Art und Weise mit Frauen um, die man niemals gegenüber einem anderen Mann sehen würde. Direkte Hilfe für die Betroffenen digitaler Gewalt bietet die Organisation ‚HateAid‘. Sie berät individuell und bietet finanzielle, psychologische und juristische Unterstützung. Die Geschäftsführerin Anna-Lena von Hodenberg schildert den klassischen Fall im Netz so, dass eine Aussage, vor allem zu Reizthemen wie Migration, Rechtsextremismus, AFD, Feminismus und Klimawandel, aber auch scheinbar grundlos, zu Angriffen führt. Bei Frauen sind diese immer sexualisiert. Frauen werden an den Pranger gestellt und bedroht. Nach den Beleidigungen werden die Opfer oft weiterverfolgt, ihre Daten aufgespürt - und die Täter stehen manchmal sogar vor der Tür. Auch die Politikerin Swasan Chebli wurde Opfer digitaler Gewalt: „Am Anfang hat das mich bewegt, und auch persönlich getroffen. Inzwischen weiß ich, diese Leute kennen mich nicht. Und sie tun es vor dem Hintergrund der Tatsache, dass ich für sie eine Frau bin, eine Migrantin, eine Muslima. Und das alles schon allein ein Feindbild ist. Und ich habe gelernt, das nicht so nah an mich ranzulassen, und das ist, glaube ich, ganz gut.“

Die Klimaaktivistin Luisa Neubauer war auch von digitaler Gewalt betroffen, und wehrte sich vor Gericht, bis sie eine einstweilige Verfügung erwirkte. Neubauer ist überzeugt, dass es ein gesellschaftliches Massenphänomen ist, dass Frauen so angegangen werden. Hodenberg pflichtet ihr bei: „Der kleinste gemeinsame Nenner von den ganzen Trolls, von Rechtsextremisten, Antisemiten, die sich eben auf Telegram, auf 4Chan und so weiter rumtreiben, ist Frauenhass!“

Hodenberg weist darauf hin, dass der digitale Hass gegen Frauen, dazu führt, dass die in den letzten hundert Jahren mühsam erkämpfte „Gleichberechtigung“ nicht nur im Netz, sondern auch in der analogen Welt ins Wanken gerät.

Humor gegen Hass

Wie begegnet man diesem Hass? Eine Waffe ist ganz bestimmt der Humor. Der Journalist Hasnain Kazim hat dazu ein Buch geschrieben: „Post von Karlheinz“. Er hat sich mit den Wutbürgern im Netz auf einen ironischen Dialog eingelassen, und diese Korrespondenz dann veröffentlicht:

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Die Kabarettistin Sarah Bosetti geht noch einen Schritt weiter, sie verwandelt die Hasskommentare, die ihr entgegen geschleudert werden, in - Gedichte:

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Digitale Zivilcourage

Sich gegen den Hass zu wehren, ist nicht einfach. Wer Anzeige erstatten will, sieht sich zunächst mit langen Formularen und einer Liste an Auswahlmöglichkeiten konfrontiert, auf der Fahrraddiebstahl der erste, und Hate Speech der letzte Punkt ist. Strafverfolgungsbehörden scheinen das Thema verschlafen zu haben, und sind erst jetzt dabei, sich zu reformieren. Doch auch wenn Politik und Plattformbetreiber das Thema immer stärker wahrnehmen und Gesetze wie das NetzDG erneuert werden, wird der Ruf nach Regulierung immer lauter. Marcks und Fielitz fordern eine „Neuordung der sozialen Medien“ und sehen die Politik und Plattformbetreiber in der Pflicht. Eine Entfernung von Like- und Rating-Instrumenten könnte metrischer Manipulation entgegenwirken. Ihre Analyse lässt keinen Zweifel an der Notwendigkeit von Plattformregulierungen. Solange die sozialen Medien als private Betreiber an Kommentaren verdienen, und andere Netzwerke wie Telegram nicht unter das NetzDG fallen, ist es kaum möglich, dem Hass Einhalt zu gebieten. Eine fatale Situation, die uns zwingt, die Last der Einhegung selbst zu übernehmen. Ingrid Brodnig Anna-Lena von Hodenberg und Leonhard Träumer appellieren an die Verantwortung jedes Einzelnen. Es gilt, nicht mehr wegzusehen, Vorfälle sofort zu melden und sich solidarisch zu zeigen.

Mehr digitale Zivilcourage und ein moralischer Kompass im Netz sind gefragt - und glaubwürdige Schritte seitens der Plattform-Betreiber, im Zweifel auch durch demokratische Regulierung. Denn eigentlich sollten wir es sein, die den Marktplatz unseres digitalen Dorfes gestalten, und bestimmen, wie dort miteinander umgegangen wird.